2010 – Großlitzner (3109 m.) - Überschreitung

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Schwierigkeit:   AD-  oder  ZS-   (T6+  oder  W6+)

Charakter:  Der Großlitzner gilt als der lohnendste Kletterberg der Silvretta. Von Osten wie von Westen präsentiert er sich als eleganter, senkrecht aufragender Felsturm. Dieser Berg ist aufgrund der ernsthaften Kletterei nur etwas für versierte Alpinisten. Fast durchgehend muss im Schwierigkeitsgrad II. geklettert werden. Zwei Stellen im Schwierigkeitsgrad III+ knapp unterhalb des Gipfels. Der Zustieg vom Litzner-Sattel zum Großlitzner verlangt große Umsicht mit bröckeligem Gestein, Geröll und Schotter. Bei der eigentlichen Kletterei hat man aber bombenfesten Fels unter den Fingern. Gletscherausrüstung in jedem Fall notwendig! Zudem muss das Abseilen sicher beherrscht werden. Insgesamt eine technisch anspruchsvolle Kletter - bzw. Hochtour, die große Erfahrung und Umsicht erfordert.

Gefahren:  Der Zustieg zum Großlitzner erfolgt entweder über einen heikel ausgeaperten Gletscher, oder über haarsträubend brüchige Felsen. Der sichere Umgang mit lockerem Geröll und Schutt sollte ebenfalls geläufig sein. Die eigentliche Kletterei ist ernsthaft und teilweise ziemlich ausgesetzt. Ohne alpine Erfahrung, Kondition und das Beherrschen der Abseiltechnik lebt man an diesem Berg gefährlich. Wie bei vielen Bergen solcher Art gilt: Wer bei guten Verhältnissen und sicherem Wetter die Schwierigkeiten voll beherrscht, sollte kaum Probleme bekommen.


16. Juli - 18. Juli 2010

Drei-Tages-Tour in die Silvretta zur Saarbrücker Hütte (2538 m.) mit Besteigung und Überschreitung des Großlitzners (3109 m.) - Aufstieg zur Saarbrücker Hütte von der Bielerhöhe. Abstieg zum Vermunt-Stausee.

Organisiert von Hans Werner und durchgeführt im Rahmen einer „DAV-Sektion Karpaten – Alpingruppe Adonis-Tour“  (10 Teilnehmer)

[Bild : Großlitzner 3109 m.]

1. Tag        Bielerhöhe  -  Saarbrücker Hütte

Ausgangspunkt ist der Silvretta-Stausee bei der Bielerhöhe (2030 m.)

Dies ist meine erste Hochtour des Jahres 2010, wobei diesmal auch Kletterkenntnisse gefragt sind. Vom Madlenerhaus (1986 m.) machen wir uns auf Richtung Saarbrücker Hütte, welche eine fantastische Lage, am Fuße des Kleinlitzners hat. Der Kleinlitzner kann über einen kurzen, aber feinen Klettersteig bestiegen werden. Gleich zu Beginn haben wir einen super Ausblick auf das Silvrettahorn (3244 m.)  -  einen stark vergletscherten, wunderschönen Berg.

Vom Madlenerhaus geht es zunächst über einen sanft ansteigenden Weg um die Kleine Lobspitze (2760 m.) herum Richtung Tschifernella. Die Lobspitzen-Kette baut sich im Südosten wie ein gigantisches Bollwerk über uns auf. Je länger wir gehen, desto anstrengender wird der Weg. Er ist jedoch immer gut markiert und nirgendwo schwierig. Die Saarbrücker Hütte wird daher auch von vielen Tagesgästen besucht. Als der Weg das erste Mal über Geröll führt und wir zu unserer Rechten die Zollwachhütte (2220 m.) erkennen sehen wir zum ersten Mal unser Ziel, den Großlitzner. Ursprünglich wollten wir nach dem Großlitzner auch noch das Große Seehorn (3121 m.) überschreiten. Warum dies nicht klappte, später mehr [...]

[Bild : von links: Großlitzner, Großes Seehorn und Kleinlitzner]

Wir steigen ein paar Meter ab und überqueren den Kromerbach, welcher vom Litzner-Gletscher gespeist wird. Nun geht es zunächst in Serpentinen aufwärts und schließlich im Linksbogen zur Saarbrücker Hütte. Von der Saarbrücker Hütte hat man einen spektakulären Blick auf Großlitzner und Großes Seehorn, die als das schönste Gipfelpaar der Silvretta gelten.

[Bild : Das schönste Gipfelpaar der Silvretta : Großlitzner und Großes Seehorn]

Für den Weg haben wir etwa 2 Stunden gebraucht, man kann sich aber auch mehr Zeit lassen, denn es gibt so viel schönes zu schauen. Je höher man steigt, desto fantastischer wird der Blick in die Ferne.

[Bild : Saarbrücker Hütte]

Die Saarbrücker Hütte ist eine sehr schöne Hütte, die ich jedem empfehlen kann. Sehr gemütlich, wunderschön gelegen und auf jeden Fall einen Besuch wert. Von der Terrasse kann man entweder endlos Richtung Norden in die Ferne schauen, oder man bewundert Großlitzner und Großes Seehorn. Wir besorgen uns unsere Zimmer, genießen das sehr gute Essen und planen die morgige Tour. Das Wetter soll zwar nicht sehr gut werden, aber wir werden ja sehen [...]

2. Tag        Saarbrücker Hütte  -  Litznersattel  -  Großlitzner  -  Litzner-Hochjoch  -  Litznergletscher  -  Saarbrücker Hütte

Wir wachen auf und schauen aus dem Fenster. Es ist trüb und ein wenig neblig.

[Bild : Großlitzner und Großes Seehorn]

Als wir jedoch eine Stunde später vor der Hütte stehen und in die Ferne sehen, verfliegt jegliche Sorge.

[Bild : Blick in die Ferne]

Wir starten unsere Mission mit dem Ziel : Großlitzner. Wir steigen zunächst von der Hütte ein Stück ab, bis wir einen Wegweiser erreichen. Unser Ziel ist zunächst der Litzner-Sattel (2737 m.)  -  Von dem Wegweiser führt der Weg zunächst über Geröll. Je höher wir kommen, desto häufiger sind Firnfelder der Fall, die jedoch nicht problematisch sind. Zur Rechten thront der Großlitzner  -  ein schmaler Felsturm  -  als ob er sagen wollte: "Ihr wollt auf mein Haupt, wir werden ja sehen..."

[Bild : Blick zurück zur Hütte und zum Kleinlitzner]

Im Litzner-Sattel angekommen, sehen wir im Südosten das Silvrettahorn.

[Bild: Zustieg zum Großlitzner  -  links im Hintergrund der Gipfel]

Wir wenden uns nach rechts, Richtung Südostgrat. Man hat nun die Alternative: Entweder man steigt über den Gletscher auf, oder man geht rechts über das Geröll. Wir entschließen uns für Letzteres, was ein großer Fehler ist.

[Bild : Gletscher]

Der Weg ist in einem katastrophalen Zustand. Jeder noch so kleine Stein rutscht uns unter unseren Füßen weg. Auch jetzt sind wir die einzigen Menschen weit und breit. Es herrscht akute Steinschlaggefahr. Wir plagen uns und brauchen sehr lange, bis wir den Einstieg nördlich des Winterbergs (2931 m.) erreicht haben.

[Bild : auf dem Weg zum Großlitzner]

Über eine Steilstufe und über gestuftes Gelände geht es weiter. Im Kar geht es weiter zum Grenzkamm. Wir bewegen uns unter dem Grat in der Flanke und umgehen einige kühne Türme. Die Schwierigkeiten liegen konstant im II. Grad. Die Aussicht ist unterdessen gigantisch. Wir haben eine großartige Aussicht auf die berühmtesten Silvretta Gipfel: Piz Buin (3312 m.)  -  Fluchthorn (3398 m.) und Silvrettahorn (3244 m.)

[Bild : In der Mitte das Silvrettahorn  -  direkt rechts daneben der Piz Buin  -  ganz rechts der Piz Fliana 3281 m.]

Wir umklettern den Großlitzner, bis wir unter dem Hauptgipfel in einer sehr luftigen Scharte stehen. Wer nicht schwindelfrei ist, hat hier nichts verloren! Von hier sind es noch etwa 150 Höhenmeter bis zum Gipfel. Wir brauchen relativ lange, doch das ist aufgrund der Größe unserer Truppe (10 Leute) nicht verwunderlich. Es warten vor allem noch die Schlüsselstellen der Tour: ein luftiger Quergang bzw. ein kurzes senkrechtes Stück (Schwierigkeitsgrad III+)

Nach insgesamt 6 Stunden haben wir den Gipfel erreicht. Wir haben es geschafft, stehen auf dem Großlitzner (3109 m.) - Die Aussicht von dort oben ist einfach unbeschreiblich. Es ziehen zwar sehr schnell bedrohliche Wolken auf, trotzdem hat die unvergessliche Aussicht ein paar Minuten Zeit sich in unser Herz einzubrennen. 

[Bild : auf dem Gipfel des Großlitzner 3109 m.]

Nach kurzer Zeit entschließen wir uns weiterzugehen, da das Wetter böse Kunde tut. Es verschlechtert sich mit jeder Minute. Über den senkrecht abfallenden Westgrat seilen wir uns zunächst in 3 Seillängen ins Litzner Hochjoch ab, wo wir uns entschließen - aufgrund des unsicheren Wetters auf das Große Seehorn zu verzichten. Darüberhinaus haben wir einfach zu lange gebraucht.

[Bild : Westgrat des Großlitzner]

Das bedeutet wir müssen über den sogenannten "Not Ausstieg" auf den Litznergletscher und Richtung Nord-Westen über den Gletscher zur Hütte. Vom Litzner-Hochjoch müssen wir uns zunächst sehr steil auf den Gletscher abseilen. Allerdings hat mir mein Instinkt Recht gegeben, das Wetter hat sich stark verschlechtert. Nebel ist aufgezogen, wir haben kaum 25 Meter Sicht. Dann passiert, was ich befürchtet hatte. Einer unserer Tourenteilnehmer, Vladimir, stürzt in eine Gletscherspalte. Allerdings gleich hier Entwarnung: Es geht alles gut, die 3 Erfahrensten eilen sofort zu ihm und bergen ihn. Die Spalte ist zwar nicht tief, dennoch ist er etwa 3 Meter hinunter gefallen. Außer ein paar Schrammen hat er zum Glück nichts. Doch dies ist noch nicht das Ende. 10 Minuten später rutscht ein anderer Tourenteilnehmer aus und zieht 4 Andere (inklusive mir) etwa 20 Meter mit. Es geht glimpflich aus, ich muss mich dennoch von einer etwa 45° steilen Blankeisstelle retten.

 [Bild : Auf dem Litznergletscher bei Nebel]

Nach diesen beiden Schrecksituationen wird jedoch alles besser. Nach kurzer Zeit haben wir ebenes Gletschergelände erreicht. Als ob der Großlitzner seine Wut an uns ausgelassen hätte, dass wir ihn bezwungen haben. Umso kurioser ist, dass daraufhin, innerhalb von 5 Minuten der Nebel komplett abzieht. Was für eine letzte Stunde! Ich glaube soviel Adrenalin hat mein Körper in einer Stunde noch nie ausgeschüttet. Nach kurzer Zeit erreichen wir das Ende des Gletschers und queren auf den Weg, auf dem man normalerweise vom Großen Seehorn zurück kommt. Wir gehen Richtung Nord-Osten und erreichen zügig die Hütte.

Ich bin heilfroh, dass doch noch alles gut ausgegangen ist. Am Ende waren wir 12 Stunden unterwegs. Ich bin fix und fertig. Wir genießen unser wohlverdientes Abendessen und freuen uns über unser (gerade noch mal gut gegangenes) Abenteuer. 

3. Tag        Saarbrücker Hütte  -  Vermunt-Stausee

Ursprünglich wollten wir an diesem Tag noch den Klettersteig auf den Kleinlitzner gehen, der erneut aufgezogene Nebel zwingt uns jedoch früh zum Vermunt-Stausee abzusteigen. Drei von unserer Truppe gehen den Hinweg um die Autos zu holen, der Rest geht den Weg durch das Kromertal. Nach 2,5 Stunden stehen wir an den Ufern des Vermunt-Stausees und freuen uns über unseren Gipfelsieg und dass alle gesund und munter wieder im Tal sind.

[Bild : Vermunt-Stausee]

Mein Fazit über die Tour fällt postiv aus. Es war richtig - trotz der mittelmäßigen Wetterprognose aufzusteigen, wir haben schlicht zu lange gebraucht. Diese Tour sollte besser von kleineren (2-3 Leute) Seilschaften angegangen werden.

In jedem Fall kann ich sagen, dass der Großlitzner der Berg ist, für den ich bis zu diesem Zeitpunkt am meisten kämpfen musste. Und genau deswegen ist er auch so wertvoll. Er verlangt viel und gibt viel zurück. Und genau deswegen bin ich besonders stolz auf mich.

 

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