2012 – Hochkalter (2607 m.) - Überschreitung

stefanmitterer.de

 


Schwierigkeit:   PD  oder  WS   (T5/5+  oder  W5/5+)

Charakter:  Die Überschreitung des Hochkalters  -  der Aufstieg über den „Schönen Fleck“ und den Kleinkalter sowie der Abstieg durch das Ofental  -  gehört (ebenso wie die Watzmann Überschreitung) zu den großartigsten und anspruchsvollsten alpinen Bergtouren der Berchtesgadener Alpen. Beim Zustieg zum „Schönen Fleck“ wird  -  ebenso wie bei einer Steilstufe unterhalb des Rotpalfen (Wasserwandkopf) im Verlauf des Nordgrates  -  Kletterei im Schwierigkeitsgrad II verlangt. Versierte Bergsteiger können diese Kletterstellen ohne Seilsicherung bewältigen. Für den Abstieg über den Nordgrat wurden bei der Steilstufe Bohrhaken zum Abseilen eingerichtet. Der Aufstieg über den „Schönen Fleck“ und den Nordgrat ist  -  bis auf einige wenige Kletterstellen und einige leicht ausgesetzte Passagen  -  technisch nicht besonders schwierig, erfordert aber neben einer gewissen Klettergewandtheit auch absolute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, alpine Erfahrung und eine gute Kondition. Die Ausblicke während des Aufstiegs in Richtung Blaueisgletscher sind atemberaubend  -  doch besonders das Panorama vom schroffen Gipfel des Hochkalters (u.a. Watzmann, Steinernes Meer, Großer Hundstod, Hohe Tauern, Leoganger – und Loferer Steinberge, Reiter Alm, Chiemgauer Alpen) ist grandios. Der Abstieg vom Gipfel nach Süden erfordert leichte Kletterei (Schwierigkeitsgrad I)  -  ist aber weniger schwierig als die Route von Norden über den „Schönen Fleck“. Dennoch ist auch beim Abstieg Richtung Ofental  -  aufgrund des gerölligen und teilweise heiklen Schrofengeländes  -  der erfahrene Bergsteiger gefragt. Der Weg durch das Ofental bergab ins Tal ist lang und anstrengend, belohnt jedoch mit fantastischen Ausblicken in Richtung Reiter Alm. Die Überschreitung des Hochkalters sollte nur bei sicherem Wetter und guten Verhältnissen angegangen werden. Durchgehend Markierungen und Steinmänner. Wer den Hochkalter  -  wie ich  -  an einem Tag überschreitet, sollte unbedingt darauf achten, ausreichend Wasser mitzunehmen! Insgesamt eine der eindrucksvollsten, lohnendsten und prestigeträchtigsten alpinen Bergtouren der gesamten Nördlichen Kalkalpen.

Gefahren:  Zitat – Helmuth Zebhauser: „Der Hochkalter ist ein Berg für Könner. Anfänger haben auf seinen Graten, in seinen Flanken und Wänden nichts verloren. […] Die Ersteigung des Hochkalter bleibt nur erfahrenen Alpinisten vorbehalten.“  -  Klettergewandtheit, absolute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, alpine Erfahrung und eine gute Kondition sind bei dieser Bergtour unbedingt erforderlich. Wer die Schwierigkeiten  -  die für eine Hochkalter-Überschreitung erforderlich sind  -  nicht voll beherrscht, riskiert an diesem Berg Kopf und Kragen. Dementsprechend sind es bei dieser Bergtour vor allem die subjektiven Gefahren, die es zu beachten gilt. Weiterhin sollte die Überschreitung des Hochkalters nur bei sicherem Wetter und guten Verhältnissen angegangen werden  -  es sei denn man bringt die nötige Ausrüstung und Erfahrung mit, um den Gipfel auch bei Eis – bzw. Schneelage zu erreichen. Aufgrund der durchgehenden Markierungen (und des offensichtlichen Wegverlaufs) fällt die Orientierung in der Regel leicht. Achtung!  -  Beim Abstieg vom Gipfel nach Süden Richtung Ofental darf man auf keinen Fall einfach den schroffen Geröllrinnen immer weiter geradeaus bergab folgen, da man sonst in eine lebensgefährlich-heikle Abbruchzone kommt! Dementsprechend gilt: Wer die oben erläuterten Anforderungen beherrscht, Wetter – und Wegverhältnisse berücksichtigt, immer konzentriert den Markierungen folgt und ausreichend Getränke mitnimmt, sollte bei der Überschreitung des Hochkalters nicht in Schwierigkeiten geraten.


8. Juli 2012

Ein-Tages-Tour in die Berchtesgadener Alpen mit Besteigung und Überschreitung des Hochkalters (2607 m.) - Aufstieg von der Blaueishütte über den „Schönen Fleck“ und den Kleinkalter (2513 m.) - Abstieg durch das Ofental.

Privat organisierte Tour  -  alleine begangen

[Bild: Hochkalter 2607 m. und Blaueisgletscher  -  links der Blaueisscharte die Blaueisspitze 2481 m.  -  im Hintergrund der Watzmann 2713 m.]

Parkplatz Hintersee  -  Schärtenalm  -  Blaueishütte  -  Blaueiskar  -  Schöner Fleck  -  Kleinkalter  -  Hochkalter  -  Ofental  -  Klausbachtal  -  Parkplatz Hintersee

Der Hochkalter (2607 m.) ist der höchste Gipfel des Hochkaltermassivs (auch Hochkalterstock – bzw. Gebirge) in den Berchtesgadener Alpen. Das hauptsächlich aus Dachsteinkalk bestehende Hochkaltermassiv befindet sich westlich des Watzmanns sowie südöstlich der Reiter Alm. Der Hochkalter bietet Bergsteigern, Kletterern und Wanderern eine Vielzahl lohnender Tourenmöglichkeiten. Neben dem hier vorgestellten Aufstieg über den Schönen Fleck und dem Abstieg durch das Ofental, bietet sich auch die Route über den Blaueisgletscher  -  1874 erstmals von Johann Grill (der „Kederbacher“) begangen  -  an. Das bis zu 50° Grad steile Eis ist der nördlichste Gletscher der Alpen, verliert jedoch wie auch alle anderen Gletscher jedes Jahr an Volumen und alpinem Glanz. Die günstigste Jahreszeit für eine Begehung ist der Frühsommer, wenn der Gletscher noch mit Schnee bedeckt ist und kaum Blankeis aufweist. Die sogenannte „Blaueisumrahmung“  -  eine alpine und sehr anspruchsvolle Klettertour  -  führt von der Eisbodenscharte über Blaueistürme, Blaueisspitze, Hoch – und Kleinkalter sowie den Rotpalfen in einem großen Bogen um den Blaueisgletscher herum. Diese herausragend schöne Tour verlangt Kletterei bis zum Schwierigkeitsgrad IV und gilt als die lohnendste Klettertour des gesamten Hochkaltermassivs. „Die 1830 begangene Route der Erstbesteiger Bischof Fürst Schwarzenberg und seiner Führer Gemminger, Tatz und Wein durch die Hochkalter-Westflanke (Kaltergraben) wurde nie populär, da sie schwer zu finden ist und früher jagdliche Interessen einer Begehung entgegenstanden.“ (siehe Wikipedia/Hochkalter)  -  Die am Beginn des Blaueiskares gelegene Blaueishütte (1680 m.) ist der Hauptausgangspunkt für eine Besteigung des Hochkalters und dementsprechend stark frequentiert. Auch wenn der Hochkalter häufig bestiegen wird, so ist er doch ein wilder und äußerst alpiner Berg  -  im Gegensatz zum Watzmann wurde er im Urzustand gelassen und die Aufstiege nicht durch Drahtseile entschärft. Daher übertrifft der Hochkalter den Watzmann von den technischen Schwierigkeiten her deutlich. Aber auch insgesamt gesehen gehört die Besteigung des Hochkalters über den Schönen Fleck vermutlich zu den anspruchsvollsten Bergtouren in den deutschen Alpen. In jedem Fall aber zählt die Überschreitung des Hochkalters zu den großartigsten alpinen Bergtouren der Berchtesgadener Alpen und zu den eindrucksvollsten, prestigeträchtigsten und lohnendsten Bergtouren der gesamten Nördlichen Kalkalpen.

[Bild: Blick vom Kleinkalter zum Hochkalter 2607 m.  -  links im Hintergrund die Watzmann Südspitze 2712 m.]

Nur einen Tag nach meiner Anreise nach Bayern habe ich mir das Ziel gesetzt, den Hochkalter zu überschreiten. Da jedoch das Wetter lediglich an diesem einen Tag schön sein soll und ich dementsprechend nur ein kleines Zeitfenster habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als die geplante Tour in einem Stück durchzuführen. Ob es besonders schlau ist, als allererste Bergtour des Jahres gleich eine solch lange, hochalpine Überschreitung anzugehen  -  das sei mal dahingestellt. Da mich der Hochkalter aber schon seit längerer Zeit fasziniert, ist die Verlockung einfach zu groß, diese großartige Tour anzugehen.

Früh am Morgen mache ich mich von Traunreut auf Richtung Ramsau. Bei der Anreise über die Deutsche Alpenstraße habe ich von der Schwarzbachwacht einen grandiosen Einblick in das steile Blaueis und zum scheinbar weltentrückten Gipfel des Hochkalters. Mir steht eine lange und anstrengende Bergtour bevor.

[Bild: Auf geht´s in Richtung Hochkalter]

Von einem Parkplatz südlich des Zauberwalds in der Nähe des Hintersees geht es auf einer schottrigen Forststraße zunächst durch einen dichten Wald ein Stück bergauf. 6 Stunden (und  -  inklusive Gegensteigungen  -  etwa 2000 Höhenmeter) sind es laut den Schildern der DAV-Sektion Berchtesgaden bis zum Gipfel  -  wobei damit lediglich die reine Gehzeit gemeint ist. Während langsam die Sonne aufgeht und es zunehmend heller wird, führt die Forststraße nach kurzer Zeit in etwas freieres Gelände.

[Bild: Langsam wird es hell in den Berchtesgadener Alpen  -  über einem der Vorgipfel der Schärtenwand erkennt man rechts den Mond]

Zwischen Nadelbäumen leitet die Straße immer weiter bergauf.

[Bild: Über eine Forststraße geht es durch einen Bergwald in Richtung Schärtenalm]

Schließlich geht es in einem Bogen um eine Felswand herum. Dabei habe ich einen fantastischen Ausblick auf die mächtigen Südabstürze der Reiter Alm  -  wobei insbesondere das Wagendrischelhorn (2251 m.) meine Blicke auf sich zieht.

[Bild: Mit Blick auf die Südabstürze der Reiter Alm geht es um eine Felswand herum  -  im Hintergrund von links: Hohes Gerstfeld 2032 m.  -  Schottmalhorn 2045 m. und Edelweißlahnerkopf 1953 m.]

[Bild: Reiter Alm Südabstürze  -  von links: Grundübelhörner 2096 m.  -  Knittelhorn 2015 m.  -  Wagendrischelhorn 2251 m.  -  Plattelköpfe 2106 m.  -  Hohes Gerstfeld 2032 m.  -  Schottmalhorn 2045 m.  -  Edelweißlahnerkopf 1953 m.]

Anschließend führt die Forststraße wieder in den Bergwald.

[Bild: Aufstieg durch den Bergwald in Richtung Schärtenalm]

In diesem geht immer weiter bergauf, bis schließlich der Baumbestand etwas zurückgeht. Bei freier Sicht nach Nordosten zur markanten Spitze des Berchtesgadener Hochthrons (1973 m.) geht es an begrünten Felsflanken auf der Forststraße konstant in östliche Richtung.

[Bild: Blick nach Nordosten in Richtung Untersberg  -  rechts der Bildmitte der Berchtesgadener Hochthron 1973 m.]

[Bild: Links die Grundübelhörner und das Knittelhorn  -  darüber Großes Mühlsturzhorn 2234 m. und Stadelhorn 2286 m.  -  in der Bildmitte das Wagendrischelkar, durch das der Böselsteig auf die Hochfläche führt  -  darüber Wagendrischelhorn 2251 m. und Unterer Plattelkopf 2106 m.] 

Schließlich erreiche ich die Schärtenalm 1362 m. - mache jedoch keine Pause, sondern gehe direkt weiter.

[Bild: Blick von der Schärtenalm zu den Südabstürzen der Reiter Alm  -  von links: Hohes Gerstfeld 2032 m.  -  Schottmalhorn 2045 m. und Edelweißlahnerkopf 1953 m.]

Von der Alm geht es auf der Forststraße durch den Bergwald ein Stück Richtung Westen. Nach kurzer Zeit leitet die Forststraße nach Süden ins Blaueistal. Oberhalb des bewaldeten Talgrundes folge ich der an einer Felswand angelegten Forststraße konstant in südliche Richtung  -  Blaueisspitze (2481 m.)  -  Blaueisgletscher und Hochkalter (2607 m.) immer im Blickfeld.

[Bild: Am Rand des Blaueistales geht es auf einer Forststraße Richtung Blaueishütte  -  im Hintergrund Blaueisspitze 2481 m.  -  Blaueisgletscher und darüber der Hochkalter 2607 m.]

[Bild: Blaueisspitze 2481 m.  -  Blaueisgletscher  -  Hochkalter 2607 m. und Rotpalfen (Wasserwandkopf) 2367 m.]

Nachdem ich die Station der Materialseilbahn passiert habe, geht es im Folgenden auf einem angelegten Steig unterhalb der Südwestabstürze des Steinbergs in einem lichten Nadelwald Richtung Blaueishütte.

[Bild: Auf einem angelegten Steig geht es das letzte Stück Richtung Blaueishütte]

Schließlich führt der geröllige und mit Holzbrettern befestigte Steig aus dem Wald heraus und zwischen Latschenkiefergewächsen mündet er nach 2 Stunden direkt bei der am Beginn des Blaueiskares gelegenen Berghütte.

Die Blaueishütte (1680 m.) ist im Besitz der DAV-Sektion Berchtesgaden, verfügt über 20 Betten – sowie 64 Lagerplätze und ist von etwa Mitte Mai bis Ende Oktober geöffnet. Die am Beginn des Blaueiskares gelegene Schutzhütte kann sowohl von Hintersee in 2,5 Stunden, als auch von Ramsau in 3 Stunden erreicht werden, wobei sich beide Anstiege bei der Schärtenalm vereinen. 1922 wurde rund 100 Höhenmeter oberhalb des heutigen Standorts von der DAV-Sektion Hochland die erste Blaueishütte  -  zunächst noch als Selbstversorgerhütte  -  errichtet. Von 1928 an wurde sie bewirtschaftet und 1937 erweitert. In den Jahren 1952/53 wurden an der Hütte erneut zusätzliche Erweiterungen bzw. bauliche Veränderungen durchgeführt. Ende 1955 stellte der Extrembergsteiger Hermann Buhl fest, dass die alte Hütte durch eine Staublawine vollkommen zerstört worden war. Daraufhin errichtete die Sektion Hochland etwa 100 Höhenmeter tiefer im Blaueiskar an lawinensicherer Stelle ein Hüttenprovisorium. Da die Sektion den Neubau jedoch nicht finanzieren konnte, ging der Auftrag an die Sektion Berchtesgaden über. 1958 begann sie am heutigen Standort mit dem Bau der neuen Hütte, welche 1962 schließlich fertiggestellt wurde. Heutzutage ist die Blaueishütte der Hauptausgangspunkt für eine Besteigung des Hochkalters (2607 m.)  -  Es bieten sich die Route über den „Schönen Fleck“ und den Kleinkalter, der Aufstieg über den bis zu 50° Grad steilen Blaueisgletscher sowie die „Blaueisumrahmung“  -  eine hochalpine Klettertour im IV Schwierigkeitsgrad, die über Blaueistürme, Blaueisspitze sowie Hoch – und Kleinkalter in einem großen Bogen um den Gletscher führt  -  an. Darüber hinaus können mit dem Steinberg (2065 m.) und der Schärtenspitze (2153 m.) auch zwei Gipfel von Wanderern bestiegen werden. Über die Schärtenspitze führt auch der Anstieg aus dem Wimbachtal. Vom Wimbachschloss geht es in 6-7 Stunden über die Hochalmscharte sowie die Hochalm zur Eisbodenscharte und von dort weiter bergauf Richtung Schärtenspitze. Bei diesem langen und anspruchsvollen Übergang sind Trittsicherheit und Schwindelfreiheit unbedingt notwendig. Die Blaueishütte ist darüber hinaus auch bei Kletterern sehr gefragt. Die Wände von Schärtenspitze, Blaueisspitze, Hochkalter, Rotpalfen und Schärtenwand bieten eine große Anzahl an Alpin –, Plaisier – und Sportkletterrouten in allen Schwierigkeitsgraden. Aber auch Boulderer kommen im Blaueiskar voll auf ihre Kosten. Wer sich genau über die verschiedenen Kletterrouten informieren möchte, dem sei die sehr informativ gestaltete Homepage der Hütte empfohlen. Die Blaueishütte hat sich aufgrund der vielfältigen Tourenoptionen für Bergsteiger, Wanderer und Kletterer zu einer der bedeutendsten Berghütten der Berchtesgadener Alpen entwickelt und wird auch regelmäßig von Ausbildungskursen genutzt. Das Paradeziel bleibt jedoch der Hochkalter (2607 m.)  -  er zählt zu den begehrtesten und prestigeträchtigsten Bergen der Nördlichen Kalkalpen und zieht ambitionierte Bergsteiger seit jeher an. Seine Besteigung wird auch in Zukunft zu den herausragendsten und anspruchsvollsten Touren der Berchtesgadener Alpen zählen. Und auch wenn der Blaueisgletscher in ein paar Jahrzehnten komplett abgeschmolzen sein dürfte, so wird die Blaueishütte aufgrund ihrer großartigen Tourenmöglichkeiten auch weiterhin zu den bedeutendsten Berghütten im Umkreis zählen.

[Bild: Blick Richtung Blaueisgletscher und zum darüber aufragenden Hochkalter 2607 m.  -  links die Blaueisspitze 2481 m.]

[Bild: Blick zur Schärtenspitze 2153 m.  -  die Plattenschüsse werden von unzähligen Kletterrouten erschlossen]

Während einer kurzen Pause genieße ich die fantastische Aussicht von der Blaueishütte auf die umliegenden Gipfel. Im Süden erkenne ich den scheinbar noch endlos weit entfernten Gipfel des Hochkalters (2607 m.) sowie einen Teil des Blaueisgletschers. Links davon die imposante Pyramide der Blaueisspitze (2481 m.)  -  Im Südosten ragt die zerklüftete Schärtenspitze in den Himmel. Während ich in ihren langgezogenen Plattenschüssen bereits einige Kletterer erkennen kann, scheinen die Hochkalter-Aspiranten erst jetzt langsam aufzubrechen. Im Osten zieht von der Schärtenwand ein langer, mächtiger Grat über Rotpalfen und Kleinkalter bis zum Hochkalter  -  die markante Einschartung des Schönen Flecks ist nun mein nächstes Ziel. Von der Blaueishütte geht es auf einem markierten Pfad über Blockwerk und Geröll zunächst ein Stück durch das Sumperloch das Kar hinauf.

[Bild: Blick zurück zur Blaueishütte]

[Bild: Blaueisspitze 2481 m.]

Nach kurzer Zeit erreiche ich auf Höhe einer Schuttreiße eine Wegeteilung.

[Bild: Blick zum Blaueisgletscher und zum Hochkalter 2607 m.]

Dort folge ich nicht weiter dem Pfad Richtung Schärtenspitze bzw. Blaueisgletscher, sondern steige über Felsblöcke und Schutt entgegen der vom Schönen Fleck ins Blaueiskar herabziehenden Geröllrinne. In Serpentinen geht es anschließend mühsam die steile Rinne  -  nördlich des Rotpalfen  -  bergauf.

[Bild: Aufstieg über die vom Schönen Fleck herabziehende Blockwerk - und Geröllrinne]

Über Blockwerk, Geröll und sandigen Schutt steige ich immer weiter aufwärts, bis ich eine plattige Felsstufe erreiche. Diese nahezu senkrechte Steilstufe wird in leichter Kletterei (Schwierigkeit I+/II-) überwunden.

[Bild: Die Überwindung dieser plattigen Steilstufe vor dem Schönen Fleck verlangt Kletterei (Schwierigkeitsgrad I+/II-)  -  ist jedoch nicht ausgesetzt]

Markierungen leiten über die  -  teilweise mit Latschenkiefern bewachsene  -  Felsstufe bergauf.

[Bild: Markierungen leiten über die  -  teilweise mit Latschenkiefern bewachsene  -  Steilstufe bergauf Richtung Schöner Fleck]

Beim Blick zurück kann ich rechts der Schärtenspitze im Osten mittlerweile den Watzmann (2713 m.) erkennen. 1,5 Stunden nach Aufbruch von der Hütte erreiche ich schließlich den Schönen Fleck (2065 m.)  -  eine markante Scharte zwischen Rotpalfen (Wasserwandkopf) im Süden und Schärtenwand im Norden. Während einer kurzen Pause fällt der Blick nach Westen ins über 1000 Meter tiefer gelegene Klausbachtal sowie zur darüber aufragenden Reiter Alm  -  links davon im Südwesten die Loferer Steinberge.

[Bild: Blick über den weiteren Gratverlauf Richtung Rotpalfen]

[Bild: Blick in Richtung Reiter Alm  -  in der Ferne die Loferer Steinberge]

Schließlich mache ich mich auf und folge dem markierten Pfad zunächst ein Stück westlich des Grates in der Flanke bergauf. Wieder auf der Grathöhe, habe ich eine fantastische Aussicht zum Untersberg (1972 m.) im Nordosten. Anschließend leitet der Weg über Blockwerk und Geröll aufwärts zu einer Ansammlung gigantischer Felsblöcke.

[Bild: Auf einem Pfad geht es bergauf zu einer Ansammlung riesiger Felsblöcke]

[Bild: Markierungen leiten den Weg durch diese Ansammlung gigantischer Felsblöcke]

Durch eine schluchtartige Rinne geht es mühsam bergauf zu einer Anhöhe und von dort über geneigte Felsplatten weiter zu einer senkrechten, etwa 12 Meter hohen Felswand.

[Bild: Blick zu der Schlüsselstelle des Aufstiegs  -  der senkrechten Felswand unterhalb des Rotpalfen]

Diese steile, aber gutgriffige Wand erfordert relativ anspruchsvolle Kletterei (Schwierigkeitsgrad II)  -  lässt sich insgesamt jedoch einfach überwinden. Da die Kletterei nur kurz anhält, Markierungen den einfachsten Weg weisen und die Steilstufe auch kaum ausgesetzt ist, sind die Anforderungen und technischen Schwierigkeiten alles in allem in einem moderaten Rahmen. Immerhin zeigen einige Bohrhaken, dass es sich um die schwierigste Stelle des Aufstiegs zum Hochkalter handelt und dass bei dieser Felswand im Abstieg durchaus abgeseilt wird.

[Bild: Markierungen weisen den Weg über diese Felsstufe  -  Kletterei im Schwierigkeitsgrad II wird verlangt]

Oberhalb folge ich den Markierungen über den blockreichen und gerölligen Gratrücken bergauf.

[Bild: Oberhalb der Felsstufe geht es auf einem gerölligen und schuttreichen Pfad weiter bergauf]

Anschließend umgehe ich den Rotpalfen 2367 m. (Wasserwandkopf) westlich in der Flanke, da ich  -  auch mit Blick auf die Uhr und das Wetter  -  den Aufstieg zum Hochkalter nicht unterbrechen will. Während ich den Rotpalfen umgehe, fällt mein Blick am Kleinkalter vorbei zur langgezogenen Ofentalschneid  -  mit dem eindrucksvollen Ofentalhörnl (2513 m.) als höchster Spitze. Über Blockwerk geht es auf dem kurzzeitig breiten Grat konstant in südliche Richtung bis zu einer Ansammlung großer Felsblöcke.

[Bild: Blick auf den weiteren Gratverlauf Richtung Kleinkalter]

Ich folge den Markierungen rechts an ihnen vorbei und erreiche wieder die Grathöhe. Beeindruckend ist der Blick zur Blaueisspitze (2481 m.) mit ihrer imposanten Nordwestwand.  Die Markierungen leiten über einen gerölligen und teilweise begrünten Hang aufwärts.

[Bild: Über eine geröllige und begrünte Flanke geht es bergauf Richtung Kleinkalter]

Anschließend weiche ich erneut westlich in die Flanke aus, erreiche jedoch kurz darauf erneut den Grat. Über gestufte Felsblöcke geht direkt bergauf zu einer Anhöhe. Von dort habe ich einen atemberaubenden Blick zum steilen Blaueisgletscher sowie zum darüber aufragenden Hochkalter (2607 m.)

[Bild: Blick Richtung Blaueisgletscher  -  die Blaueisscharte trennt den Hochkalter 2607 m. von der Blaueisspitze 2481 m.]

Von der Anhöhe geht es auf der hier relativ schmalen und luftigen Gratschneide bergauf Richtung Kleinkalter.

[Bild: Auf der Gratschneide geht es in Richtung Kleinkalter  -  den Hochkalter immer im Blickfeld]

Kurz vor dessen Gipfel leiten Markierungen in leichter Kletterei (Schwierigkeitsgrad I) über gestufte Felsen steil aufwärts.

[Bild: Kurz vor dem Gipfel des Kleinkalters erfordert die Überwindung gestufter Felsen noch einmal leichte Kletterei]

Als ich schließlich den Gipfel des Kleinkalters (2513 m.) erreiche, habe ich mit einem Mal einen gigantischen Ausblick zum schroffen und unnahbar wirkenden Hochkalter  -  nun ist es nicht mehr weit bis zum höchsten Punkt.

[Bild: Auf dem Gipfel des Kleinkalter 2513 m. mit Blick zum Hochkalter 2607 m.  -  links der Watzmann 2713 m.  -  rechts das Ofentalhörnl 2513 m.]

Ich überschreite den Kleinkalter und folge den Markierungen über Blockwerk und Schutt bis zum Beginn des Gipfelaufbaus. Über eine breite, mit Geröll bedeckte Felsflanke geht es steil bergauf.

[Bild: Blick auf den weiteren Gratverlauf Richtung Hochkalter]

Anschließend leiten die Markierungen ein Stück nach rechts in die Flanke. Durch eine mit Felsblöcken gefüllte Rinne geht es aufwärts zu einer Anhöhe.

[Bild: Auf dem Weg in Richtung Hochkalter-Gipfel]

Nach einem kurzen Abstieg in eine kleine Scharte erfordert die anschließende Überwindung gestufter Felsen schließlich noch einmal leichte Kletterei (Schwierigkeitsgrad I+)  -  Oberhalb der Steilstufe folge ich dem Gratverlauf nun direkt in Richtung Gipfelkreuz. In stetigem Auf und Ab leiten die Markierungen bis kurz vor den Gipfel.

[Bild: Auf dem luftigen Gipfelgrat des Hochkalter  -  rechts in der Ferne der Hochkönig 2941 m.]

In leichter Kletterei (Schwierigkeitsgrad I) geht es die letzten Meter bis zum höchsten Punkt und schließlich erreiche ich den Gipfel des Hochkalters 2607 m.

[Bild: Auf dem Gipfel des Hochkalter 2607 m.]

Die Aussicht ist grandios: Im Südosten der Watzmann (2713 m.) sowie das 1500 Meter tiefer gelegene Wimbachtal. Rechts daneben erkenne ich im Süden den markanten Buckel des Großen Hundstod (2594 m.) sowie dahinter das Steinernes Meer, die Schönfeldspitze (2653 m.)  -  den Funtenseetauern (2578 m.) und den Hochkönig (2941 m.)  -  Im Süden die langgezogene Ofentalschneid mit dem Ofentalhörnl (2513 m.) als höchstem Punkt. Dahinter die imposante Hocheisspitze (2523 m.) und noch weiter in der Ferne die Hohen Tauern. Im Südwesten präsentieren sich die eindrucksvoll-isolierten Bergmassive der Loferer – und Leoganger Steinberge. Richtung Nordwesten fällt der Blick auf die Reiter Alm mit ihren gewaltigen Südabstürzen. Doch nicht nur die Aussicht auf die umgebenden Gebirgsgruppen fesselt  -  da der Hochkalter-Gipfel durch einen gewaltigen Bergsturz im Jahr 1908 (als der gesamte Gipfelaufbau bzw. etwa 240.000 m³ Gestein abbrachen) noch deutlich schroffer und zerklüfteter wurde, fühlt man sich auf dem höchsten Punkt, mit Blick auf die umgebenden Felstürme – und Zacken, noch weltentrückter, als man ohnehin schon ist. Grandios ist auch der Tiefblick ins Blaueiskar bzw. zum Gletscher sowie zur Blaueisspitze (2481 m.)

[Bild: Blick nach Norden ins Blaueiskar und zum Gletscher  -  die Blaueishütte liegt am Beginn des Kares und ist gerade noch erkennbar]

[Bild: Blick über die Blaueisspitze 2481 m. nach Nordosten ins Berchtesgadener Land  -  links der Untersberg 1972 m.  -  rechts der Hohe Göll 2522 m.]

[Bild: Blick nach Südosten zum Watzmann 2713 m.  -  rechts in der Ferne Steinernes Meer und Hochkönig 2941 m.]

[Bild: Blick zur Südlichen Wimbachkette  -  in der Mitte die Rotleitenschneid mit dem Hundstodkendelkopf 2396 m.  -  schräg links dahinter Gjaidkopf 2268 m. und Schneiber 2330 m.  -  im Hintergrund das Steinerne Meer mit dem langgezogenen Selbhorn 2655 m. und der Schönfeldspitze 2653 m.  -  rechts der Große Hundstod 2594 m.  -  rechts unten die Palfelhörner]

[Bild: Blick nach Süden zur Ofentalschneid mit dem Ofentalhörnl 2513 m. als höchstem Punkt  -  dahinter die Steintalschneid mit dem Steintalhörnl 2468 m. und dahinter wiederrum die Hocheisspitze 2523 m.  -  in der Ferne Leoganger - und Loferer Steineberge]

[Bild: Blick Richtung Südwesten  -  in der Ferne die Loferer Steinberge]

[Bild: Blick über Kleinkalter und Rotpalfen nach Nordwesten in Richtung Reiter Alm  -  in der Ferne die Chiemgauer Alpen]

Nachdem ich mich etwa eine Dreiviertelstunde auf dem Gipfel aufgehalten habe, mache ich mich schließlich auf ins Ofental. Vom Gipfel leiten Markierungen in Richtung Süden. In leichter Kletterei (Schwierigkeitsgrad I) geht es über gestufte Felsen zunächst ein Stück abwärts. Anschließend steige ich über eine unangenehm-abschüssige Geröll – und Lockerschuttflanke bergab.

[Bild: Abstieg vom Gipfel des Hochkalter]

Ich folge den Markierungen über eine mit feinem Geröll bedeckte Felsplatte bis zu einer mit sandigem Schutt und Blockwerk gefüllten Rinne.

[Bild: Immer den Markierungen folgend, geht es durch eine mit Geröll und Schutt gefüllte Rinne schräg bergab]

In etwa 2500 Meter Höhe begehe ich jedoch einen kapitalen Fehler. Mit ständigem Blick zu den im Südwesten immer dunkler werdenden Wolken und zur grandiosen Ofentalschneid direkt vor mir, werde ich leichtsinnig und verliere die Markierungen aus den Augen. Anstatt dem nach links abknickenden Weg und den Markierungen zu folgen, steige ich weiter geradeaus bergab. Über extrem-heikle und steile Geröllrinnen geht es ein Stück abwärts, bis mir nach kurzer Zeit mein dummer Fehler bewusst wird. Oberhalb einer gewaltigen Abbruchzone kehre ich um und steige frustriert (und mit Wut auf meine Unkonzentriertheit) die etwa 50 Höhenmeter wieder bergauf.

[Bild: Oberhalb dieser lebensgefährlich-heiklen Abbrüche kehrte ich um  -  die Steilheit und Abschüssigkeit ist auf dem Foto kaum ersichtlich]

Wieder oberhalb der abschüssigen Schuttrinnen angekommen, folge ich den Markierungen nach links in die Flanke.

[Bild: Auf einem gerölligen Pfad geht es nach links in die Flanke  -  im Hintergrund Steinernes Meer, Schönfeldspitze 2653 m. und Großer Hundstod 2594 m.]

Auf einem gerölligen Pfad geht es bis zu einer Anhöhe. Von dort geht es bergab in eine Einschartung mit einem großen roten Pfeil  -  welcher die Abstiegsrichtung vorgibt.

[Bild: Schönwandeck und Ofentalhörnl  -  im Hintergrund der Große Hundstod]

Über eine geröllige und schuttreiche Steilflanke geht es abwärts  -  das imposante Ofentalhörnl immer im Blick. Dieser einsame Gipfel kann theoretisch in mäßig schwieriger Kletterei (Schwierigkeitsgrad II) aus dem Ofental her bestiegen werden  -  in der Realität erhält das Ofentalhörnl aber nur sehr selten Besuch.

[Bild: Ofentalhörnl 2513 m.]

[Bild: Abstieg über eine steile Schutt - und Geröllflanke]

Nach der steilen Schuttflanke geht es auf einem gerölligen Pfad nach links bis zu einer Anhöhe. Von dieser leiten die Markierungen über eine mit Schutt und Geröll durchsetzte Felsflanke steil bergab ins Ofental  -  dem langen Hochkar zwischen Ofentalschneid und Hochkalter.

[Bild: Blick zurück zu der mit Geröll und Schutt durchsetzten Felsflanke]

Im Winter bietet das Ofental eine grandiose Skitour  -  im Sommer dient es in der Regel als Abstiegsroute vom Hochkalter. Über Blockwerk und Geröll geht es zunächst in einem Bogen bergab in den Grund des Kares.

[Bild: Im oberen Teil des Ofentales  -  im Hintergrund die Reiter Alm]

Anschließend geht es konstant in nordwestliche Richtung über Geröll, Schutt und Blockwerk das Ofental hinab.

[Bild: Abstieg durch das Ofental  -  im Hintergrund die Reiter Alm]

[Bild: Blick zurück Richtung Ofentalhörnl]

Im Blickfeld habe ich dabei immer die mächtigen Südabstürze der Reiter Alm  -  besonders die beiden Mühlsturzhörner machen einen fantastischen Eindruck und ich schmiede Pläne für zukünftige Touren. Mühsam und eintönig geht es durch das langgezogene Geröllkar zwischen Ofentalschneid und Hochkalter bergab, bis ich schließlich die Vegetationsgrenze erreiche.

[Bild: Blick zu den Südabstürzen der Reiter Alm  -  links der höchste Berg der Gebirgsgruppe: das Stadelhorn 2286 m.  -  davor Großes Mühlsturzhorn 2234 m. und Kleines Mühlsturzhorn 2141 m.  -  rechts die Grundübelhörner 2096 m. und 2084 m. sowie das Knittelhorn 2015 m.  -  im Hintergrund das runde Wagendrischelhorn 2251 m.]

[Bild: Blick zurück Richtung Ofental]

Auf markiertem Weg steige ich über begrünte und mit Felsblöcken durchsetzte Flanken abwärts. In einigen Serpentinen geht es schließlich steil bergab und ich erreiche die Baumgrenze.

[Bild: Abstieg in Richtung Klausbachtal]

Hatte es während des Abstiegs ins Ofental zeitweise so ausgesehen, als würde das Wetter tatsächlich schlecht werden, scheint mittlerweile wieder die Sonne. Dies  -  und die Tatsache, dass ich seit dem obersten Punkt des Ofentales kein Wasser mehr habe  -  macht den restlichen Abstieg dafür noch einmal deutlich anstrengender.

[Bild: Abstieg durch einen Bergwald Richtung Klausbachtal  -  im Hintergrund die Reiter Alm]

Während es auf einem angelegten Steig durch den Bergwald hinab geht, fällt mir die Abstiegsvariante über die Ofental-Diensthütte Richtung Hintersee ein. Dieser sogenannte „Luchsgang“ beginnt in der Nähe der Ofental-Diensthütte bei einem an einen Baum genagelten Pfeil  -  kann jedoch nur bedingt empfohlen werden. Häufig wird darüber berichtet, dass Bergsteiger den Pfad verloren haben und frustriert umkehren mussten. Dennoch soll an dieser Stelle eine kurze Beschreibung erfolgen: Nachdem man in etwa 1400 Meter Höhe die Abzweigung genommen und nach 5 Minuten die Ofental-Diensthütte passiert hat, führt der Luchsgang anschließend  -  meist leicht ansteigend  -  über einige Holzbrücken (Holzbretter ohne Geländer) an teilweise senkrechten Felswänden vorbei immer in nordöstliche Richtung. Der Pfad quert dabei einige Gräben und stellt hohe Anforderungen an Orientierungsvermögen und Wegfindigkeit. In einem Waldstück bei einer Windwurfzone verliert sich der Pfad  -  hier sollte man sich oberhalb halten und keinesfalls zu weit absteigen. Hat man den Pfad wiedergefunden, folgt man diesem anschließend immer weiter, bis der Luchsgang schließlich wieder auf den Normalweg mündet. Dieser ziemlich anspruchsvolle und mühsame  -  aber einsame  -  Pfad (Zitat Martin Becker: „ein finales Abenteuer“) sollte nur von denjenigen begangen werden, die sich über die Schwierigkeiten im Klaren sind und den Pfad nicht zufällig während des Abstiegs durch das Ofental auf der Karte entdeckt haben. Nichtsdestotrotz ist der Luchsgang einer dieser vergessenen Abenteuerpfade und für Bergsteiger  -  die den Herausforderungen gewachsen sind  -  ein landschaftliches Juwel. Ich bleibe auf der normalen Abstiegsroute und folge dem Weg durch den zunehmend dichter werdenden Bergwald immer weiter bergab.

[Bild: Auf breitem Weg geht es talwärts]

Nach einiger Zeit erreiche ich eine Forststraße. Auf dieser steige ich das letzte Stück hinab und schließlich kann ich meine Lebensgeister im eiskalten Klausbach wiedererwecken  -  noch nie in meinem Leben hat mir Wasser so gut geschmeckt! Beim Blick zu den Südabstürzen der Reiter Alm stelle ich überrascht und zugleich zufrieden fest, dass nun tatsächlich Wolken die Gipfel der umliegenden Berge einhüllen.

[Bild: Blick in Richtung Reiter Alm  -  über den Mühlsturzhörnern bzw. den Grundübelhörnern bilden sich dunkle Regenwolken]

Auch das Hochkaltermassiv scheint nun zunehmend in Wolken zu verschwinden und ich freue mich, dass ich es zeitlich und wettertechnisch mit der Tour anscheinend genau hinbekommen habe.

[Bild: Auch das Hochkaltermassiv verschwindet in Wolken]

Nach einer Pause bei der Lahnwald-Diensthütte folge ich einer bequemen  -  nach der langen Tour jedoch furchtbar eintönigen und scheinbar endlosen  -  Fortstraße durch das Klausbachtal nach Nordosten zurück zum Parkplatz Hintersee  -  wo ich nach 11,5 Stunden mein Auto wiedersehe.

[Bild: Durch das Klausbachtal geht es auf einer Forststraße zurück zum Parkplatz Hintersee]

Zieht man alle Hütten –, Gipfel – und Fotopausen ab, war ich nach 8 Monaten Pause doch eigentlich recht flott unterwegs  -  oder?

[Bild: Die Gipfel von Watzmann und Hochkalter verschwinden langsam in Wolken  -  rechts erkennt man den Blaueisgletscher sowie die Blaueisspitze 2481 m.]

[Bild: Blick in Richtung Blaueisgletscher und zur Blaueisspitze 2481 m.  -  der Gipfel des Hochkalter ist in Wolken verschwunden]

Alles in allem gilt die Hochkalter-Überschreitung zu Recht als eine der großartigsten alpinen Bergtouren der Berchtesgadener Alpen. Sie übertrifft die Watzmann-Überschreitung von den technischen Anforderungen her deutlich  -  aber auch insgesamt gesehen gehört die Besteigung des Hochkalters über den Schönen Fleck mit anschließendem Abstieg durch das Ofental vermutlich zu den anspruchsvollsten Bergtouren in den deutschen Alpen. Die Überschreitung des Hochkalters zählt zu den eindrucksvollsten, prestigeträchtigsten und lohnendsten Bergtouren der gesamten Nördlichen Kalkalpen und bietet dem Bergsteiger eine Reihe landschaftlich atemberaubend schöner Eindrücke und Aussichten. Nichtsdestotrotz sind das Beherrschen des Kletterschwierigkeitsgrades II sowie stetige Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und alpine Erfahrung entscheidende Grundvoraussetzungen für das sichere Gelingen der Tour. Ebenso sollte der Umgang mit schroffen Felsflanken sowie mit Geröll – und Lockerschuttpassagen geläufig sein. Als Tagestour ist die Hochkalter-Überschreitung konditionell sehr fordernd und nur wirklich gut trainierten bzw. fitten Bergsteigern anzuraten  -  2000 Höhenmeter im Auf – und Abstieg sowie 10-12 Stunden reine Gehzeit sprechen für sich. Wer jedoch alle technischen und konditionellen Anforderungen sicher beherrscht, gleichzeitig die Tour auch mit einer gewissen Umsicht und Demut angeht, der wird bei der Überschreitung des Hochkalters eine der grandiosesten und eindrucksvollsten Bergtouren weit und breit erleben  -  ein Gang hoch über gewaltigen Abbrüchen – dem Bergsteigerhimmel ein Stück näher.

[Bild: Auf dem schroffen und weltentrückten Gipfel des Hochkalter 2607 m.]

 

Nach oben