Norwegen 2023stefanmitterer.deDieser Blog präsentiert die Erlebnisse meiner 30-tägigen Reise vom 02. September bis zum 02. Oktober 2023 durch Süd- und Zentralnorwegen. Dieser Bericht ist im Entstehen und wird laufend (unregelmäßig) ergänzt
Tag 1-2 Stabkirche Heddal und Heddersvatn Seit mir im Jahr 2017 das Privileg vergönnt war, durch das schöne Island reisen und dabei auch die dortigen, abgelegenen Westfjorde erforschen zu dürfen, war mir klar, dass es mich eines Tages auch nach Norwegen ziehen würde. Seit jeher habe ich nämlich ein Faible für diese unvergleichliche Kombination aus Bergen, Wasser, Eis und Wildheit, wie man sie in Europa wohl (abgesehen von Island) nur mehr in Teilen von Skandinavien findet. Und da ich nach meiner Reise durch Patagonien zu Beginn des Jahres keine zweite Fernreise in 2023 unternehmen möchte, fällt mir die Wahl auf Norwegen letztlich ganz leicht. Da sich zudem das Prinzip Mietwagen in Island für mich grundsätzlich bewährt hat und ich erneut große Distanzen zurücklegen möchte, entscheide ich mich nach 2017 erneut für einen geräumigen 4WD-Wagen. Und trotz einer Buchung nur wenig Wochen vor Abflug halten sich die Mietwagenkosten mit ca. 50 Euro pro Tag sogar sehr in Grenzen - wohl einer der Vorteile, wenn man außerhalb der Hauptsaison reist. Den ursprünglichen Plan, von Oslo einmal durch ganz Norwegen bis Tromsø (inkl. Abstecher zu den Lofoten und zum Nordkap) zu fahren, habe ich indes schnell verworfen. Zu teuer, zu weit. Stattdessen will ich mir in Süd- und Zentralnorwegen Zeit lassen und die entsprechenden Landesteile ausgiebig erforschen. Bei einem landschaftlich so eindrucksvollen Land wie Norwegen wäre es nämlich sehr schade, hetzen zu müssen. Besser, man widmet den Lofoten und Nordnorwegen einen eigenständigen Besuch! Und so sind bald die Sachen gepackt, die ungefähre Reiseroute steht und ich mache mich von München auf in den hohen Norden - Was habe ich mir da nur wieder vorgenommen...? Nachdem ich mir nach einer kurzen, entspannten Anreise am Flughafen Oslo (Gardermoen) das Mietauto abgeholt, den ersten „Schock“ verdaut (entgegen der Buchung habe ich ein Auto mit Automatikschaltung, was für mich eine komplett neue Erfahrung ist) und es heil aus dem Parkhaus geschafft habe, geht es zunächst einmal in Richtung Hønefoss. Am nächsten Morgen zeigt sich der Himmel dann gleich einmal von seiner maximal grauen, wolkenverhangenen Seite. Bei immer wieder auffrischendem Regen überlege ich, was ich mir auf dem Weg zu meinem ersten Reiseziel, dem Gaustatoppen, eventuell anschauen könnte. Ich beschließe dann nach kurzer Zeit, das in diesem Teil Norwegens offensichtlichste touristischste Ziel anzusteugern, die Stabkirche Heddal westlich von Kongsberg (den Besuch des dortigen Silberbergwerks hatte ich kurz in Betracht gezogen, aber dann wieder verworfen, da mir der Spaß keine 280 NOK bzw. ca. 25 Euro wert war). Die Stabkirche Heddal ist indes mit 26 Metern die größte erhaltene Stabkirche Norwegens und eine der beliebtesten Attraktionen in diesem Teil des Landes. Nachdem ich mir die wirklich wunderschöne, fast 800 Jahre alte Holzkirche ausgiebig angeschaut habe, geht es anschließend weiter zum hochgelegenen Heddersvatn. Dieser herrliche Gebirgssee wird mein morgiger Ausgangspunkt für die Besteigung des Gaustatoppen (1883 m.) sein. Hierbei handelt es sich um einen der meistbestiegenen Berge Südnorwegens. Dieser höchste Punkt der gesamten Telemark ist sicherlich das absolute Gegenteil eines Geheimtipps, allerdings bei schönem Wetter (was für morgen tatsächlich vorhergesagt ist!) die vielleicht beste Gelegenheit, sich einen umfassenden Überblick über Südnorwegen zu verschaffen. Der Berg ist nämlich im weiten Umkreis die mit Abstand höchste Erhebung und bietet zudem einen fantastischen Ausblick über die endlosen Weiten der legendären Hardangervidda-Hochfläche. Ich bin gespannt...Als ich es mir oberhalb des Sees am Abend nämlich so langsam gemütlich mache, tobt draußen der Sturm. Es schüttet wie aus Eimern und ein orkanartiger Wind vertreibt jeglichen euphorischen Gedanken an eine schöne Bergtour. Norwegen hat mich eher frostig empfangen! Mal sehen, ob den Vorhersagen von Yr (DER norwegischen Wetter-App) zu trauen ist... [Bild: Die im Jahre 1242 geweihte Stabkirche Heddal ist mit gewaltigen 26 Metern Höhe und 20 Metern Länge die größte authentische Stabkirche Norwegens]
[Bild: Die auch als „Gotische Kathedrale aus Holz“ bezeichnete Stabkirche Heddal weist zahlreiche kunstvolle Schnitzereien heidnischen Ursprungs auf und dient auch heutzutage noch als Ort für Gottesdienste, Hochzeiten und Taufen]
[Bild: Die dunkle Farbe von Stabkirchen rührt von dem Teer her, mit dem sie regelmäßig gestrichen werden, um sie vor dem feuchten Wetter Norwegens bestmöglich zu schützen. Auch die Stabkirche Heddal wäre wohl längst verfault und hätte nicht 800 Jahre überlebt, würde man sie nicht regelmäßig dieser speziellen Behandlungsmethode unterziehen]
[Bild: Auch wenn die Stabkirche Heddal eine der beliebtesten touristischen Attraktionen Südnorwegens ist und tagtäglich von unzähligen Autos und Bussen angesteuert, sollte man das Gelände stets mit Respekt und Demut betreten, handelt es sich doch letztlich v. a. auch um einen ganz normalen Friedhof der einheimischen Bevölkerung]
[Bild: Die Stabkirche Heddal gehört bei einem Aufenthalt in Südnorwegen sicherlich zu den lohnendsten kulturhistorischen Zielen, die man ansteuern kann. Zudem ist sie (alleine schon aufgrund ihrer schieren Größe) neben Borgund und Urnes eine der eindrucksvollsten Stabkirchen überhaupt]
[Bild: Oberhalb des Heddersvatn südöstlich des Gaustatoppen - Obwohl ich mich hier lediglich auf etwa 1200 m. H. befinde, liegt die Baumgrenze doch weit unten im Tal. Entsprechend fühlt man sich hier in Kombination mit dem stürmisch-regnerischen Wetter schon ziemlich exponiert. Erreicht werden kann der See indes nur über kurvenreiche Gebirgsstraßen von Norden oder (wie in meinem Fall) von Süden]
[Bild: Tiefblick zu einer einsamen Hütte beim Heddersvatn - Links in der Ferne kann man die östlichen Ausläufer der Hardangervidda erkennen]
[Bild: Herbststimmung an den Ufern des Heddersvatn - Während merklich kürzere Tage und ein deutlich kühleres, regnerisches Wetter klare Nachteile einer Norwegen-Reise im Herbst sind, zählt die farbenreiche Vegetation definitiv zu den absoluten Pluspunkten]
Tag 3 Gaustatoppen (1883 m.) + Fahrt via Hardangervidda und Stabkirche Eidsborg durch die Telemark Als ich mich früh am Morgen auf den Weg zum Gaustatoppen machen will (um den Massen zumindest beim Aufstieg zu entgehen), lässt mich ein eisig-kalter Wind ungeplant zunächst einmal im Auto verharren. Es regnet zwar (wie versprochen) nicht, aber von sonnig-einladendem Wetter kann keine Rede sein. Eine dichte, lovecraftsche Nebelsuppe hüllt den Berg ein, während ein gemeiner Wind am Auto rüttelt. Egal, das ist eben Norwegen! Ich beschließe, es einfach zu probieren und darauf zu spekulieren, dass es irgendwann aufreißt und schön wird. Und so packe ich mich nach dem bewährten Zwiebelprinzip dick ein und mache mich (etwas trotzig) auf den Weg. Der Weg vom Parkplatz („Parking Stavsro Gaustahytta“) Richtung Gipfel ist der klassische (und mit Abstand einfachste) Aufstieg, perfekt also angesichts des ungemütlichen Wetters. Ohne Schwierigkeiten folge ich den Markierungen über blockreiche Hänge und Flanken etwa 700 Hm aufwärts, bis unvermittelt der Ausgang der Standseilbahn Gaustabanen aus dem sprichwörtlichen Nichts auftaucht. Ein paar Meter oberhalb „flüchte“ ich erst einmal in die gemütliche Gaustatoppen Turisthytte, eine knapp unterhalb des Gipfelaufbau gelegene Schutzhütte des Norwegischen Wandervereins DNT. Während ich mich bei einem (ziemlich üblen) Kaffee aufwärme, beginnen die den Gaustatoppen umwirbelnden Wolken glücklicherweise peu à peu weniger zu werden. Nach einiger Zeit mache ich mich schließlich auf den Weg zum Gipfel, welcher nur über einen schroffen und bei Nässe etwas unangenehmen Grat (Kraxelei im Schwierigkeitsgrad I) erreicht werden kann. Am höchsten Punkt angekommen, präsentieren sich die umliegende Telemark und die gewaltige Hardangervidda dann von ihrer schönsten Seite. Es ist zwar extrem windig, aber dafür (wie erhofft) absolut sonnig. Ich lasse den Blick über die umliegenden zahlreichen Seen schweifen und spüre, dass ich hier das erste große Highlight meiner Norwegenreise gefunden habe. Der anschließende Abstieg bei allerschönstem skandinavischen Herbstwetter zurück zum Heddersvatn ist dann die Definition von Lustwandeln. Ich habe es nicht eilig, denn ich weiß ehrlich gesagt noch gar nicht, wohin es mich als nächstes zieht (glücklich ist, wer diese Art der Freiheit hat). Da ich allerdings im Grunde meines Herzens spüre, dass es Zeit wird, das Meer zu sehen, fällt mir die Entscheidung letztlich ganz leicht. Auch wenn ich es im Folgenden aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit heute nicht mehr ganz bis an die Südküste schaffe, runden der Besuch der faszinierenden Stabkirche Eidsborg und die entspannte Fahrt während der Dämmerung durch die Telemark diesen tollen Tag perfekt ab. Ich bin nun so richtig angekommen in Norwegen. Und ich kann kaum erwarten, was vor mir liegt. [Bild: Ausblick beim Aufstieg zum Gaustatoppen in östliche Richtung zum gleichnamigen Skisenter (= Skizentrum). Nicht nur im norwegischen Sommer ist die Gegend bei Touristen wie Einheimischen hoch im Kurs, auch im Winter lassen sich hier traumhaft schöne Momente erleben: Wer könnte zu einer Skiabfahrt oder einem Hot Pot mit Blick auf den Gaustatoppen schon Nein sagen?]
[Bild: Bei absolutem Traumwetter auf dem Gipfel des Gaustatoppen (1883 m.) - Die Aussicht von diesem höchsten Berg der gesamten Telemark ist schier endlos, angeblich ist von hier (an einem Tag wie heute) ein Sechstel von ganz Norwegen zu überblicken]
[Bild: Tiefblick vom Gaustatoppen nach Nordosten: Markant fällt die Hochebene rund um den höchsten Punkt der Telemark gen Rjukan ab, nur um auf der anderen Seite ebenso abrupt zu den östlichen Ausläufern der Hardangervidda anzusteigen]
[Bild: Dass der Gaustatoppen (1883 m.) im Umkreis von fast 100 km (!) der höchste Berg und unumschränkte Herrscher ist, wird bei einem Aufenthalt auf seinem felsigen Haupt schnell deutlich - Was für ein Panorama...]
[Bild: Unzählige traumhaft schöne Seen prägen das Landschaftsbild der hügeligen Hochflächen rund um den Gaustatoppen. Wie herrlich es (speziell vor dem Hintergrund des Jedermannsrechtes) sein muss, durch diese rauen Weiten zu streifen und nach Lust und Laune sein Zelt aufzuschlagen]
[Bild: Auch wenn der Gaustatoppen (1883 m.) aufgrund seiner vergleichsweise großen Höhe und exponierten Lage ein (auch im Sommer) raues Klima aufweist, so wird die allgemeine Ernsthaftigkeit durch die Präsenz der Gaustatoppen Turisthytte (die Schutzhütte unterhalb des Gipfels) und die Gaustabahn naturgemäß deutlich abgemildert. Eine andere Geschichte ist die legendäre Hardangervidda (in der Ferne), die mit 8000 km² (!) größte Hochfläche Europas. Eine Trekkingtour durch diese entlegene Wildnis will gut geplant sein]
[Bild: Gipfelglück auf dem Gaustatoppen (1883 m.) - Nachdem der gestrige Tag wettertechnisch und aktivitätsmäßig noch eher bescheiden verlaufen ist, habe ich mit dieser Tour erstmals so richtig Glück gehabt. Und auch wenn es sich um kein bergsteigerisch allzu anspruchsvolles Ziel handelt (von dem etwas exponierten und mit einzelnen Kraxelstellen garnierten Gipfelgrat einmal abgesehen), so kann ich eine Tour auf den höchsten Berg der Telemark (trotz der Vielzahl an Touristen und der unästhetischen Antenne auf dem Vorgipfel) bei gutem Wetter doch jedem Wanderer empfehlen. Erfahrungsgemäß werden die meisten Touristen auf dem Vorgipfel zurückbleiben und nicht bis zum höchsten Punkt gehen (ich hatte ihn längere Zeit für mich ganz alleine). Es gibt in Südnorwegen wohl nur wenige Orte, die einen vergleichbar umfassenden Ausblick bieten]
[Bild: Bei absolut sonnigem (aber sehr windigem!) Wetter auf dem Gaustatoppen (1883 m.) - Da ich mir abgesehen von der Bergtour für heute keine konkreten „Ziele“ vorgenommen hatte, bleibe ich vergleichsweise lange auf dem herrlich exponierten Gipfel. Speziell die schier endlos weiten Ausblicke in die östlichen Ausläufer der Hardangervidda faszinieren mich einfach zu sehr]
[Bild: Abstieg vom Gaustatoppen zum Heddersvatn (rechts) - Nachdem der Aufstieg am Vormittag noch in der dichtesten Nebelsuppe, die man sich vorstellen kann (teilweise weniger als 5 Meter Sicht), stattfand, sehe ich nun zum ersten Mal auch etwas von der Südostseite des Berges. Dass es indes zwar wunderbar sonnig, aber auch relativ kalt ist (v. a. wenn der Wind auffrischt), verdeutlicht die Kleidung der anderen Wanderer. In Norwegen sollte man beim Wandern idealerweise immer Mütze und Windstopper dabei haben]
[Bild: Landschaftlich wunderschöner Abstieg vom Gaustatoppen zum hochgelegenen See Heddersvatn. Auch wenn man angesichts solch rauer Landschaften meinen könnte, dass das hier bereits die berühmte norwegische Wildnis sei, so verdeutlichen doch die Passstraße (links unten erkennbar) und die Nähe zum Gaustatoppen Skisenter dass man sich hier in einer touristisch sehr gut erschlossenen Region befindet. Von der Entlegenheit einer Hardangervidda ist man hier meilenweit entfernt]
[Bild: Ausblick über den Heddersvatn. Auch wer keine Ambitionen hegt, den Gaustatoppen zu besteigen, wird bei schönem Wetter an einer Fahrt über den Pass (Gaustavegen, Straße 3430 zwischen Tuddal und Rjukan) seine Freude haben, ist doch bereits das reine Fahren in Norwegen eine Erfahrung für sich]
[Bild: Wieder beim Auto angekommen, habe ich es nicht unmittelbar eilig, meine Reise durch die Telemmark fortzusetzen. Bewusst gemütlich packe ich meine Sachen und beschließe letztlich mein geglücktes „Abenteuer“ Gaustatoppen mit einem kleinen Picknick oberhalb des Heddersvatn. Obwohl reger Durchgangsverkehr auf der Passstraße herrscht, bleiben die Leute höchstens kurz stehen, um den See zu fotografieren. Eine (in Teilen weglose) Umrundung des Sees dürfte eine herrlich einsame (und lohnende!) Alternative zum (zumindest bis zum Vorgipfel) überlaufenen Gaustatoppen sein]
[Bild: Es gibt zahlreiche gute Gründe, Norwegen NICHT im Herbst bzw. stattdessen (wie die Mehrzahl der Touristen) im Sommer zu bereisen. Ab September werden die Tage nämlich merklich kürzer, das Wetter ist rauer, kühler und allgemein wechselhafter. Auf der anderen Seite ist das Preisniveau etwas niedriger als zwischen Juni und August, die Anzahl der Touristen nimmt nun von Woche zu Woche ab und v. a. kommt man in den Genuss der Herbstfarben. Letzteres war für mich einer der Hauptgründe, Norwegen ganz bewusst im September zu bereisen]
[Bild: Irgendwo im Nirgendwo zwischen Telemark und Hardangervidda - Während der (landschaftlich herausragend schönen) Fahrt von Rjukan zur Stabkirche Eidsborg (via Straße 37) tauchen immer wieder kleinere Ansiedlungen von Ferienhäuschen auf. Für „Expeditionen“ und Abenteuer in die Weiten der größten Hochfläche Europas kann es wohl keinen schöner gelegenen Ausgangspunkt geben]
[Bild: Die Stabkirche Eidsborg gilt als eine der am besten erhaltenen Stabkirchen Norwegens. Auch wenn das Aussehen der Kirche durch Restaurierungen im Laufe der Zeit immer wieder verändert wurde, gilt u. a. das Kirchenschiff als original erhalten. Die Kirche wurde 1354 erstmals erwähnt, aufgrund ihrer stilistischen Merkmale wird sie jedoch auf die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert]
[Bild: Die Stabkirche Eidsborg ist Teil des Freiluftmuseums Vest-Telemark und befindet sich (vergleichsweise abgelegen) zentral im Herzen Südnorwegens, über 100 Kilometer Luftlinie von der Küste entfernt. Diese wunderschöne Stabkirche muss man schon ganz gezielt aufsuchen, etwa als Abstecher bei einer Fahrt von Kongsberg Richtung Odda oder Haugesund. Im Gegensatz zur Stabkirche Heddal, wo täglich die Reisebusse haltmachen, hat man diesen beschaulichen Ort dafür in der Regel ganz für sich allein]
[Bild: Abendstimmung an den Ufern des Kviteseidvatnet (auch Kviteseidvatn genannt), welcher Bestandteil des berühmten Telemarkkanals ist. Auch wenn die Fahrt von hier noch ein kleines bisschen weiter gen Küste geht, neigt sich der Tag doch mit großen Schritten dem Ende entgegen. Nach einem neblig-stürmischen Morgen zu Beginn war der heute Tag im Rückblick in Summe das erste wirklich große Highlight meiner Norwegen-Reise: Der Gaustatoppen (1883 m.) bei allerbestem Wetter mit Ausblicken bis in die Hardangervidda, eine landschaftlich traumhaft schöne Fahrt durch die Telemark inkl. Besichtigung einer authentischen Stabkirche und nun die Aussicht, am nächsten Morgen das Meer zu sehen... Was für ein Privileg es doch ist, dies alles erleben zu dürfen]
Tag 4 Jettegrytene, Kalvehageneset, Lillesand, Kristiansand und Kanelstrand Man sagt, dass etwa 80 % der Norwegerinnen und Norweger weniger als 10 km von der Küste entfernt wohnen. Diese Liebe zum Meer spiegelt sich u. a. in einer Vielzahl von (mehr oder weniger) einsamen Leuchttürmen, pittoresken Küstenorten und bunt angestrichenen Holzhütten in Schlagdistanz zu vom Salzwasser glattgeschliffenen Klippen wider. Eine Fahrt entlang der norwegischen Küsten ist daher bei schönem Wetter ein Fest für die Sinne, der Inbegriff von motorisiertem Lustwandeln. Ohne eine genaue Vorstellung davon, wie weit es mich heute treiben wird, mache ich mich am frühen Morgen zunächst auf die Fahrt von der Telemark zu den Jettegrytene på Sild in der Nähe von Risør. Die bekannteste dieser bis zu 6 Meter tiefen Gletschermühlen befindet sich nur leicht oberhalb der Brandung und erfordert daher zum Eintauchen schon etwas Mut, muss man doch achtgeben, nicht im Zuge einer starken Welle ins Meer hinaus geschwemmt zu werden. Abgesehen davon handelt es sich hierbei, wie auch bei dem auf einer Landzunge bei Homborsund gelegenen Naherholungsgebiet Kalvehageneset, in erster Linie um eine formvollendete Möglichkeit, die norwegische Südküste auf unschwierigen Wanderwegen entspannt kennenzulernen. Ob nun in einer der unzähligen „versteckten“ Buchten, am von Möwen bevölkerten Pier einer Hafenstadt wie Lillesand bzw. Kristiansand oder an einem der märchenhaften Strände wie dem Kanelstrand: Norwegen ist mehr als Berge, Fjorde und Wälder. Hier, am Skagerrak, an einem warmen Herbsttag, ist sie zum ersten Mal so richtig spürbar: Die skandinavische Lässigkeit. [Bild: Bei allzu starkem Wellengang sollte man die Jettegrytene (på Sild) besser aus sicherer Distanz bewundern. An einem Tag wie heute dagegen, kann man sich mit der entsprechenden Umsicht (Vorsicht wegen der Brandung!) in die gut 6 Meter Tiefe Gletschermühle begeben und sich mit Blick auf das Meer erfrischen. Um einen Geheimtipp handelt es sich hierbei längst nicht mehr, wer aber (wie ich) leicht außerhalb der Hauptsaison und zudem einigermaßen frühzeitig herkommt, hat die Jettegrytene mit etwas Glück für sich alleine]
[Bild: Im Meer baden ist im Bereich der Jettegrytene (på Sild) nicht empfehlenswert, ist die Brandung doch ziemlich rau. Auch gibt es nicht viele potentielle „Einstiegsstellen“, der Fels ist zudem entweder äußerst glatt geschliefen oder extrem scharfkantig. Hier bleibt man besser oberhalb des Skagerrak auf den sicheren Klippen und bewundert das Meer aus sicherer Distanz. Zum Baden gibt es an der südnorwegischen Küste bessere Orte, Sandstrand inklusive]
[Bild: Unzählige von der Eiszeit und vom Salzwasser glattpolierte Klippen laden im Bereich der Jettegrytene (på Sild) dazu ein, dem inneren Entdeckerdrang zu frönen oder einfach einen entspannten Tag zu verbringen. Was könnte es Schöneres geben, als sich hier mit einer Picknickdecke eine ruhige Ecke zu suchen und dem konstanten Rauschen der Wellen zu lauschen...]
[Bild: Nicht nur Menschen wissen, wo es schön ist: Eine Ziegenherde grast friedlich auf den Klippen in der Nähe der Jettegrytene (på Sild) oberhalb des Skagerrak und lässt sich von mir in keinster Weise stören. Die entspannte Mentalität der Norweger ist ganz offensichtlich eine „Zoonose“ der guten Art]
[Bild: Etwa 80 Kilometer südwestlich der Jettegrytene (på Sild) befindet sich das auf einer Halbinsel gelegene Naherholungsgebiet Kalvehageneset, das mit einigen traumhaftschönen Wanderwegen entlang der Küste aufwartet. Meistens sind es die Einwohner der nahegelegenen Kleinstadt Homborsund, die den unscheinbaren, weißgestrichenen Leuchtturm am Südende der Landzunge ansteuern, aber auch immer mehr Touristen erfreuen sich an der von Heidekraut geprägten idyllischen Küstenlandschaft]
[Bild: Unterwegs im Naherholungsgebiet Kalvehageneset mit Blick in den kleinen Homborsundfjord. Der mit Abstand lohnendste (und auch naheliegendste) Wanderweg in der Umgebung ist der Rundweg, der einmal komplett um die Halbinsel führt. Dabei bieten sich einem regelmäßig wunderbare Ausblicke über die von Heidekraut überwucherte Landschaft, während auf dem Wasser regelmäßig kleine Segel- und Fischerboote vorbeiziehen]
[Bild: Ein einsames Ferien- bzw. Fischerhäuschen in einer versteckten Bucht im Homborsundfjord: Norweger wissen einfach, wo es schön ist! Wie herrlich es sein muss, hier an einem warmen Mittsommerabend ins Wochenende zu starten]
[Bild: Auf dem Weg zu einem kleinen Mini-Leuchtturm am südlichen Ende der Kalvehageneset-Halbinsel. Rechts dahinter in der Ferne kann man den Homborsund-Leuchtturm erkennen, welcher sich jedoch auf einer kleinen Insel vor der Küste befindet und daher nur mit dem Boot erreicht werden kann]
[Bild: Obwohl sich das Naherholungsgebiet Kalvehageneset nur wenige Kilometer von der stark frequentierten Küstenstraße 83 entfernt befindet, ist es hier meist herrlich ruhig. Auch wenn Touristen das Gebiet in den letzten Jahren immer mehr für sich entdeckt haben, ist man doch beim Spazieren entlang der Küste in der Regel für sich. Hier lässt es sich in Vollendung abschalten und über das Leben sinnieren]
[Bild: Im Hafen von Lillesand lässt sich ideal ein entspannter Zwischenstopp einlegen. Mit seinen zahlreichen weiß gestrichenen Häusern und dem verkehrsberuhigten Zentrum strahlt die kleine Stadt am Meer eine sehr einladende Atmosphäre aus]
[Bild: Die Christiansholm Festning in Kristiansand wurde Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut, um die Stadt vor den Schweden zu schützen und zugleich den Machtanspruch über den Skagerrag auszuüben. Heutzutage stellt die auf einer kleinen Halbinsel im Hafen gelegene Festung eine der beliebtesten Attraktionen der Stadt dar]
[Bild: Kristiansand gehört zu den größten Städten Norwegens und pulsiert v. a. im Hochsommer, doch meist stellt die Stadt nur einen Stopover bzw. Ausgangspunkt dar, bevor es weiter an der Küste entlang gen Stavanger oder ins Landesinnere geht. Fähren verbinden die Stadt z. B. mit Hirthals in Dänemark, sodass in Kristiansand schon unzählige „Norwegen-Abenteuer“ ihren Anfang oder ihr Ende genommen haben. Bevor ich mich zu meinem heutigen Ziel des Tages (dem Kanelstrand) aufmache, verbringe ich noch 1-2 entspannte Stunden in der Altstadt (Posebyen) und am Hafen]
[Bild: Auch wenn zahlreiche interessante Museen, Parks und Galerien in Kristiansand einen Besuch lohnen, ziehe ich es vor, den Nachmittag im Hafen zu verbringen. Das Wetter ist einfach zu schön, zu mild, um den Tag drinnen ausklingen zu lassen. Nach einiger Zeit mache ich mich dann aber doch auf den Weg, da mir noch gut 45 Minuten Fahrzeit bevorstehen. Denn auch wenn sich in Kristiansand der Tag durchaus stilvoll ausklingen ließe, schwebt mir mit dem berühmten Kanelstrand ein noch deutlich (!) idyllischerer Ort vor, um diesen erlebnisreichen Tag abzurunden]
[Bild: An den goldgelben Ufern des Kanelstrandes („Zimtstrandes“) südlich von Mandal - Dieser wunderbare Sandstrand mit familienfreundlich-seichtem Ufer ist ein gerne besuchtes Ziel, sowohl Einheimische als auch Touristen steuern ihn in Scharen an (einige große Campingplätze im Umkreis zeugen davon). Wer jedoch (wie ich) unter der Woche, außerhalb der Hauptsaison und dann noch am späten Nachmittag vorbeischaut, hat den Strand oftmals für sich ganz alleine]
[Bild: Rund um den Kanelstrand laden zahlreiche „versteckte“ Buchten, Mini-Inseln und Wälder zum Erkunden ein. An einem friedlichen Abend wie heute handelt es sich zweifellos um einen geradezu magischen Ort, der diese Sehnsucht, die so viele Menschen nach den Nord- und Ostseestränden Skandinaviens haben, idealtypisch verkörpert. Schuhe ausziehen und Fußspuren im Sand hinterlassen, ist angesagt]
[Bild: Nachdem ich heute morgen noch nicht gewusst habe, wo ich den heutigen vierten Tag meiner Norwegen-Reise beschließen werde, ist die Frage (mit dem Kanelstrand) hiermit nun beantwortet. Diese Art des Reisens ist mir letztlich fast die liebste: Sich einfach treiben lassen, sich voll und ganz dem Moment hingeben und einfach spontan entscheiden, wo man den Abend verbringt. Meine Reise nimmt zwar erst so langsam so richtig Fahrt auf, aber ich merke, wie ich bereits jetzt wieder in diesen so wunderbar meditativen, flow-artigen Autopilotmodus komme, der mich mit dieser so selbstverständlichen Leichtigkeit einfach dahinfließen lässt, so als würde alles ganz spielerisch wie von selbst vonstatten gehen, als würde alles einem natürlichen Rhythmus ohne Sorgen und Probleme folgen. Auf einmal ergibt alles irgendwie Sinn, während zugleich die Magie des Augenblicks sich einer vollständigen Erfassung entzieht. Mal schauen, was der morgige Tag für mich bereithalten wird...]
Tag 5 Lindesnes Fyr (Südkap), Haviksanden, Brufjell (Brufjellhålene), Helleren und Eigerøy Fyr Auch wenn es sich beim Nordkap hoch im arktischen Norden Norwegens aus einer Vielzahl von Gründen nicht um den nördlichsten Landpunkt Europas bzw. des europäischen Festlandes handelt, ist dieses geradezu legendäre Kap im Norden der Insel Magerøya doch unzähligen Menschen weltweit ein Begriff. Weit, weit weniger bekannt ist dagegen das Kap Lindesnes, welches den südlichsten Festlandpunkt Norwegens darstellt. Es soll Menschen geben, die von hier aus zu Fuß zum 1.682 km Luftlinie (= ca. 3.000 km Wanderstrecke) entfernten Nordkap aufbrechen (eine faszinierende Vorstellung und tolle Alternative zu den Triple Crown Wegen in den USA!). Für das Gros der Reisenden (wie mich) handelt es sich dagegen v. a. um einen ergreifenden Ort, an dem man den Naturgewalten beim Übergang vom Skagerrak zur Nordsee zumindest für eine kurze Zeit ganz nah kommen kann. Da ich den Leuchtturm ganz früh am Morgen aufsuche, komme ich sogar um die Eintrittsgebühr für das Gelände herum (mein Geld wollte so kurz nach Sonnenaufgang hier zumindest keiner). Im Anschluss zieht es mich über den wunderbaren Sandstrand Haviksanden, welcher zu stundenlangen Spaziergängen im hier seichten Meerwasser der Nordsee einlädt, weiter zu den kleinen Ortschaften Østebø und Stornes. Diese pittoresk am Fluss Sira gelegenen Orte sind der Ausgangspunkt für eine der spektakulärsten Wanderungen im Süden Norwegens: die Brufjellhålene, die Brujell-Höhlen. Diese befinden sich im unteren Bereich einer steilen Klippe unterhalb des Brufjell (184 m.) und können nur durch eine sehr steile, mit Eisenbügeln versicherte Rinne erreicht werden. Gute Wanderschuhe, stabiles Wetter, trockene Felsen und ein Mindestmaß an Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sollten schon vorhanden sein, ansonsten bleibt man besser auf dem Brufjell und genießt die grandiose Aussicht von dort über das Meer. Mindestens so eindrucksvoll wie die Höhlen sind jedoch in meinen Augen die von der Eiszeit und vom Meer glattgeschliffenen Felsbänder, denen man vom unteren Ende der Rinne zu den Höhlen folgt. Hier könnte man es leicht stundenlang aushalten, zu sehr fesselt dieser wilde Ort hoch über der schäumenden Nordsee! Da ich hier jedoch völlig überraschenderweise nicht die Nacht verbringen werde, geht es nach einem anschließenden Marsch zurück zum Parkplatz weiter zum traumhaft schön gelegenen Eigerøy-Leuchtturm in der Nähe von Segleimstranda, nicht ohne vorher noch die unter einem überhängenden Felsen gebauten Häuser von Helleren im Jøssingfjord (zwischen Egersund und Flekkefjord) „mitzunehmen“. Als ich schließlich am Abend in der Dämmerung von meinem Spaziergang zum Eigerøy-Leuchtturm zurückkomme, bin ich etwas geschafft (das war in Summe heute dann doch schon recht viel...), aber glücklich. Speziell die Gegend rund um den Brufjell ist enorm spektakulär und war in meinen Augen genau der richtige Appetizer für den für morgen geplanten Besuch der (neben dem Geirangerfjord) wohl berühmtesten touristischen Attraktion Norwegens: des Preikestolen. [Bild: Der Leuchtturm Lindesnes Fyr am gleichnamigen Kap Lindesnes markiert den südlichsten Punkt des norwegischen Festlandes. An dieser Stelle gehen Nordsee und Skagerrak ineinander über, während große Inlandsabenteuer (wie die lange Wanderung zum Nordkap) ihren Ausgang oder ihr Ende nehmen. Trotz der durchaus touristischen Aufmachung ein ergreifender Ort und v. a. frühmorgens herrlich ruhig]
[Bild: Ausblick vom Lindesnes Fyr über die Küstenlinie im Bereich des Kap Lindesnes - Erneut steht ein wettertechnisch grandioser Tag bevor]
[Bild: Der Haviksanden bei Farsund liegt etwas abseits der Hauptstraße E39, lohnt aber (bei schönem Wetter wie heute) den Abstecher in jedem Fall. So weit das Auge reicht, findet man hier feinsten Sandstrand vor. Bis auf ein paar wenige andere Spaziergänger habe ich den Strand praktisch für mich alleine]
[Bild: „Take nothing but pictures, leave nothing but footprints, kill nothing but time“ - Von manchen als pseudo-philosophisch und abgedroschen abgetan, in meinen Augen aber ein schönes, ehrenwertes Reise-Credo. Als Kind der Berge war ich in meinem Leben ja leider nicht allzu oft am Meer, so dass mir dieser kurze Aufenthalt am Haviksanden umso mehr Freude bereitet]
[Bild: Spaziergang über den wunderbaren Haviksanden (Havik Strand). Dieses idyllische Fleckchen Erde kann ich wirklich jedem wärmstens empfehlen! Die ganze Umgebung mit ihren Dühnen und kleinen Landzungen lädt zum Erkunden ein, der Parkplatz ist kostenlos sowie mit Sanitäranlagen ausgestattet und wer entsprechend aktiv ist, findet hier bei starkem Wind zudem gute Bedingungen zum Kitesurfen vor]
[Bild: Karibisches Flair im hohen Norden: Kaum zu glauben, dass man sich hier in Norwegen befindet! Zum Baden ist es zwar leider (deutlich) zu kalt, aber barfuß mit hochgekrempelten Hosen durch das azurblaue Nordseewasser flanieren, hat ja auch etwas]
[Bild: Die in traumhaft schöner Lage am Fluss Sira (kurz vor der Mündung zur Nordsee) gelegenen, kleinen Ortschaften Østebø und Stornes sind der Ausgangspunkt für die Wanderung zum Brufjell. Verschiedene, unterschiedlich schwierige Wanderwege führen durch lichten Wald zügig empor zu einem etwa 150-200 Meter über Meereshöhe aufragenden Plateau. Von dort geht es in Form einer entspannten Höhenwanderung zum wenig markanten Gipfel des Brufjell (184 m.) mit atemberaubender Aussicht über das Meer]
[Bild: Grandioser Ausblick vom Brufjell (184 m.) über die heute so verheißungsvoll blauen Weiten der Nordsee. Es gibt Tage, da ist die See so rau, so wild, dass man nicht zu den Brufjellhålene hinabsteigen kann. Davon kann heute freilich keine Rede sein: Es ist erneut ein Tag für die Götter]
[Bild: Wem der sehr steile, versicherte Abstieg zu den Brufjellhålene zu anspruchsvoll ist, findet in dem weiten Gipfelplateau rund um den Brufjell (184 m.) ein mehr als nur gleichwertiges Alternativziel vor. Diesen wunderbaren Aussichtspunkt kann sich in Form der leichten Wanderroute (blaue Variante) jeder einigermaßen fitte Wanderer zutrauen. Am schönsten ist natürlich die Kombination dieser beiden Ziele zu einer Rundtour]
[Bild: Ausblick vom Brufjell (184 m.) über die zur Nordsee steil abfallenden Klippen der in diesem Abschnitt ziemlich schroffen südnorwegischen Küste. Wer sich hier auch nur wenige Meter von den Hauptwanderrouten in östliche Richtung entfernt und über die zerklüftete Hügellandschaft dahinwandert, befindet sich sehr schnell in totaler Einsamkeit]
[Bild: Egal, in welche Richtung man vom Brufjell (184 m.) auch blickt, man ist von einer unglaublich ästhetischen Landschaft umgeben! Für eine Wanderung zum Brufjell bzw. zu den Brufjellhålene sollte man sich (bei schönem Wetter) mindestens einen halben Tag Zeit nehmen, um das alles wirklich voll und ganz auf sich wirken lassen zu können. Zwar ist diese Tour bei weitem kein Geheimtipp (mehr), von einem Massenauflauf à la Preikestolen oder Trolltunga kann jedoch keine Rede sein]
[Bild: Nach dem Abstieg vom Brufjell zu den Brufjellhålene findet man sich nur mehr einige Meter über dem (heute friedlichen) Meer wieder. Umgeben von imposanten, vom Guano bedeckten Felsklippen befindet man sich hier am unteren Auslauf der steilen Rinne, die vom Plateau in leichter Kletterei herunterführt. Das Gröbste ist an dieser Stelle bereits geschafft, nun folgt der Spaziergang über den mehrere Meter breiten, bänderartigen Felsvorsprung vor den eigentlichen Brufjellhålene]
[Bild: Naturwunder Brufjellhålene - Diese höhlenartigen Überhänge hoch über der Nordsee sind Relikte der Eiszeit, sogenannte Gletschertöpfe. Über die Jahrtausende haben die rauen Elemente der Nordsee die Felsen glattgeschliffen, so dass man sie heutzutage verhältnismäßig unkompliziert besichtigen kann. Das Spazieren über den breiten Felsvorsprung ist in jedem Fall ein Fest für die Sinne, bei dem man lediglich achtgeben muss, nicht zu nah an die Abbruchkante zu kommen]
[Bild: Warum man die Brufjellhålene nur bei einigermaßen schönem Wetter und v. a. bei ausreichend ruhiger See aufsuchen sollte, versteht sich von selbst. Die Vorstellung mag verlockend sein, diesen Ort bei stürmischem Wetter bzw. Wellengang zu besuchen, das Ganz kann (z. B. bei nassem Fels) jedoch rasch haarsträubend heikel werden. Hier ist man maximal exponiert, allen „Höllen“ der Nordsee ausgesetzt und die Überhänge der eigentlichen Brufjellhålene bieten auch nur bedingt Schutz]
[Bild: An einem Tag wie heute kann man es leicht 1-2 Stunden im Bereich der Brufjellhålene aushalten. Sich einfach hinsetzen, kontrolliert (= ohne ein unnötiges Risiko einzugehen) die Beine über die mal sanft, mal steiler abfallende Abbruchkante baumeln lassen und sich den salzigen Wind der See um die Nase wehen lassen... Was für ein Ort]
[Bild: Rückblick beim Wiederaufstieg über die steile, zwischen wilden Felswänden eingezwängte Rinne, die man bewältigen muss, will man es zu den Brufjellhålene schaffen. Am unteren Bildrand ist ein Teil der Versicherungen (Eisenbügel und Drahtseil) zu erkennen, die das Terrain immerhin deutlich entschärfen. Trotzdem ist dies eine verhältnismäßig ernste Angelegenheit, für die man gutes Schuhwerk mit Profilsohle, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit mitbringen sollte, sonst dürfte der Genuss relativ schnell leiden]
[Bild: Wieder zurück bei den kleinen Ortschaften Østebø und Stornes am von steilen Felsklippen eingerahmten Fluss Sira - Nachdem ich beim Rückweg noch den kleinen, idyllischen Strand Sandvika „mitgenommen“ habe, wird es nun (nach diesem vermeintlichen Wander-Highlight des Tages) weiter auf der Küstenstraße in Richtung Nordwesten gehen]
[Bild: Die Wanderung von Østebø bzw. Stornes über den Brufjell zu den Brufjellhålene dürfte wohl zu den abwechslungsreichsten, landschaftlich schönsten Halbtageswanderungen in Südnorwegen zählen. Hier wird einem alles geboten: pittoreske Dörfer an einem steilen von steilen Felswänden eingerahmten Fjord, ein mit bunten Moosen und idyllischen Grasflächen „dekoriertes“ Hochplateau mit grandioser Aussicht über das 200 Meter tiefer gelegene Meer und eine wilde, von Guano bedeckte Felsklippe vis-à-vis der schäumenden Gischt der Nordsee, die man in Form von Gletschertöpfen (Höhlen) und einem breiten Felsband entspannt erforschen kann. Wer hier bei AKW nicht auf seine Kosten kommt, dem ist auch nicht mehr zu helfen]
[Bild: Die ersten Holzhäuser von Helleren („Heller“ kann man als „Felsenhöhle“ übersetzen) wurden wohl bereits im 16. Jahrhundert errichtet, wobei die beiden heute noch erhaltenen Häuser auf das frühe 19. Jahrhundert datiert werden. Die gigantische, überhängende Felswand oberhalb schützt die Hütten (heute wie damals) vor dem Wetter. In den 1920er Jahren verließen die letzten Bewohner Helleren, so dass die Häuser heute verlassen (aber frei zugänglich) sind]
[Bild: Trotz der geschützten Lage, war das Leben am Jøssingfjord für die damaligen Bewohner von Helleren niemals einfach. Vor dem Bau der Straßen und Tunnel war die Gegend nur zu Fuß über die Berge oder das Meer erreichbar. Die Menschen (über-)lebten vom Fischfang und der Schafzucht. In den Holzhütten selber, kann man heutzutage eigenständig zahlreiche Ausstellungsstücke in Augenschein nehmen und sich in eine längst vergangene, gnadenlos harte Zeit zurückversetzen lassen. Helleren lohnt (wenn man denn nicht die Hauptstraße E39 im Landesinneren sondern die wesentlich schönere Küstenstraße 44 fährt) auf jeden Fall einen kurzen Zwischenstopp]
[Bild: Die kleine Häuseransammlung Segleimstranda (bei Segleim) auf dem westlichen Nebenarm der Insel Eigerøya westlich von Egersund ist mein Ausgangspunkt für das letzte große Ziel des Tages: die Abendwanderung zum etwas abgelegenen Leuchturm Eigerøy fyr auf der Insel Midbrødøya]
[Bild: Als ich mich von Segleimstranda auf die leichte Wanderung zum Eigerøy fyr mache, beschleicht mich (nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal) das Gefühl, Norweger können (zumindest außerhalb der größeren Städte) schlichtweg gar nicht in hässlicher Lage wohnen. Ob nun als Hauptwohnsitz oder als Ferienhäuschen: Hier, auf der Insel Eigerøya, lässt sich in jedem Fall sehr gut das Leben genießen]
[Bild: Am Leuchtturm Eigerøy fyr auf der Insel Midbrødøya - Hier hat man, da man nur zu Fuß herwandern kann (ca. 4,5 km hin und zurück) und das Ganze doch schon etwas abgelegener ist, in der Regel seine Ruhe. Auch wenn man den Leuchtturm potentiell besichtigen kann, ist das Erkunden der umliegenden, zum Teil etwas zerklüfteten Küstenlandschaft das eigentliche Highlight. Eigerøy fyr ist ein wirklich (!) toller Ort, um den Tag ausklingen zu lassen]
[Bild: Ein Anblick, von dem man wohl nie genug bekommen kann: Ausblick vom Leuchtturm Eigerøy fyr zur Nordsee. Irgendwo in der Ferne, viele Hundert Kilometer in diese Richtung liegt Großbritannien. Man fühlt sich bei solchen Gedankengängen ja irgendwie immer auch ein bisschen an die Zeit der Wikinger zurückerinnert...]
[Bild: Abendstimmung beim Leuchtturm Eigerøy fyr auf der Insel Midbrødøya: Die Farben werden wärmer, die Schatten länger - Ein erneut grandioser, unvergesslicher Tag neigt sich dem Ende entgegen. Da es jedoch leider absehbar in ca. 3 Tagen zu einem Wetterumschwung in Süd- und Zentralnorwegen kommen soll, beschließe ich, morgen direkt zum Preikestolen zu fahren und Stavanger auszulassen. Denn auch wenn ich weiß, dass es sich beim Preikestolen um eine völlig überlaufene Touristenattraktion handelt, so will ich ihn doch auch zumindest einmal mit eigenen Augen gesehen haben. Und da ich ihn sowie den spektakulären Lysefjord idealerweise bei sonnigem Wetter erleben will, muss ich an dieser Stelle meiner Norwegen-Reise zum ersten Mal priorisieren. Mal schauen, was der morgige Tag bringen wird]
Tag 6 Preikestolen und Lysefjord Neben dem majestätischen Geirangerfjord, der Trolltunga, Jotunheimen und den wildgezackten Felsgipfeln der Lofoten gehört der Preikestolen (norwegisch für Kanzel oder wörtlich auch Predigtstuhl) zu den meistbesuchten und berühmtesten Naturattraktionen Norwegens. Über 600 senkrechte Meter über dem gewaltigen Lysefjord ragt dieser von den urzeitlichen Kräften der Eiszeit geformte Felsvorsprung in die Höhe, so dass (fast) allen Besuchern bei der Annäherung zwangsläufig der Atem stockt. Den Preikestolen landschaftlich anzupreisen, bedeutet im Grunde Eulen nach Athen zu tragen. Hunderttausende Touristen nehmen jedes Jahr (v. a. zwischen Mai und Oktober) die ca. 2 stündige Wanderung auf sich, um diese weltberühmte Felskanzel einmal mit eigenen Augen zu sehen. Der Preikestolen ist daher zu den Hochzeiten Massentourismus in Reinform, da gibt es nichts zu diskutieren. Im Grunde genommen weiß ich also, was mich erwarten wird. Und doch: Auch ich möchte im Zuge meiner ersten Norwegen-Reise dieses weltberühmte Wahrzeichen aufsuchen. Nicht so sehr, weil ich mich (wie 95 % aller Touristen) vor Ort in die Schlange (!) stellen möchte, um schließlich am Felsvorsprung (mit dem Lysefjord im Hintergrund) ein Foto von mir zu bekommen, sondern einfach, um das „Paket“ Preikestolen-Lysefjord-Neverdalsfjell in seiner landschaftlich wunderschönen Gesamtheit einmal erlebt zu haben. Mein Ziel ist es, möglichst wenig Zeit auf dem eigentlichen Preikestolen zu verbringen und stattdessen auch die umliegenden Anhöhen rund um den Gipfel des Neverdalsfjell (709 m.) zu erforschen. Bestimmt ist dort deutlich weniger los, so mein Kalkül... Und so mache ich letztlich entspannt vom riesigen Parkplatz bei Vatne (Preikestolhytta) auf den Weg und wandere gemeinsam mit zahlreichen anderen Touristen durch zunächst lichte Wälder, später offene Fjell-Landschaften in Richtung Preikestolen. Vor Ort dann das erwartete Bild: Massen von Menschen bevölkern die Felskanzel, so dass ich mich sehr bald gen Neverdalsfjell verziehe, wo es in der Tat vergleichsweise einsam ist. Doch irgendwie gelingt es mir in Summe ganz gut, auch die überbevölkerte Gegend unmittelbar rund um den Preikestolen als das wahrzunehmen, was sie letztlich primär ist: ein atemberaubender, landschaftlich wunderschöner Felsvorsprung in Idealposition hoch über einem bilderbuchmäßigen Fjord. Wer weiß, vielleicht werde ich den Preikestolen eines Tages erneut aufsuchen: Dann jedoch entweder extrem früh oder spät zum Sonnenaufgang bzw. Sonnenuntergang oder (in jedem Fall bewusst antizyklisch) sogar im Winter. Für den Moment habe ich in jedem Fall (trotz der Fülle an tollen Eindrücken!) erst einmal genug vom Preikestolen. Derlei Attraktionen sind nämlich am Ende des Tages wie starker Wein: Gut in kleinen Mengen. [Bild: Schon der Wanderweg zum Preikestolen bietet jede Menge wunderschöne Ausblicke über das umliegende Fjell des Lysefjord, welches ebenfalls von zahlreichen lohnenden Wanderwegen durchzogen ist. Wer sich von der Karawanenstraße zum Preikestolen lösen kann, wird also auch hier sehr schnell entsprechend „fündig“]
[Bild: Bereits nach etwas mehr als der Hälfte der Wanderung zum Preikestolen kommt erstmals der etwa 40 Kilometer (!) lange Lysefjord ins Blickfeld. Nachdem man kurz nach dem Moslifjell aus dem Bergwald getreten ist, führt die Route von nun an durch offenes Fjell, so dass man nur allzu oft stehen bleibt, um die herrliche Umgebung zu genießen]
[Bild: Nachdem man die Abbruchkante zum Lysefjord erreicht hat (der eigentliche Preikestolen ist hier noch ein paar Minuten Gehzeit entfernt), stockt einem fast unweigerlich der Atem. Wild und praktisch haltlos brechen die Granitwände in diesem Abschnitt des Fjords zum Wasser hin ab. Hier sollte man (wenn man dem Abbruch nahe kommt) seine sieben Sinne beieinander haben und keine Dummheiten anstellen]
[Bild: Der majestätische Lysefjord ist mit 40 km Länge, bis zu 500 m Tiefe und teilweise über 1000 m hohen Steilwänden einer der eindrucksvollsten Fjorde Norwegens. Neben dem Preikestolen zieht v. a. auch der Kjeragbolten (ein zwischer zwei Felswänden eingeklemmter Monolith, auf den man kraxeln kann) die Touristen an. An einem traumhaft schönen Tag wie heute ist das Wandern entlang der gestuften, zum Fjord steil abfallenden Felsabbrüche der Inbegriff von Lustwandeln]
[Bild: Wer suchet, der findet - Zahlreiche hochgradig ästhetische Kleinode können rund um den Preikestolen und Neverdalsfjell entdeckt werden, wenn man sich denn vom vermeintlichen Star of the Show lösen kann. Sich hier einfach auf einen der warmen Granitfelsen setzen und in Ruhe den Lysefjord bewundern: Was kann es Schöneres geben?!]
[Bild: Wer sich auf die Wanderung zum Neverdalsfjell (709 m.) macht, wird unterwegs auf zahlreiche weitere spektakuläre Felsklippen stoßen, die dem eigentlichen Preikestolen alle Ehre machen. Und sie haben sogar einen entscheidenden Vorteil: Nicht nur brechen sie ähnlich wild und teilweise sogar lotrecht zum Lysefjord hin ab, sie sind auch vergleichsweise ruhig und bieten genug Platz, um sich „sein“ Plätzchen zu suchen. Wer „nur“ den Preikestolen aufsucht, meint, alles von der Umgebung gesehen zu haben und sich angesichts der Massen lieber zügig wieder an den Anstieg macht, begeht einen Fehler]
[Bild: Herrliches Wandern oberhalb des Preikestolen (welcher hier nicht sichtbar ist) - Auch wenn die (in mehreren Varianten mögliche) Wanderung zum Aussichtsgipfel Neverdalsfjell (709 m.) beileibe kein Geheimtipp ist, so macht sich doch nur ein Bruchteil der Touristen auf und lässt den Preikestolen hinter sich. Dabei sind die Ausblicke auf den schier endlos langen Lysefjord von hier sogar fast noch besser]
[Bild: Tiefblick zum Preikestolen (links) beim Aufstieg zum Neverdalsfjell - Während sich auf dem weltberühmten Felsvorsprung der alltägliche Touristen-Wahnsinn abspielt, ist es hier oben herrlich ruhig. Hin und wieder zieht ein Boot auf dem ansonsten stillen Wasser des Lysefjords seine Bahnen. Das Leben ist schön]
[Bild: Auch wenn es angesichts des gewaltigen Risses, der den Preikestolen seit etwa 100 Jahren komplett durchzieht, den Eindruck macht, als könne ein Großteil der Felskanzel jederzeit abbrechen und in den Lysefjord stürzen, so muss man sich doch keine akuten Sorgen machen. Der Preikestolen wird seit einigen Jahren sehr genau überwacht und wird sicherlich noch viele Jahre halten. Nichtsdestotrotz wird man das etwas mulmige Gefühl nicht los, wenn man unmittelbar auf dem Spalt steht oder das Ganze aus sicherer Entfernung beobachtet]
[Bild: Ob man den Fokus nun eher auf den Preikestolen, den Lysefjord oder die Weiten des Fjell legt: Hier, entrückt von den Sorgen und Problemen des Alltags, ist das Norwegen, wie ich es mir seit Island immer erträumt habe]
[Bild: Im Bereich des Neverdalsfjell gibt es ein paar vorgelagerte Klippen und Felsvorsprünge, die man (entsprechende Trittsicherheit und Schwindelfreiheit vorausgesetzt) mit etwas Kraxelgeschick relativ schnell und einfach erreichen kann. Die Tiefblicke zum von hier fast 700 Meter entfernt vorbeifließenden Lysefjord sind wahrlich spektakulär und stehen dem Preikestolen in nichts nach]
[Bild: Ausblick vom Neverdalsfjell (709 m.) über den Lysefjord - Nur etwa 100 Hm und weniger als ein halber Kilometer Luftlinie liegen zwischen diesem wunderbaren Aussichtsgipfel und dem Preikestolen. Und doch fühlt man sich hier wie in einer anderen Welt, muss man sich den Neverdalsfjell doch (wenn überhaupt) meist nur mit ein paar weiteren Wanderern teilen. Hier oben lässt es sich bei schönem Wetter ohne weiteres stundenlang aushalten, zu sehr fesselt das den Fjord allseits umschließende Fjell]
[Bild: Vom Gipfel des Neverdalsfjell (709 m.) wird deutlich, wie wenig Distanz zwischen dem Preikestolen und der Nordsee (links hinten) liegt. Streng genommen sind die beiden via Lysefjord sogar direkt miteinander verbunden, was u. a. das vergleichsweise mild-feuchte Küstenklima der Umgebung erklärt]
[Bild: Der Preikestolen in all seiner Erhabenheit hoch über dem schier endlos weiten Lysefjord - Da es bereits später Nachmittag ist, sind die meisten der Touristen mittlerweile im Abstieg (oder sogar bereits unten). Doch bis am Preikestolen wirklich Ruhe einkehrt, wird es wohl noch ein paar Stunden dauern. Will man diesen Ort wirklich komplett für sich alleine haben, muss man außerhalb der Hauptsaison, am besten unter der Woche sowie zum Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang kommen. Vor allem jedoch braucht man dafür jede Menge Glück (oder alternativ Geduld). Für mich persönlich ist an dieser Tour jedoch nicht der Preikestolen an sich das eigentliche Highlight, sondern das Gesamtpaket aus Lysefjord, Neverdalsfjell (!) und eben Preikestolen. Allzu individualistisch ist diese Tour sicherlich nicht, doch das ist von Zeit zu Zeit auch nicht von Bedeutung. Manchmal geht es einfach darum, dem Ruf der Massen zu folgen, um zu verstehen, wovon alle seit Jahrzehnten so schwärmen. Und wenn man sich dann noch seine ruhigen Ecken abseits der Karawanenstraße sucht, wird auch aus einem Preikestolen ein ganz persönliches Erlebnis, das man (so oder so) nie vergessen wird]
Tag 7-8 Trolltunga + Ringedalsvatnet-Umrundung (Hardangervidda) Mit ikonischen Wahrzeichen ist das (wie man am Preikestolen gesehen hat) ja so eine Sache: Häufig sind sie so berühmt, so mystifiziert und gleichzeitig so gut erschlossen bzw. touristisch zugänglich gemacht, dass man (aus Gründen) als individualistisch veranlagter Reisender oftmals eher einen Bogen um sie macht – oder zumindest antizyklisch vorgeht… Nach meinem Ausflug zum Preikestolen wird mir beim Blick auf die Wettervorhersage schnell klar, dass ich in den kommenden Tagen outdoortechnisch vermutlich erst einmal kleinere Brötchen backen muss, mit einer Ausnahme: Für die kommenden 2 Tage ist noch einmal feinstes Hochdruckwetter prognostiziert, gleichzeitig scheiden allzu entfernte Ziele in Zentralnorwegen (z. B. Jotunheimen, Jostedalsbreen) aus, sie sind schlicht einfach noch zu weit entfernt (sprich: nicht mit vertretbarem Aufwand ab Preikestolen erreichbar). Logistisch-zeitlich machbar (= gut erreichbar) erscheint jedoch die Region rund um Odda (Folgefonna, Hardangervidda) und so beschließe ich, (ausgerechnet) die berühmte Trolltunga (Trollzunge) zu besuchen. Damit ich den Ort nicht primär als das erlebe, was er tagsüber zwischen Mai und Oktober leider bei schönem Wetter heutzutage ist (ein von Social Media gepushter Hotspot inkl. Schlangestehen), plane ich die Übernachtung vor Ort im Zelt und die Umrundung des Ringedalsvatnet am zweiten Tag. Dadurch (so der Plan) erlebe ich den Ort so „einsam“, wie er in der Hauptsaison heutzutage nun einmal sein kann. Zudem erhasche ich hoffentlich noch einen Einblick in die westliche Hardangervidda, was die Tour in Summe sicherlich noch einmal deutlich „aufwerten“ wird. Als ich mich nach einer längeren Fahrt schließlich vom Parkplatz P2 (Skjeggedal) oberhalb von Tyssedal nachmittags auf den Wanderweg zur Trolltunga mache, freue ich mich innerlich tatsächlich sehr auf das, was nun landschaftlich vor mir liegt. Hatte ich während der Fahrt innerlich noch ein bisschen mit meiner Entscheidung gehadert, unmittelbar nach dem Preikestolen gleich das nächste gnadenlos überlaufene Ziel anzusteuern, habe ich (kaum, dass die Wanderschuhe geschnürt sind) schnell mein Wander-Zen gefunden. Die Wanderung zur Trolltunga gestaltet sich landschaftlich nämlich sehr abwechslungsreich und führt (nachdem man den Bereich Floren erreicht hat) oberhalb der steilen Abbrüche zum Ringedalsvatnet dahin – in Kombination mit den herbstlichen Farben der skandinavischen Gräser und Moose fast schon unverschämt ästhetisch: Wirklich ein Traum! Auch die Rückblicke zum gigantischen Folgefonna, dem drittgrößten Festlandgletscher Norwegens, sind absolut gigantisch und rechtfertigen alleine bereits die Wahl der Tour. An der Trolltunga angekommen, beobachte ich das obligatorische Schlangestehen der Leute vollkommen unbeeindruckt, habe ich de facto doch alle Zeit der Welt, um auch „meine“ Fotos mit der Trollzunge zu bekommen. Nachdem die meisten Touristen am späten Nachmittag schließlich wieder talwärts verschwunden sind und nur mehr die Leute mit Biwaksack bzw. Zelt zurückgeblieben sind, kehrt rund um die Trolltunga eine vergleichsweise angenehme Ruhe ein. Und so erlebe ich den Ort inkl. einer traumhaften Sonnenuntergangsstimmung als das, was er letztlich vor allem ist: ein spektakulärer Felsvorsprung über dem Ringedalsvatnet-Stausee am westlichen Gebirgsrand der Hardangervidda-Hochfläche. Am nächsten Morgen steht dann die Umrundung des langgezogenen Stausees an, wobei mir nach ca. der Hälfte der Wegstrecke leider jedoch etwas passiert, was meinen weiteren Urlaub phasenweise sehr stark prägen wird: Ich knicke um. So heftig, dass mir sofort klar wird, dass ich mich in einer relativ ernsten Situation befinde. Im Unklaren, ob ich mir eines oder gar mehrere der Bänder rund um den Knöchel gerissen habe und nur mehr gehen kann, weil Schock und Adrenalin den Schmerz (teilweise) überdecken, beschließe ich, die Tour so vorsichtig wie möglich fortzusetzen und gleichzeitig so schnell wie möglich zum Parkplatz zu humpeln, bevor der Körper zur Ruhe kommt. Das gelingt mir letztlich zwar im Zuge eines für mich persönlich fast schon beispiellosen Kraftaktes, leider knicke ich jedoch nach 3/4 der Stecke erneut (mit dem gleichen Fuß) um und so schleppe ich mich zum Schluss wie ein verletztes Tier die letzten Meter der insgesamt etwa 35 Kilometer (!) und 1600 Hm langen Tour zu meinem Auto. Ob es das mit körperlich anstrengenden Touren / Wanderungen für diesen Urlaub gewesen ist oder ich womöglich sogar zu einem Arzt bzw. ins Krankenhaus muss, wird sich zeigen. Ich beschließe erst einmal, mir für ein paar Tage eine kleine Holzhütte zu mieten (meine Wahl wird letztlich auf Eidfjord fallen), den Knöchel ruhig zu stellen und ein paar Tage abzuwarten. Sich in einer „Höhle“ verkriechen, ein bisschen entspannen und (hoffentlich) etwas auskurieren – so der Plan für die kommenden Tage, während mir beim Blick auf meinen rasch anschwellenden und blutunterlaufenen Knöchel zumindest für den Moment erst einmal Angst und Bange wird. Oh Mann, so ein Mist... [Bild: Rückblick beim Aufstieg von Skjeggedal zur Trolltunga in Richtung Folgefonna (rechts hinten erkennt man einen kleinen Teil der Eiskappe) - Dieser (noch) ca. 168 km² große Gletscher steht was Fläche angeht in Festland-Norwegen an dritter Stelle: Was für ein Koloss!]
[Bild: Pittoreske, von kleinen Seen gesprenkelte Hochfläche ungefähr auf halber Strecke zwischen Skjeggedal und Trolltunga - Wer sich an einem Tag wie heute hier ein paar Dutzend Meter von der trubeligen Hauptwanderroute entfernt und sich mit Blick in die umliegende Bergwelt ins weiche Gras fläzt, ist wirklich zu beneiden: Was für ein schönes Setting für eine Genusswanderung, zumal der Großteil der Höhenmeter hier bereits bewältigt ist]
[Bild: Grandioser Tiefblick zum Ringedalsvatnet-Stausee während der Wanderung zur Trolltunga. Aus dieser Perspektive wird die Steilheit der den See einrahmenden Felswände deutlich und warum so viele Menschen die Bergtour zur berühmten Trollzunge unternehmen wollen]
[Bild: Bergtouren in Norwegen während der Herbstzeit haben etwas Magisches an sich... Die Tage sind zwar nicht mehr so wunderbar lang wie noch im Juli, das Wetter ist wechselhafter, die Nächte können schon ziemlich kalt werden. Doch dafür wird man bei Touren wie der zur Trolltunga mit einer Farbenpracht verwöhnt, auf die man zwar vielleicht gedanklich vorbereitet ist, die einen ob ihrer Ästhetizität trotzdem jedoch zwangsläufig umhaut. Wer würde sich nicht gerne auf einen dieser von der Nachmittagssonne gewärmten Felsen setzen, seine Brotzeit rausholen und den Blick über die düsteren Steilflanken rund um den Ringedalsvatnet schweifen lassen...? Das Leben ist schön]
[Bild: Der durch eine Staumauer künstlich erzeugte Ringedalsvatnet bildet den westlichen Abschluss der gewaltigen Hardangervidda, deren wellig-zerklüftete Hochfläche man im Hintergrund erahnen kann. Schon viele Abenteuer auf dieser flächenmäßig größten Hochebene Europas haben ihren Anfang mit einer Wanderung zur Trolltunga genommen]
[Bild: Die terrassenartig-gestuften Steilabbrüche zum Ringedalsvatnet westlich der Trolltunga eignen sich hervorragend, um sein Zelt aufzuschlagen oder einfach einen idyllischen Platz für seinen Biwaksack zu suchen. Zwar gibt es ein paar Bereiche zwischen Mågelitopp und Trolltunga, wo Camping verboten ist, die allermeisten Areale fallen aber glücklicherweise unter das bekannte norwegische Jedermannsrecht]
[Bild: Im Bereich der Trolltunga bieten sich einem zahlreiche spektakuläre Tiefblicke zum Ringedalsvatnet: Es lohnt sich sehr, sich hin und wieder von der fast omnipräsenten und fast alle Blicke auf sich ziehenden Trollzunge zu lösen und die Umgebung auszukundschaften. Speziell wenn man (wie ich) Glück hat und heute nicht mehr zurück zum Parkplatz muss, kann man hier seinem inneren Entdeckerdrang freien Lauf lassen und die schroffen Klippen nach Lust und Laune (bzw. vor allem Können) erforschen]
[Bild: Die Trolltunga ragt rund 700 Meter über dem Ringedalsvatnet in den fjordartigen Stausee hinein. Wohl nur wenige vergleichbar einfach zugängliche Felsvorsprünge weisen eine derartige Exponiertheit auf! Auch wenn man mit Schwindelfreiheit ausgestattet ist, stockt einem doch zwangsläufig der Atem, wenn man sich an der Rand der Zunge begibt. Ein Bild ohne Menschen zu machen, ist tagsüber während der Rush Hour übrigens so gut wie unmöglich, befindet sich doch links (hier nicht sichtbar) in der Regel eine lange Schlange an Menschen, die darauf warten, „ihr“ Foto auf der Trolltunga zu machen. Geduld sollte man also besser mitbringen...]
[Bild: Die Trolltunga und die Steilflanken rund um den Ringedalsvatnet stehen idealtypisch für die Faszination, die diese Region Norwegens ausstrahlt: Wilde, einschüchternd schroffe Felsklippen stehen in unmittelbarem Kontrast zum Wasser eines langgezogenen Fjordes (ob natürlich oder wie in diesem Fall künstlich), während oberhalb der Felswände liebliche Grasflächen langsam aber sicher in windige Hochebenen wie die Hardangervidda übergehen - Einfach traumhaft!]
[Bild: Bis vor etwa 15 Jahren war die Trolltunga primär „Norwegen-Insidern“ und natürlich Einheimischen bekannt: Einige hundert bis wenige tausend Besucher pro Jahr, mehr musste der markante Felsvorsprung hoch über dem Ringedalsvatnet nicht aushalten. Doch Social Media und COVID-19-Pandemie haben die Trollzunge mit Macht in den touristischen Mainstream katapultiert, so dass die Besucherzahlen mittlerweile knapp sechsstellig (!) sind (entsprechend unschöne Begleiterscheinungen inklusive). Rein landschaftlich ist es natürlich mehr als nur nachvollziehbar, wer würde (entsprechende Schwindelfreiheit vorausgesetzt) nicht gerne seine Füße von diesem atemberaubend exponierten Klippenvorsprung halten wollen...?]
[Bild: Mein Zeltplatz für die Nacht unterhalb des Reinanuten - Rund um die Trolltunga gibt es zahlreiche ideal geeignete Plätze, um seinen Schlafplatz zu wählen. Zudem gibt es einige kleine Seen bzw. Wasserläufe in der Umgebung, um sein Wasser aufzufüllen]
[Bild: Abendstimmung bei der Trolltunga - Während im Westen über den weiten Gletscherflächen des Folgefonna langsam aber sicher die Sonne untergeht und der Ringedalsvatnet in ein mystisches Licht gekleidet wird, herrscht rund um die Trollzunge mittlerweile wieder angenehme Ruhe. Ein paar kleine Gruppen haben analog zu mir ihr Lager in der näheren Umgebung aufgeschlagen, doch die großen Menschenmassen sind längt wieder im Tal. Was für ein erhabener, was für ein schöner Moment...]
[Bild: Sonnenuntergang bei der Trolltunga, hoch über dem stillen Wasser des Ringedalsvatnet. Ob wohl jemals schon einmal jemand ungesichert auf der Trollzunge übernachtet hat bzw. geplant eingeschlafen ist...?]
[Bild: Bald ist Schlafenszeit - Dass der morgige (landschaftlich grandiose) Tag am Westrand der Hardangervidda leider von einer Verletzung und einem letztlich an ein Martyrium erinnernden Gewaltmarsch überschattet werden wird, ist mir zu dieser Zeit glücklicherweise (?) noch nicht bewusst]
[Bild: Unterwegs auf dem Ringedalsvatnet-Circuit östlich der Trolltunga - Man befindet sich hier am westlichsten Ausläufer der (in ihren Dimensionen kaum fassbaren) Hardangervidda-Hochfläche, welche sich in diese Richtung über 100 km (!) ausdehnt. Wer hier unterwegs ist und sich mehr als eine Tageswanderung von der Zivilisation wegbewegt, sollte über viel Trekkingerfahrung, ein hohes Maß an Selbstständigkeit, gute Ausrüstung und Versiertheit im Umgang mit echter Wildnis verfügen. Zwar ist die Hardangervidda mit einigen markierten Wanderrouten durchzogen sowie mit Schutzhütten versorgt, alleine schon aufgrund ihrer Größe von ca. 8.000 km² (!) und der generellen Entlegenheit zahlreicher Areale ist Trekking hier jedoch deutlich ernsthafter als in den Alpen. Wer hier abseits von einer Schutzhütte in wirklich schlechtes Wetter gerät und womöglich sogar den Weg verliert, befindet sich schnell in akuter Lebensgefahr]
[Bild: Bei der Umrundung des Ringedaldsvatnet wechseln sich flache Abschnitte (wie hier) mit zahlreichen kurzen Bergauf- und Bergabpassagen ab. Neben einer soliden Fitness braucht es v. a. Trittsicherheit für diese lange Wanderung, die wohl eine der interessantesten Optionen für eine Tagestour (mit bergsteigerischem Anspruch) in die Hardangervidda darstellt. Wer nicht wirklich gebietserfahren ist, sollte sich indes an die ausgewiesenen Wege halten, ist die Hardangervidda doch teilweise ziemlich zerklüftet, so dass vermeintliche Abkürzer das Vorwärtskommen häufig sogar eher erschweren]
[Bild: Ausblick vom östlichen Eckpunkt der Ringedalsvatnet-Umrundung in Richtung Hardangervidda und zum See Nedra Nybuvatnet. Nur weniger Kilometer hinter dem See befindet sich die westliche Grenze des Hardangervidda-Nationalparks, welcher flächenmäßig mit 3.422 km² etwas weniger als die Hälfte der gesamten eigentlichen Hochfläche ausmacht und gleichzeitig der größte Nationalpark Norwegens ist: Dimensionen, wie sie im Alpenraum (leider) unvorstellbar sind]
[Bild: Östlich des Mosaskornuten wird die Landschaft deutlich felsiger, rauer, alpiner. Phasenweise fühle ich mich an die östlichen Zentralalpen (Hohe Tauern) erinnert, wobei ich das Ganze leider nur mehr bedingt genießen kann, bin ich doch mittlerweile böse umgeknickt. Jeder Schritt bereitet mir mittlerweile Schmerzen und die Devise lautet nur mehr: Durchhalten]
[Bild: Beim Abstieg vom Pass südlich unterhalb des Engrobsknuten in westliche Richtung - Mittlerweile zum zweiten Mal umgeknickt und entsprechend hochgradig angeschlagen, beobachte ich die zunehmend dunkler werdenden Wolken im Westen mit Argwohn. Das nächste wichtige Etappenziel ist der Mostalsvatnet, von wo aus es nur mehr ein einigermaßen direkter 600 Hm-Abstieg zur Stauseemauer bzw. zum Parkplatz ist: Ich sehe Licht am Ende des Tunnels]
[Bild: An den Ufern des idyllischen Mostalsvatnet - Wie gerne ich jetzt hier noch 1-2 Stunden im warmen Nachmittagslicht verbringen würde, um mit der Reflexion des Abenteuer Ringedalsvatnet-Umrundung zu beginnen! Doch ich muss so vorsichtig und gleichzeitig so schnell wie möglich absteigen, bevor mir das effektive Gehen vorerst nicht mehr möglich sein wird. Noch „funktionieren“ die Bänder am lädierten Fuß aufgrund von anhaltender Belastung sowie Adrenalin, doch sobald der Körper das Signal bekommt, in den Ruhemodus schalten zu können, war es das. Deswegen mache ich mich sogleich an den Abstieg zum Parkplatz, den ich letztlich ohne weitere Probleme erreiche. Ich schmeiße den Rucksack ins Auto und mache mich sogleich auf den Weg gen Norden. Mal schauen, wie die Nacht wird und v. a. wie der Knöchel am nächsten Tag aussieht... Vielleicht ist es ja „nur“ eine sehr starke Überdehnung bzw. ein Bandanriss, der zwar unschön ausschaut, letztlich aber hoffentlich zeitnah ausheilt...]
Tag 9-11 Auszeit in Eidfjord: Kjeåsen-Hof + Skytjefossen Nieselregen, eine gemeine Kriechkälte, ein durch und durch muskelkatergeplagter, steifer Körper und natürlich vor allem ein dick angeschwollener, blutunterlaufener und leider relativ stark schmerzender Fuß / Knöchel: Als ich mich am Morgen aus dem Schlafsack schäle, könnte die Ausgangslage (vorsichtig ausgedrückt) durchaus besser sein! Doch es nützt nichts: Irgendwie muss (oder vielmehr soll) es ja sinnvoll weitergehen. Und so fahre ich (mit dem abendlichen Ziel Eidfjord, wo ich kurzfristig eine kleine Holzhütte für 3 Nächte gebucht habe) via Ullensvang und Kinsarvik den malerischen Hardangerfjord ab und versuche unterwegs auf andere Gedanken zu kommen. Als ich schließlich in Eidfjord angekommen und mit jeder Menge Snacks bzw. Treats versorgt bin sowie am Parkplatz meiner Cabin endlich das Auto abstellen kann, falle ich fast umgehend in einen komatösen, traumlosen Schlaf. Die nächsten ca. 1,5 Tage werde ich meine kleine Holzhütte praktisch nur zum Duschen verlassen und ansonsten wie ein verletztes Tier meine Wunden lecken. „Eat, sleep, repeat“ ist für den Moment die Devise. Als mich zwei Tage später schließlich unerwartet sonniges Wetter neugierig die Nase aus der Tür halten lässt, beschließe ich einen kleinen Ausflug (natürlich mit dem Auto) zum fotogen gelegenen Kjeåsen-Hof sowie zum Skytjefossen zu unternehmen. Ich kann halt einfach nicht aus meiner Haut. Glücklicherweise fühlt sich mein Knöchel (gut 3 Tage nach dem Unfall) aber auch schon deutlich besser an und die Schwellung beginnt, (sehr langsam) zurückzugehen. Ich schöpfe Zuversicht, dass es sich tatsächlich „nur“ um (z. B.) einen Bandanriss handelt, der mich meine Reise (die nötige Vorsicht vorausgesetzt) fortsetzen lässt (zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, dass ich bereits 3 Tage später wieder über 25.000 Schritte durch Bergen spazieren sollte!). Der mit dem Auto leicht erreichbare Kjeåsen-Hof erweist sich indes als unerwartet spektakulärer Aussichtspunkt über das von steilen Felswänden eingerahmte östliche Ende des Hardangerfjordes. Überraschenderweise habe ich den grandios gelegenen und wirklich sehenswerten Berghof komplett für mich alleine: Die zahlreichen Kreuzfahrttouristen in Eidfjord, sie zieht es zumindest in meinem Fall nicht hierherauf. Nach einem anschließenden kurzen Ausflug zum eindrucksvollen Skytjefossen (bei dem ich es ein wenig bedauere, nicht zum nahegelegenen Hardangerjøkulen hochwandern zu können…) kehre ich für die letzte Nacht schließlich in versöhnlicher Stimmung nach Eidfjord zurück. Mal schauen, was die kommenden Tage für mich bereithalten werden! Aber die Aussicht, mit offenbar peu à peu verheilendem Knöchel / Fuß meine Reise fortsetzen zu können, gibt mir wieder unerwartet viel Zuversicht und Elan. Wie sprach einst ein großer „Philosoph“: „Weiter, immer weiter!“ [Bild: Kurzer Zwischenstopp bei der Kirche in Ullensvang, während ich bei neblig-regnerischem Wetter einen der langen Nebenarme des Hardangerfjordes abfahre. Kurz anhalten, aus dem Auto aussteigen und ein paar Fotos knipsen: Das geht glücklicherweise auch mit einem lädierten Fuß]
[Bild: Die Kinsarvik Kyrkje im gleichnamigen Ort liegt (malerisch gelegen) nur wenige Schritte vom Hardangerfjord entfernt. Von der umliegenden Bergwelt ist heute zwar nicht allzu viel zu sehen, so aber kommt die dezent-mystische Atmosphäre, die diese stillen Ufer umgibt, besonders gut zum Tragen]
[Bild: 2 Tage später: Ausblick vom Kjeåsen-Hof zum am östlichen Ende des Hardangerfjordes gelegenen Ort Eidfjord, welcher regelmäßig von (zum Teil leider sehr großen) Kreuzfahrtschiffen angesteuert wird. Unerwarteterweise gestaltet sich das Wetter heute (entgegen aller Prognosen) sehr sonnig und so werde ich vergleichsweise viel Zeit rund um den wahrlich fantastisch gelegenen Berghof verbringen, um die umliegenden steilen Bergflanken des Simadal eingehend in Augenschein zu nehmen]
[Bild: Von Mitte des 17. Jahrhunderts bis 2010 war der Kjeåsen-Hof aktiv bewirtschaftet bzw. regulär bewohnt, seither wird er jedoch nur mehr während der Sommermonate von einem Bauern instandgehalten. Heutzutage sind es vor allem Touristen, die den Kjeåsen-Hof aufsuchen, um die eindrucksvolle Aussicht über den Eidfjord / Hardangerfjord zu genießen. Wichtig: Es handelt es sich um ein Privatgrundstück, das man mit dem entsprechenden Respekt besuchen und behandeln sollte]
[Bild: Wer den Kjeåsen-Hof besuchen möchte, kann dies auf zwei grundverschiedene Arten tun: Entweder man fährt mit dem Auto via Simadal hierher, wobei man einen 2,5 km langen, steilen und sehr engen Tunnel durchfährt, der bergauf nur zur vollen Stunde und bergab nur zur halben Stunde durchfahren werden darf. Oder man wandert die ca. 600 Hm in 1,5-2 Stunden bergauf, was in meinem Fall heute natürlich nicht in Frage kommt]
[Bild: Der Kjeåsen-Hof mag pittoresk wirken, lange Zeit war das Leben hier jedoch äußerst hart und entbehrungsreich! Bis 1974 war der Hof nicht an das öffentliche Straßennetz angeschlossen, weswegen Vorräte, Lebensmittel, Werkzeuge und Baumaterialien zu Fuß hierher transportiert werden mussten. Bei schlechtem Wetter war man hier von der Außenwelt abgeschnitten. Das ist lange her: Heutzutage dient der Kjeåsen-Hof vor allem als fotogene Kulisse und Erinnerungsort an längst vergangene Zeiten...]
[Bild: Kaum zu glauben, dass es von hier noch fast 200 km (!) bis zum offenen Meer sind... Der fast 900 Meter tiefe Hardangerfjord (inkl. seinem östlichsten Nebenarm, dem hier ersichtlichen Eidfjord) wird in Norwegen nur vom gigantischen Sognefjord (welcher sogar weltweit auf Platz 2 steht) übertroffen]
[Bild: Das Simadal wird von eindrucksvollen Felswänden eingerahmt und lohnt (auch ohne Abstecher zum Kjeåsen-Hof) in jedem Fall einen Besuch. Für mich geht es vor der obligatorischen Rückfahrt nach Eidfjord noch zum nahen Skytjefossen, welcher am östlichen Talende fast 300 Meter in die Tiefe donnert]
[Bild: Um dem majestätischen Skytjefossen den gebührenden Respekt zu erweisen, kann man entweder zu ihm pilgern (sehr lohnend soll die Rundwanderung via Skytjedalsvatnet sein, die man ggf. sogar gen Hardangerjøkulen fortsetzen kann...) oder ihn (wie ich) einfach vom Talgrun (= vom Simadal) aus bewundern. In jedem Fall lohnt sich die etwa 20 Minuten (einfach) dauernde Autofahrt von Eidfjord sehr]
[Bild: Das Simadal steht exemplarisch für die Faszination, die dieser von Fjorden und Tälern geprägte Teil Norwegens ausstrahlt: Menschliche Infrastruktur (wie in diesem Fall das Lang-Sima-Kraftwerk links unten) bzw. Kulturlandschaft in unmittelbarem, rohem Kontrast zur rauhen Gebirgswelt der Hardangervidda: Einfach großartig!]
Tag 12-13 Fahrt von Eidfjord via Vøringfossen, Hardangervidda, (Stabkirche) Borgund, Aurlandsfjellet, Aurlandsfjord, Voss und Hardangerfjord nach Bergen Das so wunderbar anachronistische Gefühl, wenn man am Morgen noch nicht weiß, was der Tag bereithalten und wo man letztlich die Nacht verbringen wird, es lässt mich nach drei Tagen regenerationsbedingter „Versumpfung“ in Eidfjord überraschend früh aufstehen und letztlich auch aufbrechen. Denn auch wenn mit meinem nach wie vor geschwollenen Knöchel vorerst weiterhin nicht ist an größere Outdooraktivitäten zu denken ist, möchte ich doch endlich wieder „Strecke machen“, den durch das Autofenster hereinpeitschenden Wind in den Haaren spüren und den Blick über melancholisch-weite Hochebenen, Fjorde und Täler schweifen lassen. Und so geht es in aller Früh zum ersten Ziel des Tages, dem fast 200 Meter hohen Vøringsfossen. Diesen imposanten Wasserfall sollte man in jedem Fall „mitnehmen“, wenn man in der Gegend ist. Der Tiefblick in den gewaltigen, vom Bjoreiro durchzogenen Måbødalen-Canyon ist wirklich eindrucksvoll! Und wer Zeit und Lust (sowie v. a. stabiles Wetter und keinen lädierten Fuß) hat, kann von hier sogar bis zum (noch) riesigen Plateaugletscher Hardangerjøkul wandern. Bei der anschließenden Fahrt über die (im nördlichen Bereich) von der Riksvei (Rv / „Reichsstraße“ bzw. vergleichbar mit einer deutschen Bundesstraße) Nr. 7 durchzogene Hardangervidda (eine der 18 Landschaftsrouten bzw. „Turistvegene“ Norwegens) komme ich schließlich aus dem Staunen nicht mehr raus: Die herbstlich gefärbten, von Hochmooren geprägten endlosen Weiten der Hardangervidda, das verheißungsvoll leuchtende Eis des Hardangerjøkul in der Ferne und eine Vielzahl pittoresker Seen „zwingen“ mich zum regelmäßigen Anhalten. Es ist eine Wonne, es ist das pure Glück, sich in diesen schönen Landschaften zu verlustieren (wobei mir heute ehrlicherweise die Wettergötter aber auch wieder gewogen sind)! Als ich einige Stunde später schließlich mein Nachtlager oberhalb des atemberaubend schönen Aurlandsfjord aufschlage, liegt am Ende des Tages zudem nicht nur die Fahrt durch die Hardangervidda, sondern letztlich auch der berühmte Aurlandsfjellet (die Snøvegen / die „Schneestraße“) hinter mir. Auch diese aussichtsreiche Hochgebirgspassstraße wollte ich (angesichts der Unmöglichkeit, mich allzu körperlich zu betätigen) unbedingt befahren, trotz des (ab dem Ort „Geilo“ – ja, der heißt wirklich so) wirklich großen Umweges: Einfach um (trotz der temporären körperlichen Einschränkung) das Maximum herauszuholen. Wobei der Begriff „Umweg“ in Norwegen letztlich relativ ist: Wie in Island gehört in diesem wunderbaren Land das Fahren, der Weg zum vermeintlichen Ziel, ja zum eigentlichen Erlebnis dazu. Und so liegt, als ich mit Blick über den über 600 Meter tiefer gelegenen, stillen Aurlandsfjord den Tag schließlich Revue passieren lasse, der „Trolltunga-Vorfall“ gefühlt schon Jahre zurück. Von anstrengenden Bergtouren zwar noch weit entfernt, bin ich doch mittlerweile sehr zuversichtlich, schon in wenigen Tagen wieder voll auftreten zu können. Und so fahre ich am nächsten Tag (trotz des mal wieder melancholisch-trüben Regenwetters…) den mächtigen Hardangerfjord ab (nur diesmal auf seinem anderen Ufer), um die zweitgrößte Stadt Norwegens anzusteuern: Bergen. Die nächsten zwei Tage wird klassisches City-Sightseeing auf dem Programm stehen. Mal schauen, inwieweit ich meinen Fuß bereits wieder entsprechend belasten kann… [Bild: Morgenstimmung beim Vøringsfossen, der zu den beliebtesten Naturschauspielen bzw. touristischen Attraktionen rund um Eidfjord gehört. Nur wenige Meter sind es vom Parkplatz bis zur Abbruchkante in die steile Måbødalen-Schlucht. Ein gut ausgebautes Wegenetz (inkl. Brücken) erschließt das Gelände und lädt dazu ein, hier einen ausgedehnten Zwischenstopp einzulegen]
[Bild: Der Vøringsfossen ist eine wunderbar niedrigschwellige, leicht zugängliche Möglichkeit, die Naturgewalten dieser von Hardangervidda und Hardangerjøkul geprägten, rauhen Gebirgswelt hautnah zu erleben. Letztlich wird der unten ersichtliche Fluss Bjoreio in den Eidfjordvatnet und schließlich in den Hardangerfjord bzw. Eidfjord (und damit zu guter Letzt de facto die Nordsee) entwässern]
[Bild: Der ebenfalls gen Måbødalen in die Tiefe stürzende Tysvikjofossen (links) bildet das würdige Pendent zum (hier nicht einsehbaren) Vøringsfossen. Wer übrigens hier auf Kletterfantasien kommt: Die den Canyon einrahmenden Felswände sind aufgrund der fast allgegenwärtigen Gischt der beiden Wasserfälle meist feucht oder sogar von rutschig-haltlosen Gräsern bewachsen, weswegen man sich hier generell besser an die ausgewiesenen Wege hält. Die Vegetation wird es einem ebenfalls danken]
[Bild: Das Zusammentreffen von Tysvikjofossen (links) und Vøringsfossen (rechts) ist ein ergreifender, lauter Ort. Der mittlere Wasserdurchfluss variiert (je nach Jahreszeit), erreicht jedoch im Mai / Juni nach der Schneeschmelze mit über 80 m³ pro Sekunde sein Maximum. Zur Wahrheit gehört auch, dass der Wasserfall durch mehrere wasserbauliche Eingriffe in der Umgebung reguliert wird und nicht frei fließt]
[Bild: Eine Landschaft wie aus einer Sage: das Måbødalen an der Schnittstelle von Hardangervidda-Nationalpark (im Süden) und Hardangerjøkul (im Norden). Es ist kein Wunder, dass die Rv7 als eine der landschaftlich schönsten Panoramastrecken Norwegens beworben wird. Wie gerne würde ich von hier zu einer größeren, ggf. sogar mehrtägigen Bergtour in die umliegende Wildnis aufbrechen... Eines Tages komme ich wieder, das steht für mich absolut fest!]
[Bild: Mit einer größten freien Fallhöhe von 145 Metern (ca. 183 Meter sind es insgesamt) gehört der Vøringsfossen zu den höchsten (bekannten) Wasserfällen von ganz Norwegen. Da er deswegen im Sommer tagsüber meist von einer Vielzahl an Reisebussen besucht wird, kommt man am besten frühmorgens oder am Abend hierher, um das Spektakel in Ruhe und mit Muße auf sich wirken lassen zu können]
[Bild: Östlich des Vøringsfossen steigt die Rv 7 sanft an und führt schließlich in die Hochplateau-artigen, endlosen Weiten der Hardangervidda. Immer wieder laden kleine Parkbuchten an der Straßenseite dazu ein, kurz anzuhalten und den Blick über diese (vermeintlich) karge Wildnis schweifen zu lassen]
[Bild: Unzählige Flüsse und Bachläufe durchziehen die Hardangervidda, so dass man hier in der Regel zumindest nicht verdursten wird, wenn man zu einem Abenteuer in diese flächenmäßig größte Hochebene Europas aufbricht. Der sehr zuverlässig wehende Wind und ein allgemein kühles Tundra-Klima sind dagegen Faktoren, die man hier stets im Hinterkopf haben sollte: Ein Wandergebiet für Anfänger ist das hier definitiv nicht]
[Bild: Die Hardangervidda ist aufgrund ihrer extremen Vegetations- bzw. Wetterbedingungen für viele polare Tier- und Pflanzenarten das südlichste Verbreitungsgebiet: Obwohl es sich hierbei strenggenommen noch um Südnorwegen handelt, fühlt man sich ob des Fehlens von Bäumen und der allgegenwärtigen Tundragräser doch bereits in den hohen (arktischen) Norden versetzt. An einem sonnig-idyllischen Tag wie heute mag man es sich indes kaum vorstellen können, aber bei (wirklich) schlechtem Wetter ist das hier eine (für den Menschen) absolut lebensfeindliche Welt]
[Bild: Der im nördlichen Teil der Hardangervidda gelegene Hardangerjøkul(en) gehört mit einer flächenmäßigen Ausdehnung von (noch) ca. 70 km² zu den größten Festlandgletschern Norwegens. Fun Fact: Einige Szenen in dem Star Wars-Film „Das Imperium schlägt zurück“ (z. B. die Schlacht auf dem Eisplaneten Hoth) wurden rund um den Gletscher gedreht. Wer sich also einmal auf die Suche nach einem Wampa oder (besser) Tauntaun machen möchte, kann dies hier tun]
[Bild: Große Areale der Hardangervidda sind Hochmoore: Einfach querfeldein wandern ist hier also aus unterschiedlichsten Gründen (Vegetationsschutz, Vermeiden von nassen Füßen etc.) nicht immer zu empfehlen. Dafür verwandelt sich diese karge Landschaft im Herbst in ein farbenprächtiges Tundra-Spektakel, das schon viele Menschen in seinen Bann gezogen hat - Was für eine traumhaft schöne Hochebene...]
[Bild: Die von der herbstlichen Jahreszeit rot gefärbten Tundragräser und das wunderbar sonnige Wetter mögen einladend wirken, tatsächlich ist es jedoch ziemlich kalt und ungemütlich! Wer das Fahrzeug hier nicht dick eingepackt verlässt, wird sehr schnell stark frieren. Die arktisch anmutenden Winde der Hardangervidda, sie peitschen hier ohne jedes Hindernis über die weiten Ebenen. Dies ist das Reich der Rentiere und Polarfüchse, der Berglemminge und Schneehühner. Der Mensch ist hier nur zu Gast]
[Bild: Herbst auf der Hardangervidda - Wer solchen skandinavisch-arktischen Welten einmal „verfallen“ ist, wird immer wieder zurückkehren... Der Ruf der Wildnis, er ist hier (auf dieser größten Hochebene Europas) noch deutlich zu vernehmen. Durch Straßen wie die Rv 7, Hochspannungsleitungen, markierte Wanderwege und Wasserkraftanlagen vom Menschen zwar gebietsweise geprägt, wird sich die Hardangervidda einer endgültigen „Zähmung“ und Erfassung durch den Menschen (glücklicherweise) doch immer entziehen]
[Bild: Seen wie der Halnefjorden stehen exemplarisch für die Faszination, die die Hardangervidda ausstrahlt: Einerseits absolut menschenfeindlich (v. a. im Winter!), dürfte die Vorstellung, sich hier an einem warmen Sommertag irgendwo am Ufer ins weiche Tundragras zu legen und den Himmel zu beobachten, wohl fast jeden Norwegen-Fan ansprechen. Wer hier am Ufer entlangwandert (oder aber mit einem Boot übersetzt), wird übrigens relativ bald die Grenzen des Hardangervidda-Nationalparks erreichen. Was für Möglichkeiten...]
[Bild: Der an ein Postkartenmotiv erinnernde Eldrevatnet stellt das landschaftliche Highlight bei der Fahrt von Gol nach Borgund (via Rv 52) dar. Hier hat man die weiten Ebenen der Hardangervidda mittlerweile hinter sich gelassen, während nun das „Heim der Riesen“ (Jotunheimen) und der größte Gletscher Kontinentaleuropas (der Jostedalsbreen) in greifbarer Nähe sind. Mein nächstes Etappenziel ist jedoch zunächst einmal die Stabkirche Borgund, bevor es zum letzten großen Highlight des Tages geht: der Panorama-Passstraße Aurlandsfjellet (auch Aurlandsvegen bzw. im Volksmund Snøvegen genannt), bevor ich mir im Bereich des Aurlandsfjordes meinen Stellplatz für die Nacht suchen möchte]
[Bild: Die erstmals im Jahr 1342 (!) schriftlich erwähnte (wahrscheinlich jedoch bereits Ende des 12. Jahrhunderst errichtete) Stabkirche Borgund gilt als eine der am besten erhaltenen Stabkirchen Norwegens mit den meisten Teilen im Originalzustand. Sie ist eines der ältesten Holzgebäude Europas und ist für Touristen, die hier auf ihrer Norwegen-Reise vorbeikommen, ein absoluter Pflichtstopp]
[Bild: Im Inneren der Stabkirche Borgund: Bis Mitte des 19. Jahrhunderst war die Kirche in regulärem Gebrauch. Seither wird sie liebevoll gepflegt und instandgehalten, wobei die große Zahl der Touristen zu gewissen Abnutzungserscheinungen geführt hat (z. B. wurde in den 1970er Jahren zum Schutz des Originalbodens ein Holzfußboden in die Kirche gelegt). Entsprechend wichtig ist es bei einem Besuch, sich umsichtsvoll zu verhalten. Es ist eine Ehre, durch so ein altehrwürdiges religiöses Holzgebäude wandeln zu dürfen, weswegen man der Stabkirche Borgund mit besonderer Demut begegnen sollte]
[Bild: Es wird vermutet, dass die Stabkirche Borgund möglicherweise Elemente des Schiffbaus als religiöse, heidnische Symbolik übernommen hat. Die gut erkennbaren Drachen auf den Firsten werden oftmals mit den Drachen auf Wikingerschiffen in Verbindung gebracht. Auch wenn die Kirche seit über 150 Jahren nicht mehr aktiv für Gottesdienste etc. genutzt wird, so ist der Friedhof doch nach wie vor ganz regulär in Gebrauch]
[Bild: Unterwegs auf dem Aurlandsfjellet (Aurlandsvegen) zwischen Lærdalsøyri und dem eigentlichen Hochgebirgspass - Die Ausblicke, die man bei der Fahrt über die Snøvegen (die Schneestraße) zu Gesicht bekommt, erklären von selbst, warum man bei einigermaßen schönem Wetter die Fahrt durch den alternativen Lærdalstunnel in jedem Fall ignorieren sollte. Wie die Rv 7 durch die Hardangervidda gehört auch der Aurlandsfjellet zu den 18 Turistvegene Norwegens: Bei so einem Setting ist das wahrlich kein Wunder!]
[Bild: Bei der Bergabfahrt von der Aurlandsfjellet-Passhöhe in Richtung Aurlandsfjord - Oben auf dem eigentlichen Gebirgspass war das Wetter so unwirtlich, so windig-kalt, dass ich mich dort nicht lange aufgehalten habe. Stattdessen geht es nun unverzüglich zum voraussichtlichen Endpunkt des heutigen Tages: dem Aussichtspunkt Stegastein. Dort, hoch über dem Aurlandsfjord, plane ich (mit Blick über diesen so wunderbaren Nebenarm des Sognefjord) den Tag Revue passieren zu lassen]
[Bild: Ausblick vom Aussichtspunkt Stegastein über den Aurlandsfjord - Zwar nicht ganz so majestätisch und v. a. berühmt wie der etwa 130 km Luftlinie entfernte Geirangerfjord, gehört der Aurlandsfjord dennoch zu den eindrucksvollsten Seitenarmen des Sognefjordes, des zweitlängsten Fjordes der Welt. Bis in die 1980er Jahre hinein war diese Gegend nur über das Wasser oder (ab den 1940er Jahren dann) durch den Zug Flåmsbana (bzw. natürlich auch zu Fuß durch die Berge) erreichbar. Wie entlegen sich das Leben hier (speziell vor Beginn des 20. Jahrhunderts) ohne Straßenanschluss angefühlt haben muss...]
[Bild: Abendstimmung hoch über dem Aurlandsfjord - Ein sehr langer, aber landschaftlich einmalig schöner Tag liegt hinter mir. Ob nun die tosenden Wassermassen des Vøringsfossen, die herbstlich-windigen Weiten der von rötlich-leuchtenden Hochmooren geprägten Hardangervidda, die altehrwürdigen Holzkonstruktionen der Stabkirche Borgund oder die aussichtsreiche Hochgebirgspassstraße Aurlandsfjellet (Aurlandsvegen): Es war definitiv (!) die richtige Entscheidung, von Eidfjord aus nicht auf direktem Wege via Hardangerbrua gen Bergen zu fahren, sondern diesen landschaftlich so wunderbaren „Schlenker“ zu machen]
[Bild: Am nächsten Morgen: Bevor es via Voss (auch Vossevangen genannt) zurück zum Hardangerfjord geht, um dann an seinem malerischen Nordufer entlang westwärts gen Bergen zu fahren, besuche ich noch kurz die Flåm Kyrkje im gleichnamigen Ort. Der Ort Flåm ist vor allem aufgrund der touristischen Flåmsbana sowie natürlich aufgrund der nahen Naturjuwelen Aurlandsfjord und Nærøyfjord bekannt]
[Bild: Bei trübem Regenwetter an den nördlichen Ufern des Hardangerfjordes - War ich vor ein paar Tagen noch in den Gebirgen auf der gegenüberliegenden Fjordseite unterwegs, geht es nun jedoch ohne Umschweife konsequent gen Westen. Das Ziel ist die zweitgrößte Stadt Norwegens: Bergen. Bevor ich mich jedoch für zwei volle Tage dem entsprechenden, von Kreuzfahrttouristen geprägten „Großstadt“-Getümmel aussetze werde, genieße ich noch die entspannte Fahrt entlang der so herrlich stillen Gewässer des Hardangerfjordes: Angenehmerweise führt die Straße Nr. 79 nämlich über längere Zeit direkt (!) am Wasser entlang]
[Bild: Eines der unzähligen Ferien- bzw. Fischerhäuschen an den Ufern des Hardangerfjordes - Nicht nur hier, sondern natürlich auch an den so zahlreichen anderen Fjorden des Landes haben die Norwegerinnen und Norweger malerische, bunt angestrichene Holzhäuschen gebaut. Gesegnet ist diejenige Person, die diese wunderbare Fjordlandschaft ihr (permanentes oder auch temporäres) Zuhause nennen darf]
[Bild: Kurzer Zwischenstopp bei der Stabkirche Fantoft (auch Stabkirche Fortun genannt), bevor es zur nahen Jugendherberge in Bergen geht. Diese eindrucksvolle Stabkirche geht in ihren Ursprüngen auf das frühe 13. Jahrhundert zurück, brannte jedoch Anfang der 1990er Jahre ab (nachdem sie im 19. Jahrhundert bereits einmal an einer anderen Stelle neuerrichtet worden war), weswegen es sich hierbei um eine Rekonstruktion handelt. Das macht die Kirche natürlich nicht minder eindrucksvoll, wobei sie bei meinem Besuch leider geschlossen ist]
Tag 14-15 Bergen Syvfjellsbyen – „Stadt der sieben Hügel“. So wird Bergen, die zweitgrößte Stadt Norwegens (in Anspielung an die Sieben Hügel Roms), häufig genannt. Aber auch die Namen „Tor zu den Fjorden“ oder „Stadt des Regens“ zeigen ganz gut, auf was man sich bei einem Besuch dieser Stadt mutmaßlich „einlässt“: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird man sich nämlich in irgendeiner Form stets in relativer Nähe zum Wasser befinden. Denn mit fast 2300 mm Niederschlag pro Jahr (!) und gleichzeitig dem Status, einer der wichtigsten Häfen der Nordsee zu sein, scheint der Charakter Bergens vermeintlich gesetzt. But wait, there’s more: Bergen ist (natürlich!) mehr als obligatorischer Auftakt / Endpunkt einer Hurtigruten-Fahrt oder (wie in meinem Fall) de facto-Zwischenstopp während einer Norwegen-Reise, um windig-regnerisches Wetter und temporäre körperliche Einschränkung möglichst sinnvoll zu überbrücken. Bergen ist vor allem eine Stadt, die aufgrund einer Vielzahl großartiger Museen (z. B. KODE), des am Naturhafen Vågen gelegenen historischen Stadtteil Bryggen (1979 zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt), des Fisketorget (Fischmarkt) und einer überall spürbaren, kreativ-studentisch geprägten Lebendigkeit und Dynamik, die sich in unzähligen Bars, Cafés und Ausstellungen manifestiert, letztlich noch (fast) jeden in seinen / ihren Bann gezogen hat. Auch mir bereitet der Besuch dieser schönen Stadt im Westen Norwegens viel Freude, wobei ich natürlich besonders froh darüber bin, wie gut mein nach wie vor arg lädierter Knöchel / Fuß bereits wieder „mitspielt“: Knapp 50.000 Schritte wird er mir nämlich im Laufe dieser zwei Tage zugestehen. In Bergen selber verbringe ich letztlich die meiste Zeit rund um den Naturhafen Vågen, lasse mich treiben, schlendere durch die nah am Wasser gelegenen Teile der Altstadt (mit Bryggen als fast schon naturgegebenem Highlight) und lasse das Flair der Stadt in Ruhe auf mich wirken. So überlaufen von Kreuzfahrttouristen, wie Bergen oftmals abgetan wird, kommt mir die Stadt (sogar trotz der in meinem Fall nahe der Festung Bergenhus ankernden AIDA) übrigens gar nicht vor. Bryggen, der Teil der Altstadt zwischen Fischmarkt und Domkirche, die Fløibanen und Flagship-Museen wie das KODE sind zweifelsohne stets gut besucht, von Massenaufläufen wie in anderen europäischen Städten ist man hier dennoch in meinen Augen weit entfernt. Als ich Bergen nach zwei vollen Tagen letztlich gen Norden (Richtung Sognefjord) verlasse und meine Reise fortsetze, denke ich, dass ich mir in Summe einen ganz guten Eindruck der Stadt verschafft habe. Sicherlich kann man aus einem Bergen-Besuch noch deutlich (!) mehr „rausholen“: Weder habe ich eines der KODE-Museen von innen gesehen, die aussichtsreiche Fløibanen genutzt, eine thematische Stadttour (z. B. zu nordischem Essen) unternommen oder einen Bootsausflug in die von unzähligen Fjorden geprägte nähere Umgebung unternommen. Doch das war mir in der relativen Kürze der Zeit schlichtweg too much (vom für mich recht hohen Preisniveau sowie dem ungemütlichen Wetter mal ganz abgesehen). Einfach ein bisschen zu Fuß die rund um den Hafen gelegene Altstadt (und damit das Herz Bergens) erkunden und nach zwei entspannten Tagen die Reise in Richtung Jostedalsbreen fortsetzen: Das war der Plan. Und ich denke, manchmal ist es tatsächlich ganz pragmatisch-sinnvoll, nicht um jeden Preis so viel machen zu wollen wie nur möglich (wozu ich leider manchmal neige). [Bild: Im Bankettsaal der zur Festung Bergenhus gehörenden Håkonshalle - In den Jahren 1247-1261 errichtet, wurden Raum bzw. Gebäude vor allem als königliche Residenz und Festhalle genutzt. Man mag sich nur allzu gerne vorstellen, wie norwegische Könige hier opulente Festmahle veranstaltet und Met-geschwängerte Reden über die kühnen Taten ihrer Wikinger-Vorfahren gehalten haben]
[Bild: Ausblick von der Festung Bergenhus zum Vågen, in dem während meinem Bergen-Aufenthalt die Normand Sirius vor Anker liegt. Hierbei handelt es sich um ein Offshore-Versorgungsschiff, das 2014 gebaut wurde und unter norwegischer Flagge fährt. Die Normand Sirius dient als sogenanntes AHTS („Anchor Handling Tug Supply Vessel“), was bedeutet, dass sie z. B. Ankerhandhabungsaufgaben übernehmen und als Schlepper eingesetzt werden kann. Als König Håkon hier vor 750 Jahren die Aussicht genossen hat, ankerten definitiv noch andere Schiffstypen vor der Küste]
[Bild: Die Håkonshalle in all ihrer Pracht - Wurde die Festung Bergenhus vor allem in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts als Residenz der norwegischen Könige genutzt, verlor der Ort mit der Verlagerung der Hauptstadt nach Oslo im ausgehenden Mittelalter zunehmend an Bedeutung, bis die Substanz irgendwann sogar baufällig war (Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Håkonshalle nur mehr als Kornspeicher genutzt). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Håkonshalle schließlich umfassend restauriert, sodass man sich hier heutzutage wieder mit gebührendem Respekt und Muße in die Zeit zurückversetzen lassen kann, als hier noch König Håkon sein weitläufiges Reich regierte]
[Bild: Dieser Rosenkrantztårnet (Rosenkrantzturm) genannte Eckpfeiler der Festung Bergenhus wurde um das Jahr 1560 vom Schlosshauptmann zu Bergenhus (dem namensgebenden Erik Rosenkrantz) errichtet und ist ein spannendes Beispiel für eine kombinierte Festungs- und Wohnturmanlage. Besonders lohnenswert bei einer Besichtigung ist die Aussicht von der obersten Ebene über den Vågen und die restliche Festungsanlage]
[Bild: Ausblick von der Spitze des Rosenkrantzturms über einen Teil des Bergener Naturhafen Vågen - Bei dem vor der Nykirken vor Anker liegenden Schiff handelt es sich um die North Pomor, ein Offshore-Versorgungsschiff bzw. OSV („Offshore Supply Vessel“), das in 2013 gebaut wurde und unter norwegischer Flagge fährt. Die North Pomor hat eine Gesamtlänge von stolzen 92,6 Metern und wird (neben seiner OSV-Funktion) auch als Öl-Serviceschiff bzw. PSV bezeichnet]
[Bild: Die in unmittelbarer Nähe zum Wasser (Vågen) gelegenen Hansekontore des historischen Stadtviertels Bryggen sind die wahrscheinlich bedeutendste touristische Attraktion und identititätsstifendes Element der Stadt Bergen. Wurden sie über viele Jahrhunderte hinweg primär von deutschen bzw. hanseatischen Kaufleuten (sogenannten „Bergenfahrern“) genutzt, dienen der meisten der Gebäude heute ganz banal touristischen Zwecken]
[Bild: Der hanseatische Reichtum von Bergen, er ist an vielen Ecken der Stadt zu spüren! Während man an den zahlreichen Landungsstegen und prächtigen Kaufmannshäusern entlangspaziert, wird man unweigerlich in Gedanken in eine Zeit zurückversetzt, als hier noch elegant gekleidete Kaufleute und einfache, schwer arbeitende Hafenarbeiter unter schreien Möwen die Szenerie prägten]
[Bild: Bergen war während der Hochzeit der Hanse von enormer Bedeutung, da es ein wichtiger Handelsplatz und (neben Brügge, London und Nowgorod) eines der vier Hanseviertel war. Obwohl Bergen selbst keine Hansestadt im eigentlichen Sinne war, spielte es eine zentrale Rolle im Hanse-Handel, insbesondere durch den Export von Stockfisch. Besonders deutsche Kaufleute haben dabei der Stadt ihren Stempel aufgedrückt: Das Deutsche Kontor wurde 1361 gegründet und existierte letztlich über 400 Jahre (!) lang]
[Bild: Aufgrund seiner topographischen Lage und des Nimbus als Syvfjellsbyen („Stadt der sieben Hügel“) kann man in Bergen abseits des flachen Stadtzentrums rund um den Fischmarkt sehr schnell an Höhe gewinnen, indem man einfach irgendwo einen Hang hochspaziert. Deswegen stößt man hier permanent auf unerwartet schöne Ausblicke (wie in diesem Fall die elegante Nykirken) bzw. perspektivische Hidden Gems]
[Bild: Mit dem Essen ist das in Norwegen (wenn man es denn nicht selbst zubereitet) meist so eine Sache, da es in der Regel (für durchschnittlich betuchte Touristen wie mich) vergleichsweise teuer ist. Hot Dogs sind jedoch eine beliebte und relativ preisgünstige Möglichkeit, auswärts eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Der Klassiker sind zwar die so wunderbar prosaischen Tankstellen Hot Dogs, doch ab und zu darf es dann auch mal etwas „fancy“ sein, wie in diesem Fall ein Rentier Hot Dog vom (seit Jahren touristisch gehypten und entsprechend vielbesuchten) Laden Trekroneren: Zwar absolut überlaufen, aber preislich sehr fair und tatsächlich vor allem einfach echt lecker]
[Bild: Unter dem Begriff KODE werden insgesamt vier Museen in Bergen zusammengefasst, die in Summe eine der wichtigsten Kunst- und Designsammlungen Skandinaviens darstellen. Jedes der vier KODE Museen hat dabei einen anderen Schwerpunkt: Während es bei KODE 1 vor allem um zeitgenössisches Design und aktuelle Ausstellungen geht, stößt man bei KODE 2 auf regelmäßig wechselnde Kunstausstellungen, die verschiedene Themen, Kunststile und Epochen behandeln. In KODE 3 wird hauptsächlich die Sammlung des Rasmus Meyer (mit einem starken Schwerpunkt auf Edvard Munch) ausgestellt, während KODE 4 eine Sammlung älterer Gemälde (aber auch moderne Meisterwerke von z. B. Picasso) und wechselnde Ausstellungen enthält. Wer viel Zeit (in Bergen) hat, dem ist ein Besuch des KODE sicher zu empfehlen. Ich bevorzuge es, draußen unterwegs zu sein und bei einem der gelegentlich auftauchenden Regenschauer einfach in eines der zahlreichen Cafés der Stadt zu flüchten]
[Bild: Das am Byparken gelegene Permanenten ist KODEs Gebäude für Kunsthandwerk und Design. Im Jahr 2017 nach umfangreichen Renovierungs- und Restaurierungsmaßnahmen neueröffnet, erhielt das ursprünglich vom Architekten Henry Bucher entworfene Vestlandske Kunstindustrimuseum mit seiner Fertigstellung Ende des 19. Jahrhunderts ein permanentes Gebäude und Zuhause. Bekannt ist diese heutige KODE-Institution vor allem für ihre eindrucksvollen Ausstellungsstücke im Bereich der Glas-, Silber- und Textilkunst]
[Bild: Um Brände in dem äußerst eng gebauten Hanseviertel Bryggen zu vermeiden, waren alle Gebäude unbeheizt. Lediglich die rückwärtig gelegenen sogenannten Schøtstuene (die Schötstuben), welche den Kaufleuten auch als Versammlungs- und Gerichtsraum dienten, waren beheizt. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen kam es über die Jahrhunderte hinweg zu mehreren verheerenden Bränden (zuletzt 1955), die fast das Aus für das Viertel bedeutet hätten. Wie gut, dass ein engagiertes Team rund um den Architekten und Denkmalpfleger Hans Jacob Hansteen sich (letztlich erfolgreich) dafür einsetzte, Bryggen wiederherzustellen und damit dauerhaft für die Menschheit bzw. vor allem natürlich für die Bevölkerung Bergens zu erhalten]
[Bild: Bei einem Aufenthalt in der Stadt Bergen ist es (sofern man die entsprechende Zeit hat) sehr empfehlenswert, Bryggen mehrmals einen Besuch abzustatten, wird man in den zahlreichen engen und verwinkelten Gassen des historischen Hanseviertels doch jedes Mal etwas Neues entdecken]
[Bild: Auch am zweiten Tag unternehme ich einen kleinen Abstecher zur Festung Bergenhus, ist der wuchtige Rosenkrantztårnet (Rosenkrantzturm) doch einer der absoluten Blickfänger des Hafens. Im Gegensatz zur zeitweise stark vernachlässigten Håkonshalle wurde die Gesamtanlage Bergenhus im Laufe des 17. Jahrhunderts stetig ausgebaut und verstärkt, sodass sie um 1700 am vollständigsten mit Bergenhus und Sverresborg (als eine gemeinsame Festung) war. Die wechselvolle Geschichte der Anlage, die im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlichste militärische Funktionen erfüllte, wird auch daran deutlich, dass die Festung Bergenhus während der Zeit der Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht als deren lokales Hauptquartier fungierte]
[Bild: Nachdem Bryggen (zu Deutsch: Landungsbrücke, Kai) aufgrund der Prägung der Stadt Bergen durch die Hanse jahrhundertelang unter den Namen „Tyskebryggen“ (Deutsche Brücke) bekannt war, führte der Zweite Weltkrieg und die damit einhergehende Besatzungszeit durch die deutsche Wehrmacht dazu, dass alles Deutsche (verständlicherweise) so unpopulär wurde, dass man von da an nur mehr von Bryggen sprach. Deutsche sind heutzutage in Bergen bzw. Norwegen natürlich wieder herzlich willkommen, der Name Bryggen (ohne den Zusatz „Tyske“) aber ist geblieben]
[Bild: Im Bann der hanseatischen Pracht altehrwürdiger Kaufmannshäuser - Nach zwei Tagen Bergen bleibt mir nur zu sagen, dass ich einen Besuch dieser zweitgrößten Stadt Norwegens wirklich sehr empfehlen kann. Ob man nun einfach „nur“ die herrliche Hafenpromenade entlangspaziert und ein bisschen im historischen Viertel Bryggen bummelt oder aber sogar die von unzähligen Fjorden geprägte Umgebung erforscht, dem KODE (oder einer der vielen kleinen Galerien) einen Besuch abstattet und sich durch die zahlreichen Cafés, Restaurants und (Fisch-)Märkte der Stadt probiert: Bergen ist eine wirklich wunderbare Stadt. Das Wetter ist zwar nicht das Allerbeste, aber dafür kann man hier nach Lust und Laune, Zeit und Geldbeutel in eine westnorwegische Küstenstadt eintauchen]
Tag 16 Fahrt von Bergen via Sognefjord zum Jostedalsbreen-Nationalpark Mit der flächenmäßigen Ausdehnung von Gletschern ist das ja so eine Sache. Einerseits führt der Klimawandel seit vielen Jahrzehnten dazu, dass sich die Gletscher weltweit auf dem Rückgang befinden und Stück für Stück immer weiter abschmelzen (bzw. mit der Zeit auch ganz verschwinden), wodurch auch vermeintliche Ranglisten stets nur eine (teils sehr grobe) Momentaufnahme sind. Andererseits ist bei den wirklich großen Eismassen dieser Erde aufgrund ihrer schieren Ausmaße dann doch (noch) eine relative Beständigkeit gegeben. Wer schon mal auf den flächenmäßig größten Gletschern der Alpen (z. B. Aletschgletscher, Gornergletscher, Mer de Glace) unterwegs war, wird sicherlich tief beeindruckt gewesen sein. Doch die Eismassen dieses zentraleuropäischen Gebirges nehmen sich im Vergleich zu den Gletschern Norwegens geradezu bescheiden aus. Insbesondere die riesigen, schier endlosen eisigen Weiten von Svalbard (Spitzbergen) rund um den gut 8000 km² (!) großen Austfonna können sich leicht mit Island, Nowaja Semlja (Russland), Alaska / Yukon, Patagonien und Zentralasien messen (die Antarktis und Grönland sind hier natürlich noch einmal ganz eigene Kategorien). Auf dem europäischen Festland bzw. der Skandinavischen Halbinsel jedoch, muss das „ewige“ Eis etwas kleinere Brötchen backen. Dennoch wird einem beim Blick auf eine Karte Zentralnorwegens sehr schnell eine vergleichsweise gewaltige Eismasse auffallen: der Jostedalsbreen. Dieser (im Jahr 2019) noch ca. 458 km² große Gletscher ist die flächenmäßig unangefochtene Nr. 1 in Festlandeuropa: Eine ca. 40 km lange, 15 km breite und bis zu 500 m dicke, geschlossene Eisfläche, die fast die gesamte Landmasse zwischen Sognefjord, Nordfjord, Botnafjellet und Breheimen einnimmt und sich über dutzende Auslassgletscher über ca. 1700 Hm vertikale Differenz von der Lodalskåpa (2083 m.) fast bis auf Meereshöhe erstreckt. Dieses mächtige Gletschermassiv einmal mit eigenen Augen zumindest von unten zu sehen und sich vielleicht für künftige Abenteuer in seine höheren Regionen inspirieren zu lassen, war von vornherein eines meiner absoluten Must-Do's für diese Reise (auch wenn ich diesen Begriff eigentlich nicht mag). Sich dem Jostedalsbreen gebührend zu nähern, ist jedoch mitunter gar nicht so einfach (zumal, wenn man einen lädierten Knöchel hat und nicht großartig bergsteigen kann). Der Gletscher ist zwar von praktisch allen Seiten (von ganz unten) zugänglich und durch Straßen erschlossen, allerdings dauert es aufgrund des an die zerklüftete Topographie der Region angepassten Straßennetzes relativ lange um von A nach B zu kommen. Wenn man (wie ich) laut Wettervorhersage dann zudem nur mutmaßlich einen echten Schönwettertag zur Verfügung hat (das Wetter rund um den Jostedalsbreen ist äußerst wechselhaft und niederschlagsreich!), muss man sich einen kleinen Bereich rund um dieses gewaltige Gletschermassiv „rauspicken“ und den Tag (so gut es geht) maximal ausreizen. Und so beschließe ich, frühzeitig von Bergen aufzubrechen und die nordwestlichen Täler des Jostedalsbreen (rund um die Seen Oldevatnet und Lovatnet) anzusteuern. Das ergibt für mich logistisch am meisten Sinn, da ich perspektivisch weiter gen Geirangerfjord und Trollstigen fahren will. Als ich am Morgen während der hierfür notwendigen Überfahrt mit der Fähre über den gigantischen Sognefjord den tiefblauen Himmel mustere, spüre ich umgehend, dass das heute tatsächlich ein ganz wunderbarer Tag werden könnte: Es liegt nämlich etwas in der Luft! Zwar weiß ich, dass ich die auf einem gewaltigen Fjell bzw. Gneisplateau liegende, eigentliche Eismasse des Jostedalsbreen mangels der momentanen Unfähigkeit, allzu viele Höhenmeter zurückzulegen, zwar kaum zu Gesicht bekommen werde. Aber 2-3 Auslassgletscher (aus der Ferne) als „Tages-Output“ wären ja auch schon eine feine Sache. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass dieser Tag trotz meiner körperlichen Einschränkung zu einem der absoluten Highlights meiner Norwegen-Reise werden wird: Dass ich eines Tages definitiv wiederkommen und die Lodalskåpa besteigen werde, steht am Ende dieses Tages mit absoluter Gewissheit fest. Sollen die nachfolgenden Bilder erzählen, was zu dieser Schönwetter-geprägten Begeisterung für den Jostedalsbreen geführt hat. [Bild: Fähren gehören zu einer „echten“ Norwegen-Reise einfach dazu! Vor allem wenn man sich nah an der Küste aufhält und einen der unzähligen Fjorde (wie in diesem Fall den Sognefjord) überqueren will (bzw. muss), kommt man um eine entsprechende Überfahrt praktisch nicht herum. Logistisch ist das Ganze denkbar einfach: Einfach (ohne Reservierung!) vorbeischauen, sich mit dem Auto in die Schlange (falls vorhanden) vor dem Schiff einreihen, warten bis man auf das nächste Fährschiff fahren kann und an Bord (meist per Kreditkarte) bezahlen. Alternativ scannen die Fährschiffmitarbeiter auch einfach das Nummernschild, so dass (analog zur norwegischen AutoPASS-Maut) die Rechnung entweder bei Rückgabe des Mietwagens, im digitalen AutoPASS-Konto oder letztlich zuhause beglichen wird: Entspannter geht es kaum]
[Bild: Der Sognefjord ist mit einer Länge von 205 km und einer maximalen Tiefe von 1,3 km der längste und tiefste Fjord von Norwegen und ganz Europa. An Länge wird er weltweit sogar zudem nur vom Kangertittivaq in Ostgrönland übertroffen. Der Fjord ist so gewaltig, dass man die Dimensionen im Grunde kaum erfassen kann. Lysefjord und Aurlandsfjord wirken im Vergleich geradezu niedlich, allerdings geht in meinen Augen aufgrund der so unglaublich weit auseinander liegenden Ufer das typische „Fjord-Ambiente“ (nah beieinander liegende, steile Felswände) fast schon wieder etwas verloren. Einen schöneren Auftakt für meine Reise zum Jostedalsbreen hätte ich mir indes kaum wünschen können]
[Bild: Norwegische Postkartenidylle in der Provinz Sogn og Fjordane - Während der Fahrt vom Sognefjord-Nordufer zum Jostedalsbreen muss (oder eher darf) ich immer wieder anhalten, um die unzähligen pittoresken Weiler und Bauernhöfe zu bewundern, mit denen diese kontrastreiche Bilderbuchlandschaft gesprenkelt ist. Wie beneidenswert es doch ist, solch eine schöne Gegend sein Zuhause nennen zu können]
[Bild: Bei der Fahrt über den Gebirgspass Utvikfjellet offenbart sich mit einem Mal ein fantastischer Ausblick über den Nordfjord, welcher mit einer Länge von 116 km und einer maximalen Tiefe von 585 m ebenfalls zu den absoluten Fjordgiganten des Landes zählt. Wie der Sognefjord wird auch der Nordfjord zu erheblichen Anteilen vom (Gletscher-)Schmelzwasser des Jostedalsbreen gespeist. Eine Fahrt entlang seiner herrlichen Ufer zählt speziell an einem Tag wie heute zum Feinsten, was man in der Umgebung unternehmen kann]
[Bild: An den Ufern des schönen Oldevatnet, welcher zu fast allen Seiten von imposanten Felswänden eingerahmt wird. Man befindet sich hier streng genommen noch nicht im eigentlichen Jostedalsbreen-Nationalpark, dessen Grenze verläuft ungefähr über die umliegenden Gipfel. Und obwohl die gewaltigen Eismassen des Jostedalsbreen hier bereits ziemlich nah sind, ist das Klima vergleichsweise mild (man befindet sich hier fast auf Meereshöhe), was man auch an der Vegetation sehen kann]
[Bild: Da ist er, der Jostedalsbreen! Behäbig schiebt sich seine gewaltige Eismasse über die Abbruchkante des seit tausenden von Jahren unter Eis begrabenen Fjell. Oben, auf dem eigentlichen Gletscherplateau, dehnt sich der Jostedalsbreen dann schier endlos dutzende Kilometer in alle Richtungen aus: Was für eine Vorstellung! Die meisten Touristen genießen ihn von unten, wandern vielleicht bis zur Zunge eines seiner unzähligen Auslassgletscher. Nachdem ich zunächst einen kurzen Abstecher zum Parkplatz bei der Briksdalsbre Fjellstove gemacht habe (um vor Ort festzustellen, dass mir der ganze Ort zu hektisch, zu touristisch, einfach zu voll ist), beschließe ich, mein Auto etwas weiter nördlich bei Åbrekk zu parken und (so gut es geht) ein bisschen in Richtung Brenndalsbreen (einer der Auslassgletscher des Jostedalsbreen) zu wandern. Vielleicht hat man ja vom Aussichtspunkt Brenndalsetra (welchen ich zufällig auf der Karte entdeckt habe) eine ganz nette Aussicht... Deutlich (!) ruhiger als das Tal des Briksdalsbreen ist das Ganze in jedem Fall]
[Bild: Ausblick vom Aussichtspunkt Brenndalsetra in Richtung Oldevatnet und zum darüber aufragenden (völlig unbekannten) Gipfelpaar Sandvikfjellet (1620 m.) und Ceciliekruna (1717 m.) - Auch wenn ich mich hier lediglich knapp 200 Hm über der Talsohle befinde, ist das Panorama doch bereits unglaublich eindrucksvoll! Nur allzu gerne würde ich mich mit der Aussicht auf eine mehrtägige Hochdruckphase und ohne angeschlagenen Knöchel daran machen, hier den einen oder anderen einsamen Gipfel am Rande des Jostedalsbreen zu besteigen. Doch leider soll morgen das Wetter schon wieder komplett umschwenken (von meinem lädierten Fuß noch gar nicht gesprochen). Und so genieße ich die umliegende Bergwelt des Jostedalsbreen-Nationalparks umso mehr. Ich bin ohnehin unglaublich dankbar, dass ich dieses schöne Fleckchen Erde bei so einem Wetter (zumindest ein kleines bisschen) erleben darf]
[Bild: Die über dem idyllischen Oldevatnet steil emporragenden Gipfel Sandvikfjellet (1620 m.) und Ceciliekruna (1717 m.) dürften wohl nur sehr, sehr selten bestiegen werden. Von dieser Seite völlig unzugänglich (da äußerst steile Felswände und zerschrundene Gletscher die Annäherung massiv erschweren), kann man sich ihnen von Westen (ab Myklebustdalen) weglos nähern. Das Ganze dürfte ein großes Abenteuer in echter (!) Wildnis und die Ausblicke in Richtung Jostedalsbreen unvergleichlich sein. Dass man das Ganze nur bei umfassender Erfahrung mit einsamster Bergwildnis und auch nur bei wirklich stabilem Wetter ernsthaft in Betracht ziehen sollte, versteht sich von selbst]
[Bild: Während die Gegend rund um die Briksdalsbre Fjellstove (Ausgangspunkt für den Briksdalsbreen) ein Tal weiter südlich verlässlich überlaufen ist (früher konnte man sich von dort in bester Pontresina-Manier sogar mit einer Pferdekutsche bis zur Gletscherzunge bringen lassen), muss ich mir den unerwartet fotogenen Aussichtspunkt Brenndalsetra nur mit ein paar weiteren Menschen teilen. Das dezent an ein Grassodenhaus erinnernde Hüttchen ist dabei gewissermaßen die motivtechnische Kirsche auf der Torte]
[Bild: Atemberaubender Ausblick vom Aussichtspunkt Brenndalsetra über das vom Brenndalsbreen (rechts hinten) nach Westen herab führende Tal - Durch die Mitte des in weiten Teilen bewaldeten, herrlich wilden Tales verläuft die Grenze des Jostedalsbreen-Nationalparks. Man kann von hier aus z. B. bis zur Gletscherzunge wandern (ca. 250 Hm und 2 km einfache Wegstrecke) oder aber linkerhand (den Talgrund überschreitend) um das Bergmassiv herum wandern und hintenrum den Gipfel Flatefjellet (1366 m.) besteigen. Von dort könnten abenteuerlustige Bergsteiger dann direkt die plateauartigen Weiten des Jostedalsbreen betreten: Was für Möglichkeiten...]
[Bild: Der Brenndalsbreen (im Vordergrund) gehört zu den eher kleineren Auslassgletschern des Jostedalsbreen, dessen schier endlose Gletscherweiten oberhalb der Bruchzone beginnen. Der markante, dem Gletscherplateau vorgelagerte Felskopf ist der Brenndalsnibba (1584 m.) - Erreicht werden kann dieser ziemlich unbekannte Gipfel entweder vom Flatefjellet aus (Vorsicht vor Gletscherspalten, Schmelzwasser-Bachläufen oder glattgeschliffenen Felsplatten!) oder direkt von oben vom eigentlichen Jostedalsbreen, wobei sich wohl die wenigsten Hochtouristen / Alpinisten den entsprechenden Aufwand wegen dieser vergleichsweise unbedeutenden Spitze machen werden]
[Bild: Die beiden Gipfel Sandvikfjellet (1620 m.) und Ceciliekruna (1717 m.) überragen den Talboden um 1500-1600 Meter, befinden sich jedoch (Luftlinie) nur etwas über 2 km von diesem entfernt. Diese abrupte, heftige Höhendifferenz verdeutlicht, was für gewaltige Kräfte hier im Laufe der Vergangenheit gewirkt haben und wie stark das Eis des Jostedalsbreen diese Landschaft geformt hat]
[Bild: La dolce far niente (auf die norwegische Art): Da ich es in bergsteigerischer Hinsicht normalerweise gewöhnt bin, erst ab einer gewissen Höhenmeteranzahl so richtig aufzublühen, ist dieses entspannte Vor-sich-hin-schauen am Aussichtspunkt Brenndalsetra für mich eine ganz neue Erfahrung. Während die Schatten langsam aber sicher länger werden und das ungleiche Duo Brenndalsbreen-Jostedalsbreen in der Ferne vor sich hinknackt, jubiliere ich innerlich, dass ich heute bereits wieder 200 Hm geschafft habe: Zwar „nur“ auf einer Forststraße, aber immerhin! Ich habe die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, am Ende meiner Norwegen-Reise vielleicht doch noch ein paar „große“ Bergtouren rund um Jotunheimen machen zu können]
[Bild: Ob heute wohl Seilschaften auf dem oberen Gletscherplateau des Jostedalsbreen unterwegs waren...? Für ambitionierte Hochtouristen ist natürlich die von hier etwa 23 km (!) Luftlinie entfernte Lodalskåpa (2083 m.) das absolute Traumziel schlechthin, stellt sie doch den höchsten Punkt des gesamten Jostedalsbreen dar. Eine vollständige Durchquerung des 40 km langen, hochplateauartigen Gletschers ist dagegen eher etwas für Profis, wird man doch ziemlich sicher mehrmals auf dem Gletscher biwakieren bzw. zelten müssen. Zudem dürfte das jahreszeitenmäßig eher etwas für den Frühling / Frühsommer sein, wenn man auf dem Gletscher noch mit Tourenskiern unterwegs sein kann]
[Bild: Goldene Herbsttage wie heute, sie sind in diesen niederschlagsreichen, von hochgradig wechselhaftem Wetter geformten Landschaften nicht selbstverständlich! Natürlich kann man auch vom Jostedalsbreen mit einer mehrtägigen, stabilen Hochdruckphase verwöhnt werden (in dem Fall ist man der Inbegriff eines Glückspilzes!). Pragmatischer ist es jedoch, sich von vornherein auf tendenziell eher mittelmäßiges Wetter einzustellen, vor Ort einfach das Beste daraus zu machen und Tage wie heute als Geschenk anzusehen. Ich kann es bestätigen: Unter einem so strahlend blauen Himmel über eines der wilden Seitentäler des Jostedalsbreen den Blick schweifen lassen und dabei die Bruchzone von einem seiner Auslassgletscher bewundern, ist etwas, was in Zentralnorwegen wohl nur von einer Gipfeltour auf einen der hohen Berge des Landes getoppt werden kann]
[Bild: Ein letztes Mal noch genieße ich vom Aussichtspunkt Brenndalsetra den fantastischen Ausblick über das Tal des Brenndalsbreen zur verheißungsvoll glitzernden Gletscherbruchzone des Jostedalsbreen. Dann heißt es jedoch so langsam, an den Abstieg zurück zum Parkplatz zu denken. Denn die Tage, sie sind Mitte September in Zentralnorwegen nur mehr durchschnittlich lang. Und da ich das südlich vom Lovatnet gelegene Tal des Kjenndalsbreen noch ein bisschen erforschen (sprich: den Tag maximal ausnutzen) will, geht es schließlich nach einem mehr als erfüllenden Aufenthalt von diesem ungemein lohnenden Aussichtspunkt auf der Schotterfahrstraße talwärts, das Herz voller Glück]
[Bild: So langsam verschwindet die Sonne hinter den himmelhoch aufragenden Seitenarmen des Jostedalsbreen-Nationalparks. Auch wenn es fast den Eindruck macht, als würde es gleich dunkel werden: Ein paar Stunden Helligkeit sind mir glücklicherweise heute noch vergönnt. Und so spaziere ich entspannt vom Aussichtspunkt Brenndalsetra auf der Schotterstraße zurück ins Tal und mache mich schließlich auf die Fahrt (= ca. 46 km Strecke bzw. 1 Stunde Fahrzeit) zum Kjenndalsbreen (ein Tal weiter östlich). Alles was jetzt noch folgt, ist ein Bonus, der Tag kann nicht mehr schlecht werden]
[Bild: Bei der Fahrt entlang der stillen Ufer des Lovatnet ist man von bis zu 1850 m hohen Bergen umgeben (während man selbst nur ca. 50 m über Meereshöhe ist), die in wilden, düsteren Steilwänden zum See hin abbrechen. In der Ferne kann man den Berg Kjenndalskruna (1830 m.) erkennen, welcher den wuchtigen Talabschluss über dem Kjenndalsbreen darstellt. Allzu oft wird dieser entlegene Gipfel nicht bestiegen, sind sämtliche Zustiege doch weglos, wild und steil]
[Bild: Da sich die Kjenndalskruna (1830 m.) unmittelbar am Rand des zentralen Gletscherhochplateau des Jostedalsbreen befindet, dürfte die Aussicht von ihrer schroffen Spitze zu den eindrucksvollsten Gipfelpanoramen weit und breit gehören. Inwieweit eine Annäherung an den Gipfelaufbau über die vom Gletscher glattgeschliffenen Platten (in der Bildmitte) erfolgen kann, ist mir nicht bekannt. Eine Besteigung kann sicherlich von der Normalroute auf die Lodalskåpa erfolgen (Abzweigung an der Stelle, wo man den Bohrsbreen zum Gipfelaufbau hin quert), wobei man in dem Fall mindestens 7,5 km einfach (Luftlinie) auf dem obersten Gletscherplateau des Jostedalsbreen zurücklegen muss. So oder so: Die Besteigung der Kjenndalskruna ist ein hochalpines Unterfangen, für das man entsprechend erfahren und ausgerüstet sein sollte]
[Bild: Westlich der Kjenndalskruna stellt der Jostedalsbreen eine besonders zerklüftete, wilde Gletscherbruchzone zur Schau! Hier dürften wohl nur alle Jubeljahre einmal Seilschaften einen Auf- oder Abstieg wagen. Wie auch bei anderen gewaltigen Eismassen wie dem Vatnajökull in Island oder dem Grönländischen Inlandeis ist die Hauptschwierigkeit bei einer Hochtour auf den Jostedalsbreen nicht die Tour über den eigentlichen (im oberen Bereich ziemlich flachen und vergleichsweise spaltenarmen) Gletscher, sondern der Zu- bzw. Abstieg. Es gibt mehrere günstige Wege, sich dem oberen Gletscherplateau zu nähern und dieser Talschluss gehört definitiv nicht dazu]
[Bild: Im hintersten Talschluss des Kjenndalsbreen - Vom (de facto ziemlich entlegenen) Parkplatz am Ende der Fahrstraße ist es nur mehr eine ca. 1,5 km lange, einfache Wanderung bis zu diesem wilden, von steilen Felswänden eingerahmten Kessel, der ganz im Bann der Gletscherbruchzone des Jostedalsbreen steht. Würde nicht bald die Sonne untergehen und könnte ich meinem langsam ausheilenden Knöchel etwas mehr zutrauen als aktuell, würde ich mich sicher noch etwas weiter in die immer enger werdende, von zahlreichen Wasserfällen geprägte Schlucht vorwagen und dem inneren Entdeckerdrang frönen. So aber heißt es hier und heute: Ein letztes Mal den Ausblick zum Jostedalsbreen genießen und dann langsam aber sicher wieder zum Auto zurückwandern]
[Bild: Während der Fahrt vom Kjenndalsbreen-Parkplatz zurück zum Lovatnet, an dem ich mir letztlich einen netten Stellplatz für die Nacht suchen werde, bricht schließlich die Dämmerung über den wunderbaren Jostedalsbreen-Nationalpark herein. Mit Blick über den von Gletscherwasser und Sedimenten so typisch türkis „gefärbten“ See lasse ich diesen wunderbaren Tag Revue passieren und meinen Gedanken freien Lauf... Auch wenn ich letztlich natürlich nur einen winzigen Ausschnitt von diesem einzigartigen norwegischen Hochgebirgsnationalpark erleben durfte (bzw. konnte), denke ich, dass ich angesichts meiner Verletzung und des (abgesehen vom heutigen Tag!) eher schlechten Wetters zur Zeit das Maximum herausgeholt habe. Morgen wird Zentralnorwegen mutmaßlich wieder jede Menge Regen, Wind und Wolken erfahren: Vermutlich also ein guter Anlass, „Strecke zu machen“ und sich via Geirangerfjord zur Trollstigen (der „Trollleiter“) aufzumachen. Ob diese Kombination aus dem wohl berühmtesten Fjord der Welt und der vielleicht bekanntesten Hochgebirgspassstraße Norwegens den vermeintlichen Erwartungen gerecht werden wird, wird sich morgen zeigen: Ich bin schon ganz gespannt]
Tag 17 Fahrt vom Nordfjord via Geirangerfjord, Trollstigen und Trollveggen nach Åndalsnes Norwegen im Herbst… Das bedeutet: Deutlich weniger Touristen als zwischen Juni und August sowie ein allseits intensiver Farbenrausch (insbesondere in den Wäldern des Südens und auf den weiten Fjell-Hochebenen), aber eben auch deutlich (!) kürzere Tage und ein tendenziell wesentlich raueres, wechselhafteres Wetter, das einem zwangsläufig viel Flexibilität und Kreativität abverlangt. Letzteres wird mir auch am heutigen Morgen schnell und unmissverständlich klar, als ich mich im nordwestlichen Schatten des Jostedalsbreen aus meinem Schlafsack schäle. Graue, trübe Wolken werden von einem eisigen Wind über die umliegenden Bergspitzen geschoben: An eine Besteigung des nahen Berges Skåla (1843 m.) ist (nicht nur in physischer Hinsicht also) leider nicht zu denken. Die Wettervorhersage hat also (unglücklicherweise!) gestimmt. Und so überlege ich, wie ich mich von hier sinnvollerweise weiter nach Norden vorarbeiten will. Ich weiß, dass es grob in Richtung Åndalsnes gehen soll, um dann im weiteren Verlauf meiner Reise via Atlanterhavsvegen in Richtung Atlantik und Kristiansund vorzustoßen. Schnell wird mir bewusst, dass zwei der berühmtesten norwegischen „Landmarks“ bzw. touristischen Attraktionen auf der Strecke liegen: der legendäre Geirangerfjord und die von engen Haarnadelkurven geprägte Passstraße Trollstigen, welche letztlich die Annäherung an die gewaltige Trollveggen („Trollwand“) ermöglicht. Das klingt (trotz des kniffligen Wetters) doch nach einer landschaftlich wunderbaren Strecke, zumal ich mich dem Geirangerfjord via Geirangervegen (Geirangerstraße) und Djupvatnet annähern kann. Gleichzeitig kommt mir diese kurvige, kilometerlastige Etappe körperlich (nach wie vor) durchaus entgegen, bin ich doch trotz der exzessiven Spaziergänge durch Bergen noch nicht wieder zu größeren wandertechnischen „Schandtaten“ in der Lage. Und so lasse ich mich im Folgenden treiben, lasse die rauen, wilden Berghänge der nördlichen Jostedalsbreen-Ausläufer an mir vorbeiziehen, um schließlich das (hochtouristische!) Tal des Geirangerfjordes zu erreichen. Vom Trubel in Geiranger und dem irgendwie deplatziert wirkenden Kreuzfahrtschiff eher abgeschreckt, mache ich mich vor Ort sogleich auf zum nahen Rastplatz Ørnesvingen, welcher westseitig über ein paar einfache, flache Wanderwege verfügt (wer möchte, kann sich von dort sogar bis zum einsamen Storvatnet vorarbeiten und ein paar der umliegenden Berge besteigen) und trotz seiner enormen touristischen Frequentierung in erster Linie ein wirklich wunderbarer Aussichtspunkt über den Fjord ist. Dieser präsentiert sich als landschaftlich wunderschönes, erhabenes Paradebeispiel eines norwegischen Fjordes und ist für viele (neben dem Nærøyfjord) die Nr. 1 Norwegens, wobei die gute Erreichbarkeit (auch in Form von Kreuzfahrtreisen) und der entsprechend hohe Bekanntheitsgrad sicherlich viel zu diesem Nimbus beigetragen haben. Ich bin mir sicher, dass es unzählige weniger bis kaum bekannte Fjorde in diesem wunderbaren Land gibt, die dem Geirangerfjord landschaftlich in nichts nachstehen. Aber wer im Rahmen seiner Norwegen-Reise hier nun einmal schon in der Nähe ist bzw. „durchkommt“, sollte dem Geirangerfjord natürlich einen (zumindest kurzen) Besuch abstatten. Unkomplizierter wird man einen so eindrucksvollen Fjord nämlich wohl nicht zu Gesicht bekommen. Und wer dann (im Gegensatz zu mir) das Auto vor Ort auch noch abstellt und die umliegenden Berge rund um den Fjord ein 2-3 Tage lang erforscht, wird noch einmal ein ganz anderes (= besseres) Bild von dieser herrlichen Ecke Norwegens bekommen. Für mich geht es dagegen unmittelbar weiter zur legendären Trollstigen (norwegisch für „Trollsteig“), einer der bekanntesten Passstraßen bzw. Landschaftsrouten Norwegens („Nasjonale Turistveger“), die vom Norddalsfjord (im Süden) zum Romsdalsfjord (im Norden) führt und dabei den Reinheimen-Nationalpark an seinem nordwestlichen Ende touchiert. Selten habe ich in meinem Leben eine so kurvige, kühn angelegte Gebirgsstraße befahren, mehr als nur einmal stockt mir angesichts des spektakulären Verlaufs der 11 Haarnadelkurven der Atem. Übertroffen wird das Ganze nur noch von den unzähligen Wander- / Bergtourenoptionen, die sich einem vom Hauptparkplatz bei der Touristeninformation bieten. Insbesondere sticht dabei die Möglichkeit hervor, mit dem Store Trolltinden (1788 m.) den höchsten Gipfel der Trollveggen zu besteigen! Bei schönerem Wetter und ohne lädierten Fuß hätte das mein persönliches Tageshighlight werden können. Doch bleibt mir am heutigen Tag natürlich nichts anderes übrig, als die südlichen Ausläufer der Trollveggen (z. B. die gewaltige Westwand des Storgrovfjellet) vom Aussichtspunkt nahe der Passstraße zu bewundern. Kurze Zeit später kann ich dann die eigentliche Trollwand, mit 1100 Metern Höhe die höchste absolut vertikale (und zum Teil bis zu 50 Meter überhängende!) Felswand Europas, von unten in Augenschein nehmen. Was für eine krasse Big Wall! Und was für ein toller Tag das am Ende doch war, auch wenn es (aus Gründen) nicht mit einer Bergtour (z. B. Skåla, Store Trolltinden) geklappt hat. [Bild: Auf dem Weg zum Geirangerfjord via Djupvatnet muss man sich an einem bestimmten Punkt entscheiden, ob man die schnelle, direkte Variante durch den Oppljostunnel (Rv 15) wählt oder die Gamle Strynefjellsvegen befährt. Bei schönem Wetter ist natürlich die Panoramastraße zu bevorzugen, an einem Tag wie heute entscheide ich mich dagegen für den hochmodernen Tunnel, welcher kurzzeitig durch diesen Streckenabschnitt im Freien unterbrochen wird. Dabei kommt man an der pittoresken Häuseransammlung von Skjerdingsdalssætre vorbei, die zu einem kurzen Zwischenstopp einlädt]
[Bild: Zwischen Djupvatnet und Langvatnet im Tal von Breiddalen - Zwar sind in dieser Gegend der nun nicht mehr weit entfernte Geirangerfjord und der mit dem Auto anfahrbare Aussichtspunkt Dalsnibba (Maut!) die mit Abstand beliebtesten touristischen Hotspots. Viel spannender sind in meinen Augen jedoch die unvergleichlichen Wander- und Trekkingoptionen, die sich einem hier auftun: Wer sich z. B. von hier via Kolbeinsvatnet nach Norden aufmacht, kann im Zuge mehrtägiger Wanderungen theoretisch die Wildnis des Tverrfjellet bzw. den Reinheimen-Nationalpark erreichen, ohne auch nur einmal in die Zivilisation zurückkehren zu müssen. Was für Möglichkeiten...]
[Bild: Ausblick über den Ort Geiranger und das Ende des gleichnamigen, weltberühmten Fjordes, welcher am heutigen Tag (wie so oft) durch ein Kreuzfahrtschiff (in diesem Fall TUI Cruises bzw. „Mein Schiff“) dominiert wird. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch nur über den Seeweg effektiv erreichbar und der Inbegriff eines abgelegenen norwegischen Fjord-Dorfes, hat sich Geiranger in den letzten 150 Jahren zu einem vermeintlichen „Must See“ während einer Norwegen-Reise entwickelt. Egal ob im Zuge einer Kreuzfahrt oder (wie in meinem Fall) als fotogener Zwischenstopp bei einer individuellen Autofahrt durch Norwegen: Ein Besuch von Geiranger und v. a. seinem gleichnamigen Fjord gehört für viele zu einer „klassischen“ Norwegen-Reise einfach dazu]
[Bild: Oberhalb des majestätischen Geirangerfjordes, welcher 2005 zusammen mit dem Nærøyfjord zum UNESCO-Weltnaturerbe „Westnorwegische Fjorde“ erklärt wurde: Angesichts des wahrlich erhabenen Landschaftsbildes nur allzu verständlich! Wasserfälle wie der Gjerdefossen wirken dagegen (jetzt am Ende des Sommers) vergleichsweise bescheiden, doch wird sich das im kommenden Jahr im Zuge der nächsten Schneeschmelze natürlich wieder dramatisch ändern]
[Bild: Der kleine Ort Geiranger steht in hartem Kontrast zu dem riesigen, eindeutig fehl am Platz wirkenden Kreuzfahrtschiff der TUI. Und doch zeigen die gewaltigen Steilflanken des Keipen (1379 m.), welcher von Geiranger aus im Rahmen einer äußerst lohnenden Tagestour erwandert werden kann, wer in dieser imposanten Fjordlandschaft wirklich das Sagen hat. Nur allzu gerne würde ich den Geirangerfjord einmal im Frühling sehen, wenn im Zuge der Schneeschmelze die Lawinen über die umliegenden Bergflanken gen Fjord donnern]
[Bild: Über 1400 Hm Differenz liegen zwischen dem dunklen Wasser des Geirangerfjordes und dem abgelegenen Berg Teinnosa (1436 m.) - Teilweise ragen die den Fjord begrenzenden Spitzen sogar bis zu 1700 Meter in den Himmel, wodurch in Kombination mit den ca. 260 Metern Wassertiefe eine Vertikale von fast 2 km zu Stande kommt. Für die meisten Touristen sind solche Zahlenspiele wohl irrelevant. Ich persönlich finde sie aber hochspannend, da sie einem helfen, die regionale Geographie besser zu verstehen]
[Bild: Dramatische Lichtstimmung an den steilen, dicht bewaldeten Flanken des Geirangerfjordes! Immer wieder fängt es während meines Aufenthalts im Bereich des Gjerdefossen leicht zu regnen an, der Wind wird von Minute zu Minute unangenehmer und die Wolken über dem Berg Keipen (1379 m.) im Süden beginnen langsam aber sicher bedrohlich auszusehen. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Touristen möchte ich noch ein bisschen ausharren, mich noch nicht so recht vom mystischen Wasser des Geirangerfjordes lösen. Und dann bricht mit einem Mal die Sonne ein letztes Mal durch die düstere Wolkendecke hindurch... Kein Wunder, dass dieses Wunderwerk der Natur schon so viele Menschen in seinen Bann gezogen hat]
[Bild: Die Etappe von Geiranger zur Trollstigen führt (nur unterbrochen durch eine kurze Fahrt mit der Fähre über den Norddalsfjord) durch einige der schönsten Tallandschaften (Valldalen!) meiner bisherigen Norwegen-Reise. Man befindet sich hier permanent im Bereich der westlichen Ausläufer der Nationalpark-Wunderwelten von Breheimen und v. a. Reinheimen und muss (gefühlt) ständig anhalten, weil sich alle paar Kilometer neue spannende Option zum Wandern und Baden auftun. Glücklich ist, wer hier mit wirklich stabilem Hochdruckwetter verwöhnt wird und nach Lust und Laune zu ausgedehnten, ggf. sogar mehrtägigen Bergtouren in die Umgebung aufbrechen kann]
[Bild: Das Tal Valldalen, welches vom Fluss Valldøla durchflossen wird, stellt den würdigen Auftakt der Fahrt zur Trollstigen dar. Links und rechts der dicht bewaldeten Talsohle ragen unzählige unbekannte Bergspitzen und abweisende Felsflanken auf, während speziell nach Osten hin Richtung Reinheimen-Nationalpark einsame Seitentäler mit herrlichen Wanderoptionen locken. Es ist schade, dass weder im Hinblick auf die momentane Physis noch v. a. in Bezug auf das anhaltend wechselhafte Wetter ein längerer Aufenthalt im Valldalen sinnvoll erscheint. Doch stellt diese Fahrt trotz allem für mich ein weiteres wertvolles „Erfahrungsmosaik“ dar, welche Ecken Norwegens ich definitiv noch einmal aufsuchen muss und welche eben nicht]
[Bild: Herbstliche Stimmung im Valldalen. Mit zunehmender Höhe und Annäherung an die Trollstigen geht die Bewaldung immer weiter zurück und der typisch skandinavische Fjell-Charakter gewinnt schließlich die Oberhand. In Kombination mit dem kühl-trüben, grauen Wetter erzeugt das rasch ein raues, ungemütliches Setting, bei dem man sich meist nicht allzu weit vom Auto wegbewegen möchte. Aber um einen ersten (groben) Eindruck von der Region zu bekommen, ist das am heutigen Tag vollkommen ausreichend]
[Bild: Der Storgrovfjellet (1629 m.) bricht mit einer gewaltigen 1000-Meter-Steilflanke nach Westen ab (bis zum Talboden sind es sogar ca. 1500 Hm) und ist im Bereich der Aussichtspunkte oberhalb der Trollstigen (in der Nähe der Touristeninformation) Anziehungspunkt Nr. 1 - Bergsteigerisch-alpinistisch wird der Berg dagegen von den (hier nicht sichtbaren) Spitzen der Trollveggen klar in den Schatten gestellt. Wer den Berg besteigen möchte, kann das (weglos und etwas mühsam) über seine Südflanke tun. Die Ausblicke zum nahen Store Trolltinden sind (auch wenn der dort „nur“ seine Südseite zur Schau stellt) der Hammer!]
[Bild: Dass man eine so spektakuläre Passstraße wie die Trollstigen touristisch aufwerten bzw. nutzen würde, ist im Grunde klar. Und so wurde das landschaftlich extrem eindrucksvolle Areal durch einige leicht erreichbare, künstliche Aussichtspunkte (siehe rechts außen) ergänzt. Ich persönlich bin ja kein allzu großer Freund von solchen Installationen. Da sie aber einen Großteil der Touristen kanalisieren und lenken, verstehe ich auch durchaus den Sinn dahinter. Im Normalfall würde ich mich von hier einfach gen Trolltinden aufmachen und mir unterwegs meine ganz persönlichen „View Points“ suchen. Doch angesichts der tief hängenden Wolken und meines fragilen Knöchels bewege ich mich nicht allzu weit vom Parkplatz weg. Ein bisschen Exploring darf und muss sein, aber für richtige Bergtouren reicht die Belastbarkeit (noch) nicht wieder aus]
[Bild: Ausblick über die von 11 engen Haarnadelkurven geprägte Trollstigen, welche teilweise so schmal (= einspurig) ist, dass man wirklich sehr vorausschauend fahren muss, um entgegenkommenden Fahrzeugen (wie z. B. Bussen und Wohnmobilen) und natürlich auch sich selbst keine Schwierigkeiten zu erzeugen. Angesichts der Höhenlage sowie der Exponiertheit der Strecke in Bezug auf Naturgefahren überrascht es zudem nicht, dass die Straße in der Regel nur von Mitte/Ende Mai bis Ende September bzw. Anfang Oktober geöffnet ist]
[Bild: Im Westen wird die Trollstigen vom Bispen (1462 m.) überragt. Hierbei handelt es sich um den südlichsten Gipfel einer Kette abweisender Felsspitzen, die die westliche Begrenzung des Isterdalen („Tal der Istra“) bilden. Der Bispen (zu Deutsch: Bischof) kann direkt vom Hauptparkplatz der Trollstigen (bei der Touristeninformation) aus angegangen werden. Wer den Berg besteigen will, muss ein bisschen kraxeln, ansonsten ist der Bispen über die NW-Seite aber einfacher zu erklimmen, als es von hier den Anschein hat]
[Bild: So touristisch wie die Umgebung der Trollstigen (welche zu den meistbefahrenen Panoramastrecken Norwegens gehört) nun einmal auch ist, handelt es sich beim Talschluss des Isterdalen doch in erster Linie um eine eindrucksvolle Ansammlung schroffer Felswände und Gipfel, die man als solche auch entsprechend würdigen sollte. Wie beim Preikestolen, der Trolltunga oder zuletzt dem Geirangerfjord wäre es auch hier sehr schade, reflexartig einen Bogen um die Trollstigen zu machen, nur weil das Ganze (speziell im Hochsommer) so stark frequentiert ist. Es kommt wie so häufig darauf an, sich „sein eigenes“ ruhiges Plätzchen zu suchen bzw. seine persönliche Erfahrung mit der Region zu machen und v. a. das Positive zu suchen. Und wer (im Gegensatz zu mir) das Ganze dann auch noch nur als Ausgangspunkt für eine Wanderung oder Bergtour (z. B. zum Store Trolltinden, zum Finnan oder zum Kongen) nutzt, dem wird der Trubel rund um den Parkplatz bei der Touristeninformation sowieso (quasi automatisch) herzlich egal sein]
[Bild: Östlich des Hauptparkplatzes und etwas oberhalb der Abbrüche zum Isterdalen wird man schnell ein herbstlich-idyllisches Fleckchen Fjell finden, um den Storgrovfjellet (1629 m.) und seine steile Westwand in Ruhe bewundern zu können. Rechts hinten zeigt sich oberhalb des Flusses Tverelva ein Teilgebiet rund um den Stigbotnvatnet, welches eine Annäherung an den Store Trolltinden ermöglicht (wer genau hinschaut, kann den entsprechenden Wanderweg erkennen). Für mich heute leider außer Reichweite, werde ich die legendäre Trollveggen immerhin nachher noch von unten in Augenschein nehmen können]
[Bild: Nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Trubel bei den Trollstigen-Aussichtspunkten entfernt, findet man bei der südlich oberhalb gelegenen Fjell-artigen Hochebene in der Regel Ruhe und Stille vor. Es ist im Grunde wie immer: Man bewege sich nur ein bisschen von Points of Interest (POI) weg und man wird mit einem relativ individuellen und ungestörten Naturerlebnis belohnt. Auch ich wandere unterhalb der Ausläufer des Vestre Stigbotthornet ein wenig entlang, bevor ich schließlich wieder zum Parkplatz zurückkehre. Als nächstes steht die große fahrtechnische Hauptherausforderung des Tages bevor: die eigentliche Trollstigen. Mal schauen, ob auch ich sie gut bewältigen werde...]
[Bild: Bispen (1462 m.) und Kongen (1614 m.), „Bischof und König“, stürzen zum Isterdalen in gewaltigen, bis zu 1500 m hohen (!) Steilflanken ab. Von dieser Seite nur für Extremkletterer erreichbar, werden diese eindrucksvollen Felsspitzen in der Regel von Südwesten vom Bispevatnet („Bischofs-See“) aus angegangen, wobei aber insbesondere der Kongen auch auf der einfachsten Route einiges an Kletterei (II-III) verlangt. Je länger ich Norwegen bereise, desto mehr wird mir bewusst, was für ein Bergsteigerparadies dieses Land im Grunde genommen ist! Natürlich gibt es die großen, vielbesuchten Nationalparke wie Jotunheimen mit ihren weltberühmten Trekkingrouten und Wanderwegen. Doch letztlich gibt es im westlichen Zentralnorwegen (analog zu den Alpen) so viele schöne Optionen für Bergtouren, dass ein einziges Leben kaum ausreicht, um alle Winkel zwischen Bergen, Ålesund und Dombås vollständig zu erforschen: Was für eine schöne Vorstellung]
[Bild: Wild und unnahbar sieht der Kongen (1614 m.) vom Isterdalen aus. Für die meisten Touristen, die die Trollstigen befahren, dürfte „seine Majestät“ (angesichts der hohen klettertechnischen Anforderungen) wohl nur von untergeordnetem Interesse sein. Und auch ich würde (hätte ich nur einen Schönwettertag vor Ort zur Verfügung) sicherlich eher den nahen Store Trolltinden (1788 m.) ansteuern. Hätte ich jedoch mehr Zeit in der Region rund um Åndalsnes zur Verfügung, der Kongen würde in jedem Fall in meiner bergsteigerischen Top 10 Wunschliste auftauchen: Was für ein steiler Zahn!]
[Bild: Die Trollveggen („Trollwand“) von Osten aus dem Romsdalen - Zwischen den (heute leider nicht sichtbaren) höchsten Spitzen (Store Trolltinden, Trollryggen und Breidtind) und dem Talboden (= mein Standort) liegen fast 1800 Meter (!) Höhendifferenz. Die eigentliche Trollveggen weist an der höchsten Stelle immerhin noch eine Vertikale von ca. 1100 Metern aus, wobei die Felswand im Gegenzug zu vielen anderen Wandfluchten dieser Erde absolut senkrecht (bzw. zum Teil sogar extrem überhängend) ist. Unzählige schwierige Kletterrouten wurden in dieser gewaltigen Big Wall erschlossen! Mal schauen, ob sich Store Trolltinden und Trollryggen morgen früh zeigen werden. Die Wettervorhersage für morgen ist nämlich bis immerhin Vormittags eigentlich sogar ganz brauchbar, wobei leider spätestens ab Mittag verbreitet intensive und anhaltende Regenfälle drohen. Na ja: „Et kütt wie et kütt“ sagt der Rheinländer. Und nachdem ich heute entgegen der ebenfalls ziemlich miesen Wettervorhersage dann doch mehr gesehen und unternommen habe, als vor 12 Stunden gedacht, bin ich im Hinblick auf den morgigen Tag im Grunde ziemlich gelassen. Da es in den kommenden 2-3 Tagen via Kristiansund gen Trondheim gehen soll und die (mutmaßlich recht flache) Landschaft daher tendenziell mehr vom Meer bzw. Atlantik (und weniger von Gebirgen und Fjordlandschaften) geprägt sein wird, wäre ich um ein bisschen Regen letztlich nicht verlegen. Oder anders gesagt: Wenn es schon Schlechtwetter haben MUSS, dann gerne in nächster Zeit und nicht dann, wenn es via Røros in Richtung Dovrefjell und Jotunheimen gehen soll...]
Tag 18-19 Fahrt von Åndalsnes via Trollkyrkja, Bud, Atlanterhavsveien (Atlantikstraße) und (Stabkirche) Kvernes nach Kristiansund „Groß und mächtig, schicksalsträchtig!“ – Frei nach Wolfgang Ambros und analog zu König Watzmann ragt am nächsten Morgen auch die wilde Zackenkrone der Trollveggen in den vorerst noch wunderbar klaren Himmel über dem Romsdalen. Zwar erreicht die Trollwand nur etwa 2/3 der Höhe der Watzmann Ostwand (welche ich kurioserweise erst vor 1 Monat durchstiegen habe), doch sind die beiden Felswände in puncto Vertikale und alpinistischer Anspruch natürlich nicht mit einander zu vergleichen. Die Kletterrouten durch die Trollveggen sind von erheblich höherem technischem Anspruch und absoluten Kletterexperten (bzw. Big Wall Enthusiasten) vorbehalten. Nachdem ich die Trollveggen eine Zeit lang von unten bewundert habe, mache ich mich schließlich auf den Weg gen Atlantikstraße („Atlanterhavsvegen“). Das Wetter soll im Laufe des Vormittags umschwenken und intensiv-anhaltenden Regen herbeiführen. Mal schauen, wie weit ich es heute schaffe… Kurze Zeit später wird diese Frage klar und deutlich beantwortet: Nicht sehr weit! Nachdem ich zunächst die schlichte, etwas abseits gelegene Stabkirche Rødven in der Nähe von Åndalsnes besucht habe, beginnt unvermittelt ein eisiger Regen mit Macht gegen das Auto zu peitschen. Zwar könnte ich meine Reise gen Kristiansund fortsetzen, doch müsste ich aufgrund des miserablen Wetters alle unterwegs gelegenen potenziell lohnenden Spots (Trollkyrkja, Bud, Atlantikstraße, Halbinsel Averøya) auslassen und (ohne groß anzuhalten) „Strecke machen“. Dazu bin ich jedoch nicht bereit, zumal eine Fahrt bei so unschönem Wetter durchaus auch seine Risiken hat! Und so suche ich mir ein ruhiges Fleckchen in der Nähe von Åndalsnes und verbringe den restlichen Tag mit Lesen und Entspannen. Tja, auch solche Tage gehören zu einer Norwegen-Reise dazu. Aber wer ausschließlich sonnig-stabiles Wetter sucht, ist in Skandinavien ohnehin fehl am Platz. Am nächsten Morgen sieht die Welt dann auch (glücklicherweise) schon wieder ganz anders aus. Für heute ist kein Regen vorhergesagt und im Laufe des Tages soll es in der Region sogar sonnig werden: Beste Voraussetzungen also, um die wunderschönen Landschaften zwischen Molde und Kristiansund mit Muße auf mich wirken zu lassen und wie zu Beginn der Reise erneut die salzig-frische Meeresbrise im Gesicht zu spüren. Und so mache ich mich ohne Umschweife auf zum ersten Ziel des Tages, der Trollkyrkja („Trollkirche“). Hierbei handelt es sich um eine aus mehreren Grotten bestehende Kalksteinhöhle, welche von Gebirgsbächen und kleinen Wasserfällen geprägt wird. Um das auf ca. 500 mH gelegene Höhlensystem unterhalb der Gipfel Trolltindan und Stordalstinden zu erreichen, sind etwa (phasenweise durchaus steile) 400 Hm zu bewältigen, wobei eine gewisse Grundtrittsicherheit durchaus zu empfehlen ist. Am Ende muss man zudem über eine steile Eisenleiter in die Grotte klettern und dabei aufpassen, aufgrund der allseits nassen Felsen nicht auszurutschen. In den Grotten selbst kann das Vorwärtskommen durch hohe Wasserstände kompliziert werden. Es ist empfehlenswert (zusätzlich zu den Wanderschuhen) Schuhe mitzunehmen, die komplett nass werden dürfen (z. B. Crocs oder Sandalen). Alternativ muss man barfuß durch das eiskalte Wasser waten. Nach diesem geglückten kleinen Abenteuer (das ich körperlich erfreulicherweise ohne Probleme bewältigt habe) geht es über den pittoresken, unmittelbar am Atlantik gelegenen Ort Bud weiter zur berühmten Altantikstraße. In den 1980er Jahren erbaut, 2005 von der Bevölkerung Norwegens zum „norwegischen Bauwerk des Jahrhunderts“ (!) gewählt und 2021 als Filmkulisse für den James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ genutzt, gehört die Atlanterhavsvegen zu den schönsten und definitiv lohnendsten Panoramastraßen des Landes. Es ist ein wunderbares Gefühl, über die die zahlreichen kleinen Inseln verbindenden Brücken zu fahren, wobei hier natürlich insbesondere die imposant geschwungene Storseisund-Brücke heraussticht: Was für ein beeindruckendes Bauwerk! Wer zwischen Ålesund und Kristiansund unterwegs ist, sollte die Atlantikstraße definitiv nicht auslassen. Dezent berauscht von dieser lässigen Küstenstraße fahre ich anschließend bei zunehmend perfektem Wetter (strahlender Sonnenschein!) noch die gesamte, zum Kvernesfjorden ausgerichtete Südseite der Insel Averøya (inkl. Besuch der Stabkirche Kvernes) ab, um schließlich im Norden der Insel in unmittelbarer Nähe zum Meer mein Lager aufzuschlagen. Was war das heute wieder für ein genussreicher, abwechslungsreicher Tag! Und meine kleine Wanderung zur Trollkirche macht mir auch Hoffnung, dass ich vielleicht rechtzeitig für die großen Nationalparke (Jotunheimen, Dovrefjell) wieder fit (= körperlich belastbar) werde… [Bild: Mit max. 1100 Höhenmetern lotrechter Vertikale (bzw. 1700 Hm bis zur Talsohle) ist die Trollveggen die höchste Steilwand Europas. Andere Felswände und Steilflanken in den Alpen mögen höher über dem Talboden in den Himmel ragen, doch gegen die über 1 km hohe Big Wall der Trollwand ist in puncto Steilheit kein Kraut gewachsen. Erst 1965 erstmalig durchstiegen, durchziehen heute zahlreiche (in der Regel extrem schwierige) Kletterrouten die Felswand, wobei die sogenannte Rimmon-Route (Kletterei V) zu den beliebtesten zählt]
[Bild: Kurzer Stopp bei der Stabkirche Rødven nördlich von Eidsbygda - Um diese auf das Jahr 1200 (!) datierte bzw. 1589 erstmals urkundlich erwähnte Stabkirche zu besuchen, muss man bei der Fahrt von Åndalsnes nach Molde gezielt die entsprechende Abzweigung nehmen und eine Zeit lang an einem kleinen Nebenarm des Romsdalsfjorden entlangfahren. In meinem Fall ist die Kirche leider geschlossen, so dass ich sie mir „nur“ (oder vielmehr immerhin) ausgiebig von außen anschauen kann, bevor kurz darauf der sintflutartige Regen anfängt und allen weiteren Aktivitäten für heute einen Riegel vorschiebt]
[Bild: Inmitten des verwinkelten Höhlensystems der Trollkyrkja (oder Trollkirka), welches man nur über eine mittelschwierige Wanderung (400 Hm, teilweise rutschiges und etwas steileres Gelände) erreichen kann. Entstanden sind die zahlreichen Höhlen und Grotten durch Erosion bzw. die zahlreichen unterirdischen Flüsse und Wasserfälle, welche den Marmor (!) langsam aber sicher entsprechend geformt haben. Den Namen Trollkyrkja erhielt der Ort, weil man früher annahm, dass sich in diesen düsteren, tendenziell eher menschenfeindlichen Grotten Trolle versammeln würden. Heutzutage wird man hier allenfalls auf Touristen oder Influencer treffen (wobei ich die Trollkirche tatsächlich die ganze Zeit für mich alleine habe). Fraglich, ob das im Grunde nicht wesentlich beunruhigender ist, als einen Troll um die nächste Ecke zu vermuten...]
[Bild: Im 16. und 17. Jahrhundert der größte Handelsplatz zwischen Bergen und Trondheim (!), ist der am äußersten Rand der Romsdalküste in Hustadvika gelegene Ort Bud heutzutage in erster Linie ein ruhiges, pittoreskes Fischerdorf mit einigen empfehlenswerten Restaurants, Küstenwegen und Aussichtspunkten. Auch ich lege auf meiner Fahrt zur Altantikstraße einen kurzen Stopp ein, spaziere ein bisschen zwischen den bunt angemalten Häusern sowie am Meer entlang und lasse mir dabei die salzige Brise ins Gesicht wehen. Es ist glücklicherweise tatsächlich ein sonniger, angenehmer Tag geworden, so dass es eine wahre Freude ist, in Schlagdistanz zum Atlantik gepflegten Müßiggang zu betreiben]
[Bild: Die Bud Kirke (Kirche von Bud) wurde Ende des 16. Jahrhunderts ursprünglich als Stabkirche errichtet (so die Vermutungen), jedoch 1717 in der heutigen Form neu errichtet, nachdem die alte Kirche von einem Blitzschlag zerstört worden war. Aber auch während des 2. Weltkrieges war die Kirche „unter Beschuss“, nur diesmal von der Deutschen Wehrmacht. Glücklicherweise sind diese schlimmen Zeiten lange vorbei, so dass man heutzutage die idyllische Umgebung der Kirche in Ruhe genießen kann]
[Bild: Immer wieder halte ich während der Fahrt von Bud gen Altantikstraße an, um einen kurzen Abstecher ans Meer zu machen. Wie schon zu Beginn meiner Norwegen-Reise genieße ich es ungemein, mich einfach an der Küste aufzuhalten und mir den Wind durch die Haare wehen zu lassen, über von kleinen Krabben bevölkerte, algenbedeckte Steine zu hopsen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. So sehr ich auch ein Kind der Berge bin und dem Meer immer irgendwie emotional fremd bleiben werde, kann ich doch verstehen, woher die entsprechende Sehnsucht so vieler Menschen nach dem endlos weiten Horizont kommt...]
[Bild: Die imposante Storseisund-Brücke ist das mit Abstand eindrucksvollste Einzelbauwerk der weltbekannten Atlanterhavsvegen (Atlantikstraße). Es gibt an beiden Enden der Brücke die Möglichkeit zum parken. Allerdings kann es in der touristischen Hauptsaison bzw. zu den tageszeitlichen Rush Hours mitunter schwierig werden, einen freien Stellplatz zu finden. Ebenso schwierig ist es manchmal, ein Foto der Brücke ohne andere Autos zu machen (wenn man denn eines möchte). Da die Atlantikstraße am Ausgang des Kvernesfjorden liegt, treten teilweise extrem starke und gefährliche Strömungen auf. Schwimmen sollte man sich also am besten verkneifen!]
[Bild: Herrliche Küstenlandschaft im Gebiet der Atlanterhavsvegen (Atlantikstraße) - Auch wenn hier natürlich die wuchtigen Brückenbauten die meisten Blicke auf sich ziehen, lohnen sich doch auch die angelegten (Rund-)Wanderwege auf z. B. der Insel Lyngholmen / Eldhusøya. Wer für „richtige“ Wanderungen nicht genug Zeit und ggf. Energie hat oder dem Wetter nicht entsprechend vertraut, findet unmittelbar an die Parkplätze angrenzend zugängliche, nahezu ebenerdige Spazierwege vor. Man kann natürlich auch einfach (ohne anzuhalten) über die Atlantikstraße fahren, doch das wäre eigentlich schade. Für zumindest 1-2x anhalten, sollte die Zeit schon drin sein]
[Bild: Die Storseisund-Brücke ist mit einer Gesamtlänge von 260 Metern und einer maximalen Höhe von 23 Metern die längste, höchste und insgesamt auch beeindruckendste der 8 Brücken der Atlanterhavsvegen (Atlantikstraße). Wer den letzten James Bond Film „Keine Zeit zu sterben“ aus dem Jahr 2021 gesehen hat und hier „zufällig“ vorbeikommt, wird die Brücke sicher wiedererkennen]
[Bild: 6 Jahre Bauzeit und ca. 122 Mio. Norwegische Kronen an Baukosten (entspricht etwa 10,5 Mio. Euro ohne Inflationsbereinigung!) sprechen im Hinblick auf die Atlanterhavsvegen (Atlantikstraße) für sich. Nach Fertigstellung bzw. Eröffnung war die Atlantikstraße 10 Jahre lang mautpflichtig, um die Kosten wieder reinzuholen. Heutzutage kann sie kostenlos befahren werden, was sicherlich auch zu ihrer großen Beliebtheit (bei Norwegern wie Touristen gleichermaßen) beigetragen hat]
[Bild: Bilderbuchartige norwegische Fjordlandschaft rund um die Insel Averøya - Zwar fehlen hier die spektakulären, außergewöhnlichen Naturhighlights, dafür sind die unzähligen offenen Wald- und Wiesenlandschaften entlang des Kvernesfjorden der Inbegriff von Idylle und Ruhe. Einfach nach Lust und Laune anhalten, sich z. B. mit einer Picknickdecke ein nettes Plätzchen suchen und den Blick über den Fjord schweifen lassen: Klingt für mich nach einem rundum gelungenen Tag]
[Bild: Wer die Atlantikstraße (von Westen kommend) befährt, den zieht es in der Regel unmittelbar weiter in Richtung Kristiansund. Auch ich werde der Stadt morgen einen kurzen Besuch abstatten, bevor es weiter gen Trondheim geht. Doch zuvor fahre ich noch in aller Ruhe die gesamte Südseite der Insel Averøya (Fv247 | „Kvernesveien“) ab, führt die entsprechende Straße doch aussichtsreich am herrlichen Kvernesfjorden entlang. Zudem ist das Wetter mittlerweile absolut perfekt und die Stabkirche Kvernes lohnt ja durchaus auch noch einen Besuch... Kein Grund also, streckentechnisch zu rushen! „Dolce far niente“ würde man in Italien vielleicht sagen. Ob es in Norwegen wohl einen vergleichbaren Ausdruck dafür gibt...?]
[Bild: Die Stabkirche Kvernes („Kvernes stavkirke“) wurde 1432 erstmals urkundlich erwähnt, allerdings mutmaßlich bereits im frühen 14. Jahrhundert errichtet. Nur wenige Meter von der Stabkirche entfernt, steht die moderne Kvernes kirke, welche seit Ende des 19. Jahrhunderts die Funktionen der Stabkirche (heutzutage ein Museum) übernommen hat. Das Areal rund um die beiden Kirchen ist idyllisch und wunderbar grün, so dass man es hier (an einem Tag wie heute) gut aushalten kann, zumal man eine fantastische Aussicht über den umliegenden Fjord hat]
[Bild: Mal schauen, ob es morgen von Kristiansund über die Gjemnessundbrua (Gjemnessund-Brücke) gehen wird... Vermutlich wird mich Maps aber schon vorher via Bergsøya, Øydegard und Halsa nach Osten lenken. Wettertechnisch soll es morgen (vor allem am Nachmittag) und übermorgen leider wieder regnerisch-kalt werden, weswegen ich am Vormittag noch einen kurzen Abstecher nach Kristiansund unternehmen möchte, bevor dann am Nachmittag „Strecke machen“ angesagt ist. Das nächste wichtige Etappenziel ist dann Trondheim, die größte Stadt von Trøndelag und das Tor nach Nord-Norwegen. Angesichts der Tatsache, dass mir nur noch etwas mehr als 1,5 Wochen Zeit zur Verfügung stehen (und ich NATÜRLICH noch den großen Nationalparks in Zentralnorwegen einen Besuch abstatten will), wird der nun folgende Städtetrip der nördlichste Exkurs meiner Norwegen-Reise. Weiter nach Norden wird es mich in diesem September 2023 definitiv nicht verschlagen. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich Trondheim (u. a. im Vergleich zu Bergen) anfühlen wird und weiß, dass ich trotz des allgemein ungemütlichen Wetters das Beste daraus machen werde]
Tag 20-21 Trondheim Graues, „typisch“ herbstlich-trübes Wetter begrüßt mich, als ich mich am Morgen aus dem Schlafsack winde und die Nase gen Kristiansund halte. Bevor ich mich am Nachmittag nach Trondheim (der zweiten „großen“ Stadt im Rahmen meiner Norwegen-Reise) aufmachen werde, möchte ich noch dieser direkt am Meer gelegenen Kleinstadt nordöstlich der Atlantikstraße einen kurzen Besuch abstatten (wenn man schon einmal in der Gegend ist…) – Allerdings setze ich schon nach relativ kurzer Zeit meine Reise in Richtung Osten fort. Irgendwie will bei mir keine richtige Begeisterung für diese schlichte, v. a. von Fischfang bzw. -verarbeitung sowie dem Bau und der Wartung von Schiffen und Bohrinseln lebende Stadt aufkommen. Dass ich mich bei der anschließenden Fahrt nach Trondheim (trotz Google Maps) zum ersten (und glücklicherweise auch einzigen) Mal während meiner Reise so richtig verfahre und phasenweise im ländlich-hügeligen Niemandsland südlich von Orkanger hochgradig-dubiose Nebenstraßen abfahre, während Nebel und eisiger Nieselregen das Auto einkleiden, passt zum Gesamtbild. Es gibt diese Tage, da hätte man sich am Morgen besser noch einmal umgedreht… In Trondheim angekommen, bessert sich die Situation dann glücklicherweise. Von meinem etwas abseits der Innenstadt gelegenen (dafür einigermaßen bezahlbaren) Airbnb mache ich mich am nächsten Tag motiviert zum Startpunkt meiner „Trondheim-Exkursion“ auf: der Kristiansten Festning, einer etwas außerhalb des Stadtzentrums auf einer Anhöhe gelegenen Festungsanlage. Highlight der ca. 350 Jahre alten Anlage ist das Areal rund um den weißen, mit Schießscharten ausgestatteten Donjon, von dem man einen herrlichen Ausblick über die Altstadt von Trondheim genießen kann. Leider beginnt es beim anschließenden Spaziergang von der Anhöhe in Richtung Altstadt zu regnen, so dass ich mich nach einem temporären Shelter umschaue, um den gröbsten Schauer sinnvoll zu überbrücken. Wie schon bei meiner Island-Reise 2017, als ich dem dortigen „Rokksafn Íslands“ (dem Isländischen Rock 'n' Roll Museum) einen Besuch abstattete, entscheide ich mich auch diesmal für etwas vergleichbar „Besonderes“ und zwar das Norwegische Nationalmuseum für Pop- und Rockmusik: Rockheim. Der Begriff „Museum“ ist nämlich auch hier irreführend, handelt es sich doch nicht um eine statische Ansammlung von Ausstellungsräumen, sondern um eine verwinkelte, flirrend-bunte, interaktive Welt voller Gitarren, Videoleinwände, Jukeboxen und Möglichkeiten zum Musikhören. Wer seine musikalischen Sinne in einem stylischen, liebevoll gemachten Setting stimulieren und eine nostalgisch-angehauchte Reise in die Vergangenheit machen möchte, wird bei Rockheim fündig. Am Nachmittag steht dann (nachdem der Regen „brav“ aufgehört hat) klassisches Sightseeing in der Innenstadt auf dem Programm: Hospitalskirken (Krankenhauskirche), Stiftsgården, Erzbischöflicher Palast und Nidarosdom, der Ausblick von der Gamle Bybro über den Nidelva-Fluss zu den buntangemalten Speicherhäusern („Bryggene“) Trondheims: All das ergibt in Summe und zusammen mit der Kristiansten Festning, Rockheim und ein paar ausgedehnten Spaziergängen im Hafen-Bereich ein wunderbares Tagesprogramm. Natürlich kann man in und rund um Trondheim noch wesentlich mehr unternehmen bzw. besichtigen. Die Insel Munkholmen, das Wander- und Naherholungsgebiet Bymarka, der Aussichtspunkt Tyholttårnet, das Sverresborg Trøndelag Freilichtmuseum oder das östlich von Trondheim gelegene Dorf Hell (das Ortsschild ist bei englischsprachigen Touristen sehr beliebt…) bieten definitiv mehr als genug „Munition“ für einen mehrtägigen Aufenthalt. Doch so viel Zeit habe ich nicht und möchte ich ehrlich gesagt hier auch nicht investieren. Die großen Nationalparke Zentralnorwegens rufen… mit Macht! Doch ansteuern möchte ich sie (natürlich!) nicht auf direktem Weg entlang der E6, sondern via Røros, legendäre (ehemalige) Bergbauhauptstadt Norwegens, heutiges UNESCO Weltkulturerbe und einer der kältesten Orte (der Rekord steht bei −50,4 °C) des Landes. Das wird zwangsläufig wieder viel Fahrerei bedeuten. Doch so ist das nun einmal bei einer (klassischen) Norwegen-Reise, bei der das (meistens) entspannte Fahren durch weite, mal zerklüftet-kurvige und mal endlos weite, offene Landschaften zur Erfahrung einfach dazugehört. Ich freue mich schon! [Bild: Ausblick von der vorgelagerten Insel Innlandet (wo sich die kleine Altstadt Gamle Byen befindet) zur Innenstadt von Kristiansund - Ein paar interessante Orte bietet die Kleinstadt auf jeden Fall, um sich einen knappen halben Tag sinnvoll um die Ohren zu schlagen (z. B. Mellemværftet, Kirche von Kirkelandet, Ausflug zur Insel Grip vor der Küste). Zudem gibt es eine Reihe netter Cafés und Restaurants, in die man sich vor dem oft wechselhaften Wetter der Region flüchten kann. Mich zieht es jedoch sehr bald weiter gen Trøndelag: Trondheim ruft...]
[Bild: Bei der Kristiansten Festning östlich oberhalb der Altstadt von Trondheim - Wie man am Wetter sehen kann, präsentiert sich die Stadt am heutigen Tag (vorerst noch) trüb-nass und ungemütlich. Allzu viel Freude bereitet es bei diesen unterkühlten Bedingungen leider nicht, über die weitläufige Festungsanlage zu spazieren. Ich werde mich bald in Richtung Innenstadt aufmachen und nach einer sinnvollen Indoor-Beschäftigung suchen, um ein paar Stunden zu überbrücken (der Regen soll am Nachmittag wohl aufhören...) - Mal schauen, an welchen Ort es mich verschlagen wird! Wie immer habe ich nämlich auch bei diesem Städtetrip beschlossen, es vor Ort einfach darauf ankommen bzw. mich treiben zu lassen]
[Bild: Inmitten des stylischen Norwegischen Nationalmuseums für Pop- und Rockmusik: Rockheim. Hier dreht sich alles um Pop- und v. a. Rockmusik (garniert mit einer gewaltigen Prise Nostalgie). Hier, im Ausstellungsbereich der 1950er Jahre, ist u. a. auch ein (zugegebenermaßen wunderschöner) Ford Thunderbird ausgestellt. Mit so einem Ding an einem sonnigen, windstillen Sommertag die norwegischen Fjorde (oder auch ein paar Alpenpässe) abfahren, würde mich ehrlich gesagt ja schon etwas reizen]
[Bild: Wer sich für Gitarren interessiert (oder dieses wunderbare Musikinstrument gar selbst spielt), wird in Rockheim zwangsläufig feuchte Augen bekommen. Natürlich kann man (wie es in einem guten interaktiven Musik-Museum üblich ist) unzählige Hörproben genießen und sich mit entsprechend vor Ort installierten Kopfhörern in die goldene Zeit des Rock 'n' Roll zurückversetzen lassen]
[Bild: Rockheim ist so verwinkelt aufgebaut, dass man aufgrund der zahlreichen Nischen und „versteckten“ Nebenräume zwangsläufig zum popkulturellen Entdecker wird. Es ist eine Freude, diese knallig-bunte Welt zu erforschen und nach Lust und Laune anzuhalten, um eines der interaktiven Ausstellungsangebote auszuprobieren. Wer sich voll darauf einlässt, kann sich in Rockheim so richtig „verlieren“ und problemlos ein paar Stunden umherstreifen, ohne dass auch nur die geringste Langeweile aufkommt]
[Bild: Solch legendäre Jukeboxen (von z. B. Wurlitzer) werden heutzutage für zum Teil extrem hohe Summen gehandelt, sind sie doch u. a. bei Sammlern sehr begehrt. Die Zeiten, als man solch imposante Kästen wie selbstverständlich im Diner des Vertrauens vorfand, sind natürlich lange vorbei. Heutzutage spielen v. a. Hard Rock Cafés und amerikanisierte Restaurants mit der Nostalgie im Hinblick auf die Ära nach dem 2. Weltkrieg. Doch auch leidenschaftliche Privatpersonen stellen sie sich mitunter (als raumgreifende Dekoration) in die eigenen 4 Wände]
[Bild: Auch solche düsteren Räumlichkeiten kann man in Rockheim entdecken. Was das Bild nicht transportiert, ist natürlich die (in diesem Fall) exorbitante Lautstärke, da es hier v. a. um Metal (Black, Death, Doom, Sludge u. a.) und harten Rock (Gothik, Death, Noise, Garage Punkt u. a.) geht. Da die Musik durchgehend auf maximaler Lautstärke ist, halte ich es hier nur kurz aus. Mir ist so ein Ambiente auf Dauer zu krass]
[Bild: In Rockheim kommen nicht nur Pop-Nostalgiker und Liebhaber von Classic Rock voll auf ihre Kosten. Auch Menschen mit einem Faible für ästhetische, „coole“ LED-Installationen werden ihre Freude haben... Nachdem ich Rockheim ein paar Stunden ausgiebig erforscht habe, mache ich mich schließlich auf den Weg zurück in die Innenstadt von Trondheim. Wie prognostiziert, hat der Regen aufgehört, so dass ich nun den Nachmittag unbeschwert in der Altstadt verbringen kann. Nach all den blinkenden Lichtern, Videoprojektionen und musikalisch-akustischen Stimulationen bin ich ganz froh, nun wieder an der frischen Luft zu sein]
[Bild: Die ganz aus Holz zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbaute, achteckige Hospitalskirken befindet sich westlich des Stadtzentrums und lohnt einen kurzen Abstecher, zumal sie nordseitig einen kleinen aber feinen Park aufweist. Wie es bei einem klassischen Städtetrip (vermeintlich) üblich ist, wird man am Ende des Tages ziemlich viele gelaufene Kilometer auf dem Smartphone bzw. der Uhr haben. Da kommen solche idyllischen Plätzchen, um eine kleine Pause zu machen, gerade recht]
[Bild: Stiftsgården ist Skandinaviens größter Holzpalast und gleichzeitig die offizielle Residenz des norwegischen Königs in Trondheim. Wer dieses mit 140 Zimmern ausgestattete, hochherrschaftliche Anwesen besichtigen will, kann dies unter „Aufsicht“ im Rahmen einer entsprechenden Führung durchaus tun. Mir persönlich genügt (wie so oft) der Blick von außen und der Besuch des angrenzenden Stiftsgårdsparken]
[Bild: Im Innenhof des Erzbischöflichen Palais („Erkebispegården“), welcher sich direkt neben dem Nidarosdom befindet. Hierbei handelt es sich um den ältesten Profanbau von ganz Skandinavien (im Jahr 1160 in Auftrag gegeben!), welcher nicht nur das Armeemuseum („Rustkammeret“) sondern auch die norwegischen Kronjuwelen („Riksregaliene “) beherbergt. Es gibt die Möglichkeit eines Kombitickets (falls man auch den Dom besichtigen will) sowie natürlich auch angebotene Führungen]
[Bild: Wie so oft genügt mir auch im Hinblick auf den Erzbischöflichen Palais von Trondheim der „Blick von außen“. Damit ich mir ein Museum bzw. eine Ausstellung tatsächlich anschaue (und aktiv ein Ticket dafür kaufe), muss das Ganze schon irgendwie etwas Besonderes sein (siehe Rockheim). Leider (?) locken mich weder die norwegischen Kronjuwelen noch die militärischen Ausstellungsgegenstände des Armeemuseums. Ich bevorzuge es angesichts der begrenzten Zeit in Trondheim, weiter im Freien umherzuspazieren und als nächstes den Nidarosdom anzusteuern]
[Bild: Der gewaltige Nidarosdom („Nidarosdomen“ bzw. „Nidaros Domkyrkje“) ist das größte mittelalterliche Bauwerk von ganz Skandinavien und in einem Land, das sonst von hölzernen Stabkirchen und (alternativ) ultra-modernen, protestantisch-schlichten Kirchenbauten geprägt ist, eine absolute Ausnahmeerscheinung. Im Jahr 1152 über dem Grab des heiligen Olav II. Haraldsson (der Wikingerkönig, welcher sein Volk zum Christentum bekehrte) errichtet, handelt es sich beim Nidarosdom seit Jahrhunderten um einen der bedeutendsten religiösen Bauten von Norwegen und ganz Skandinavien]
[Bild: Beim Nidarosdom handelt es sich um das nördlichste gotische Gebäude Europas. So prächtig wie heute hat die Kirche natürlich nicht immer ausgesehen, so brannte der Dom z. B. Anfang des 18. Jahrhunderts bis auf die Grundmauern ab. Seine endgültige heutige Form (mit der von zwei markanten Türmen geprägten Westfassade) erhielt der Dom erst in den 1960er Jahren. In relativer Nähe zum Fluss Nidelva gelegen und an 3 von 4 Seiten von einem wunderbar grünen, baumbestandenen Friedhof („Domkirkegården“) umgeben, handelt es sich beim Nidarosdom (und seiner Umgebung) um eines der schönsten Bauwerke bzw. Areale von ganz Trondheim]
[Bild: Berühmt ist der Nidarosdom nicht zuletzt aufgrund seiner kunstvoll gestalteten Westfassade im Stil der Hochgotik geworden, ist sie doch von oben bis unten mit unzähligen Statuen aus dem 20. Jahrhundert verziert, bei welchen es sich hauptsächlich um biblische Figuren aus dem Alten Testament sowie um norwegische Könige und Bischöfe handelt. Um eine der Statuen zu fertigen, wurden ca. 1,5 Jahre (!) benötigt, so dass man sich kaum ausmalen kann, wie viele Ressourcen mit der Zeit alleine in diese Westseite der Kirche geflossen sind]
[Bild: Dass so legendäre englische Kirchen wie Westminster Abbey einst als Vorbild für die Westfassade des Nidarosdoms gedient haben, ist nur allzu leicht vorstellbar. Im Angesicht einer so majestätischen Kirche fühlt man sich (fast) zwangsläufig klein und unbedeutend, so wie es von den Kirchenoberen seit jeher durchaus auch beabsichtigt war. Interessanterweise handelt es sich beim Nidarosdom heutzutage nicht (wie man angesichts der opulenten Architektur mutmaßen könnte) um eine katholische sondern (der Reformation sei Dank) um eine evangelisch-lutherische Kirche]
[Bild: Der Fluss Nidelva wird zwischen der Gamle Bybro (Alte Stadtbrücke) und der Bakke Bru zu beiden Seiten von altehrwürdigen Handels- bzw. Speicherhäusern („Bryggene“) begrenzt. Der Ausblick von der Brücke zu diesen buntangemalten Häusern zählt (neben dem Nidarosdom) definitiv zu den Highlights von Trondheim, auch wenn das Ganze nicht an das Hansaviertel Bryggen in Bergen herankommt. Dafür wird man hier auch auf deutlich weniger (Kreuzfahrt-)Touristen stoßen als in der zweitgrößten Stadt Norwegens]
[Bild: Bei Bryggene und der Alten Stadtbrücke von Trondheim (Gamle Bybro) handelt es sich um zwei der bekanntesten und beliebtesten Attraktionen der Stadt, wobei es sich für die Bewohnerinnen und Bewohner von Trondheim um ganz normale, alltägliche Infrastruktur handelt (viele der alten Speicherhäuser werden heutzutage z. B. gastronomisch genutzt). Natürlich handelt es sich teilweise auch um Wohnhäuser, wobei viele Wohnungen allerdings an Touristen via Airbnb teuer (!) vermietet werden und Einheimische oftmals außen vor bleiben]
[Bild: Die ältesten der altehrwürdigen Handels- bzw. Speicherhäuser („Bryggene“) von Trondheim stammen aus dem frühen 18. Jahrhundert. In Trondheim (sowie im gesamten Kulturraum von Trøndelag) bezeichnet „Brygge“ das, was anderswo in Norwegen oftmals als „Sjøbod“ bezeichnet wird: Lagergebäude, welche wie in diesem Fall an einem Flussufer (oder auch am Meer) liegen, sodass sie von Lastkähnen aus leicht zu erreichen sind]
[Bild: Die Bryggene-Gebäude wurden schon vor einiger Zeit als „kulturmiljø av nasjonal interesse“ (sinngemäß: Kulturumfeld von nationalem Interesse) definiert und stehen deshalb unter Denkmalschutz. Die meisten der Gebäude sind aus Holz gebaut und außen zusätzlich mit Paneelen verkleidet. Die Häuser von Bryggene weisen insgesamt eine klar definierte einheitliche Architektur auf, auch wenn letztlich kein Gebäude dem anderen gleicht. Die Fassaden sind dabei symmetrisch angelegt: Türen und Tore zum Heben von Gütern bilden einen deutlichen Mittelstreifen in den Giebeln zum Wasser hin. Die Dächer sind meist als sogenannte Satteldächer oder (Halb-)Walmdächer gestaltet]
[Bild: Wie es sich wohl anfühlt, in so einem historischen, denkmalgeschützten Speicherhaus direkt am Wasser zu leben...? Zeitweise dürfte das sicherlich eine außergewöhnliche Erfahrung sein. Auf Dauer stelle ich mir das Ganze eher anstrengend und v. a. teuer vor. Aber identitätsstiftend und der Altstadt zusätzlichen (hanseatisch-anmutenden) Charakter verleihend, ist Bryggene in jedem Fall. Nur allzu gerne hätte ich meine zwei Übernachtungen in Trondheim nicht in einem privaten Wohnhaus weit, weit außerhalb der Innenstadt verbacht, sondern in einem solchen Holzhaus am Fluss Nidelva. Doch das hätte meine finanziellen Möglichkeiten bei weitem (!) überstiegen]
[Bild: Ein letzter Ausflug bzw. Spaziergang zum Hafen, bevor es gleich über die Festung Kristiansten zurück zur Unterkunft geht, führt mich auch noch einmal zu dem Gebäude, in dem sich das Pop- und Rockmuseum Rockheim befindet. Nicht nur im Inneren macht das Ganze also einiges her. Ursprünglich wurde das 1919 erbaute Industriegebäude als Getreidespeicher verwendet, bevor es irgendwann seinen primären Nutzen verlor und langsam aber sicher verfiel. Im Jahr 2010 wurde dann nach mehrjähriger Renovierung und Umgestaltung Rockheim eröffnet, so dass das Gebäude in (sprichwörtlich) neuem Glanz erstrahlte. Heutzutage zählt Rockheim zu den popkulturellen Aushängeschildern und absoluten Besuchermagneten von Trondheim]
[Bild: Der Nidarosdom dominiert die „Skyline“ von Trondheim und es gibt letztlich vielleicht keinen besseren Ort, um diese zu überblicken und (auch) Abschied zu nehmen, als die Kristiansten Festning. Letztlich ist mir trotz der (v. a. zu Beginn) herausfordernden Wetterverhältnisse ein abwechslungsreicher, prallgefüllter Sightseeing-Tag in dieser schönen Stadt gelungen, worüber ich mich sehr freue. Besonders gefallen hat mir (neben dem Nidarosdom und dem Ausblick von der Gamle Bybro zu den Speicherhäusern von Bryggene) v. a. das hochgradig interaktive Musikmuseum Rockheim, welches ich wirklich wärmstens empfehlen kann. Gleichzeitig merke ich, dass ich nach diesen Stadt-Tagen wieder das ländliche Norwegen erleben und spüren will. Ein guter Zeitpunkt also, um sich an einen der außergewöhnlichsten Orte mitten im (vermeintlichen) Nirgendwo aufzumachen, bevor es dann weiter gen Dovrefjell gehen wird: Røros. Viel Gutes habe ich über diesen Kältepol Norwegens gehört, welcher einst die uneingeschränkte Bergbauhauptstadt des Landes war. Irgendwie habe ich so ein Gefühl, dass mir nun ein paar außergewöhnliche Tage bevorstehen. Lange genug habe ich die Küste befahren, mich durch kurvige Fjordlandschaften nach Norden vorgearbeitet und ein paar hübsche Ortschaften am Atlantik kennengelernt. Doch nun wird es Zeit, langsam aber sicher wieder in die schier endlosen Weiten Zentralnorwegens zurückzukehren, dorthin, wo die Straßen gerader, die Wälder dichter und die Berge höher sind, als anderswo. Auf nach Røros! Auf zum würdigen Auftakt der landschaftlich vielleicht schönsten Zeit meiner gesamten Norwegen-Reise]
Tag 22 Fahrt von Trondheim via Røros in den Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark Endlich wieder „on the road” – Das ist das Erste was mir in den Sinn kommt, als ich mich früh am Morgen von Trondheim aus auf den Weg in die inländischen Weiten Trøndelags mache. Auch wenn ich nur etwa 1,5 Tage in Trondheim verbracht habe, so spüre ich doch deutlich, wie es mich nun mit unbändigem Willen wieder „nach draußen“ zieht, raus in die wilden Weiten Norwegens, auf zu neuen Abenteuern. Bevor ich mir (bei hoffentlich angenehmem Wetter…) in den kommenden Tagen ein paar der großen Nationalparke im Zentrum des Landes anschauen werde, möchte ich zuvor einen kleinen Schlenker über eine der vielleicht interessantesten Gemeinden in diesem Teil des Landes machen: Røros. Dieses weit über die Grenzen Norwegens hinaus bekannte UNESCO Weltkulturerbe befindet sich über 150 km südöstlich von Trondheim, weit abseits der Küste im ländlichen Nirgendwo in der Nähe der Grenze zu Schweden. In alle Richtungen von weiten, gebirgig-hügeligen Hochebenen, dichten Wäldern sowie unzähligen Flüssen, Seen und Mooren umgeben, gestaltet sich die Anfahrt zur ehemaligen Bergbauhauptstadt des Landes durch das vom Fluss Gaula durchflossene Gauldalen ungemein eindrucksvoll. Die stets parallel zur Rørosbanen verlaufende Straße Fylkesvei (Fv) 30 folgt durchgehend dem Talverlauf, so dass die Fahrt mal von dramatischen, dicht bewaldeten Steilflanken geprägt ist, mal von herrlich-offenen Kulturlandschaften und immer wieder von kleineren Siedlungen, die einen zum Verweilen verführen wollen. Bei strahlendem Sonnenschein wie heute ist das eine landschaftlich wirklich wunderschöne Fahrt, die ich jedem sehr ans Herz legen kann. In Røros angekommen, mache ich mich sogleich daran, die naheliegendste bzw. offensichtlichste touristische Attraktion des Ortes zu besichtigen: das Rørosmuseet Smelthytta, das große regionale Bergbaumuseum, welches über den Ruinen der ehemaligen bzw. 1975 abgebrannten Schmelzhütte („Smelthytta“) errichtet wurde. Das moderne Museum zeigt u. a. Miniaturmodelle von Gruben, Schmelzhütten und technischen Verarbeitungsanlagen, alte Werkzeuge und Bergarbeiterkleidung aus dem 19. Jahrhundert und führt einem insgesamt auf liebevolle Art und Weise die lokale Bergbauhistorie vor Augen, ohne inhaltlich zu überfordern. Mir persönlich gefällt das Museum sehr, wobei das wahre Highlight jedoch (in meinen Augen) die gegenüber der Smelthytta auf der anderen Seite des Flusses gelegenen Schlackehaufen („Slegghaugan“) bzw. Abraumhalden sind, welche das Ergebnis von jahrhundertelangem Kupferabbau darstellen. Die vergleichsweise hohen Schlackehaufen sind frei zugänglich und man kann sie problemlos erwandern, so dass man von ihrem höchsten Punkt eine herrliche Aussicht über Røros und seine Umgebung genießen kann. Das macht viel Spaß und ist (vor einem obligatorischen kurzen Spaziergang durch den pittoresken Ortskern) mein vorläufiges Tageshighlight. Bei der anschließenden Fahrt in Richtung Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark baut sich vor meinem inneren Auge jedoch unweigerlich ein Berg auf, von dem ich die letzten Wochen so viel gelesen habe, dass sie sich für mich fast schon wie eine Legende anhört: die Snøhetta (2286 m.) – Dieser höchste Berg des gesamten Dovrefjell (nicht zu verwechseln mit dem Dovre-Nationalpark) ist die höchste Erhebung Norwegens außerhalb von Jotunheimen und mit einer Schartenhöhe von 1675 Metern der drittprominenteste Berg des Landes. Die Snøhetta (norwegisch für „Schneehaube“ oder „Schneekappe“) ist ein gewaltiger, kilometerbreiter Plateaugipfel, der sich aus der kargen, häufig extrem windigen und bitterkalten Hochebene des Dovrefjell erhebt und für ambitionierte Wanderer und Bergsteiger ein absolutes Traumziel darstellt. Da für morgen sonniges Wetter vorhergesagt ist, will (ja muss) ich eine Besteigung versuchen, zumal mein Knöchel wieder weitestgehend Normalform und -farbe hat und relativ belastbar erscheint. Angehen will ich die Besteigung von der DNT Hütte Snøheim, welche gut mit Shuttle-Bussen (ab Hjerkinnhus / Basecamp Frich's Hjerkinn) erreicht werden kann. Dass das Ganze trotz der positiven Wettervorhersage ein echtes „herbstlich-skandinavisches Bergabenteuer“ werden wird, zeigt sich am späten Nachmittag vom Snøhetta-Aussichtspunkt (ein hypermoderner, geschützter Unterstand aus geriffeltem Holz und Panorama-Spiegelglas) in der Nähe des Tverrfjellet (1248 m.) – Zwar ist die Snøhetta von Wolken verhüllt (so dass ich nicht erkennen kann, wie stark verschneit der Berg ist), doch verdeutlicht ein eisiger Wind, der mit Macht über die karge, von herbstlich gefärbten Moosen bedeckte und von unzähligen Mooren und Flüssen durchzogene Hochebene des Dovrefjell weht, dass ich mich morgen (sehr) warm anziehen muss. Auch wenn das morgen (formell) „nur“ eine hochalpine Wanderung werden wird, ist eine Bergtour auf die Snøhetta doch eine ernste, exponierte Angelegenheit die man nicht leichtfertig, sondern mit einer ordentlichen Portion Demut und v. a. nur gut ausgerüstet angehen sollte. Gleichzeitig freue ich mich schon darauf, den Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark (zumindest ein bisschen) zu erforschen! Vielleicht sehe ich ja sogar einen Moschusochsen… [Bild: Im großen Hauptsaal des Rørosmuseet Smelthytta, in dem zahlreiche alte Werkzeuge und Bergbau-Apparaturen ausgestellt sind. Links sowie hinter der Eingangstür kann man einige liebevoll gestaltete Miniaturmodelle und Dioramen bestaunen. Wie hart, entbehrungsreich und vollkommen unromantisch die damalige Zeit bzw. Arbeit für die Kumpel gewesen sein muss, kann man sich anhand der Ausstellung zwar versuchen einigermaßen vorzustellen. Aber natürlich bleibt es letztlich nur ein kleines Fenster in eine fundamental andere, längst vergangene Zeit]
[Bild: Die Kupfergewinnung war ein mehrstufiger, langwieriger Prozess, wobei hier insbesondere der Abbau von Chalkopyrit bzw. Kupferkies (eine Mischung aus Kupfer, Eisen und Schwefel), das sogenannte Rösten (um den Schwefelanteil zu reduzieren), das eigentliche Schmelzen (um das Eisen von der Schlacke zu trennen und Rohkupfer zu erzeugen) und schließlich das Raffinieren (mit dem Ergebnis von relativ reinem Kupfer, der anschließend in Formen gegossen wurde) zu nennen sind. Fast alle Bewohner von Røros arbeiteten direkt oder indirekt im Kupferbergbau. Entsprechend identitätsstiftend und die gesamte Region durchdringend war das Geschäft, das über Jahrhunderte Røros und Umgebung seinen Stempel aufgedrückt hat]
[Bild: Dass die Smelthytta am Fluss Glomma (auch Glåma geschrieben), dem längsten Fluss Norwegens (der schließlich sogar in den Oslofjord mündet), erbaut wurde, ist natürlich kein Zufall gewesen. Kupferbergbau ist ein wasserintensives Geschäft, da z. B. in der Erzaufbereitung (Flotation) viel davon benötigt wird, um das kupferhaltige Gestein vom Abfallgestein zu trennen. Auch zum Transport fertiger Bergbauprodukte sind Flüsse natürlich prädestiniert]
[Bild: Herrlicher Ausblick von den direkt neben dem Fluss Glomma und der Smelthytta gelegenen Schlackehaufen („Slegghaugan“) über die Altstadt von Røros. An einem wunderbar sonnigen Tag wie heute macht es wahnsinnig viel Spaß, über das weitläufige (und frei zugängliche!) Gelände zu spazieren und den Blick über die umliegenden Wiesen und Wälder schweifen zu lassen]
[Bild: So idyllisch und wunderbar grün wie heute waren Røros und Umgebung zu Hochzeiten des Kupferbergbaus natürlich nicht! Bedingt durch eine fast permanent hohe Umweltbelastung (z. B. Schwefeldämpfe, Abholzung, Verbrennen massiver Mengen von Holzkohle) im Zuge der Röst- und Schmelztätigkeiten war die Umgebung über lange Zeit fast vegetationsfrei und im Hinblick auf die allgemeine Emissionsbelastung definitiv NICHT gesundheitsfördernd]
[Bild: Schlackehaufen („Slegghaugan“) wie die von Røros bestehen oftmals aus einem Gemisch aus Eisenverbindungen, Kupferresten, Schwefelverbindungen und (leider) teilweise Schwermetallen (wie z. B. Arsen oder Blei). Die Haufen von Røros gelten als gut untersucht bzw. gesichert (stabilisiert), um Staub und Auswaschung zu verhindern. Als Besucher muss man sich daher keine Sorgen machen, Schlackehaufen wie diese gelten als Altlasten mit kontrolliertem Risiko. Gleichwohl sollte man hier auf den ausgewiesenen Wegen bleiben (sprich: nicht einfach weglos die Hänge abfahren und unnötig Staub aufwirbeln) und nicht graben]
[Bild: Ausblick von den Schlackehaufen („Slegghaugan“) zum Rørosmuseet Smelthytta und zur dahinter erkennbaren Altstadt von Røros. Die links erkennbaren Busse verdeutlichen, dass dieser Ort auch häufig von Reisegruppen angesteuert wird und in touristischer Hinsicht entsprechend hochprofessionell ist. Besonders viel Besuch erhält Røros, wenn der alljährliche und weit über die Grenzen Norwegens hinaus bekannte Rørosmartnan im Februar stattfindet. Aber auch das Open-Air-Theater „Elden“ im Sommer ist bei Touristen wie Einheimischen gleichermaßen beliebt]
[Bild: Die malerische Kulisse von Røros diente mehrmals als Drehort für berühmte Filme, darunter Pippi Langstrumpf (oder wie sie hier heißt: Pippi Langstrømpe). Die die „Skyline“ des Ortes dominierende Røros Kirke aus dem Jahr 1784 wird auch „Bergstadens Ziir“ genannt („Das Juwel der Bergstadt“) und ist eine der größten Kirchen des Landes. Umgeben wird die Kirche von zahlreichen (teils jahrhundertealten) Holzhäusern, welche vielfach noch auf ihren originalen Fundamenten aus dem 17. Jahrhundert stehen]
[Bild: Das Areal der Schlackehaufen („Slegghaugan“) ist mit dem Rørosmuseet Smelthytta über mehrere hölzerne Brücken verbunden, so dass man unkompliziert zwischen den beiden Bereichen hin und her wechseln kann. Zudem liegt das Museum unmittelbar neben der pittoresken Altstadt von Røros. Nach einem ausgiebigen Besuch der Schmelzhütte in einem netten Lokal oder Café einkehren, ist also mehr als nur naheliegend]
[Bild: Die neben dem Rørosmuseet Smelthytta befindlichen historischen Holzhäuser befinden sich teils nur einige Zentimeter von der Abbruchkante zum Fluss Glomma entfernt: Sieht dramatisch und hochriskant aus, wird aber natürlich durch eine Reihe umfangreicher Maßnahmen stabilisiert. Da größere bauliche Eingriffe aufgrund des Denkmalschutzes schwierig bis unmöglich sind, versucht man z. B. durch Uferverbauungen mit Natursteinen, Begrünungsmaßnahmen, gezielte Entwässerung zur Vermeidung von Erosion und natürlich permanentes Monitoring den Anforderungen der vorhandenen Naturgefahren zu begegnen, ohne in Konflikt mit dem ursprünglichen Charakter und dem Ortsbild von Røros zu geraten]
[Bild: Auch wenn rund um Røros früher nur in äußerst geringem Maßstab Gold abgebaut wurde, umweht irgendwie ein Hauch von Klondike und Yukon das Areal rund um die Smelthytta... War mir in Kongsberg die Besichtigung der dortigen legendären Silbermine schlichtweg noch zu teuer, hab ich hier den Eintrittspreis (der zugegebenermaßen auch deutlich niedriger war) gerne gezahlt. Bergbau, ob nun z. B. in den Alpen (Hohe Tauern), im Ruhrgebiet oder eben hier, ist ein faszinierender Bestandteil der menschlichen Kulturgeschichte und wo immer es sich anbietet, vertiefe ich mich (natürlich oberflächlich-amateurhaft) mit Freunden in diesen Teilaspekt der Beziehung Mensch-Umwelt]
[Bild: An einem herrlich sonnigen Tag wie heute ist das Flanieren an der Glomma entlang ein wahres Fest für die Sinne! Da heute nur mehr die Fahrt zum Ausgangspunkt für die für morgen geplante Besteigung der Snøhetta ansteht, habe ich es nicht eilig, Røros zu verlassen. Nachdem ich mir Schlackehaufen („Slegghaugan“) und Schmelzhütte („Smelthytta“) ausgiebig angeschaut habe, möchte ich nun noch ein bisschen durch die eigentliche historische Altstadt spazieren]
[Bild: Mindestens etwa 2-3 Stunden Zeit sollte man sich für das Rørosmuseet Smelthytta und die dahinter befindlichen Schlackehaufen nehmen. Falls man davor oder danach noch die historische Altstadt von Røros ein bisschen erforscht, wird daraus ein runder Halbtagestrip, der sich v. a. für Leute wie mich auf der Durchreise anbietet. Da Røros zugleich aber auch zwischen Forollhogna und Femundsmarka-Nationalpark eingebettet ist, ist es müßig zu betonen, dass man in der schönen Gegend natürlich noch deutlich (!) mehr Zeit verbringen kann (und sollte) als ich]
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