2011 – Großglockner (3798 m.)

stefanmitterer.de

 


Schwierigkeit:   PD+  oder  WS+

Charakter:  Kletterei bis zum Schwierigkeitsgrad II+ und Firn bis 45° Grad. Die Besteigung des Großglockners ist eine anspruchsvolle, kombinierte Hochtour. Solide Hochtourenerfahrung ist in jedem Fall nötig. Der Weg von der Stüdlhütte zur Erzherzog-Johann-Hütte führt über einen recht spaltenarmen Gletscher  -  dennoch sollte man auf anseilen nicht verzichten. Die Ausaperung schafft zu fortgeschrittener Jahreszeit am Großglockner teils heikle Verhältnisse. Nach dem steilen Glocknerleitl muss eine äußerst steile Rinne durchklettert werden, bei der die Verhältnisse ganz entscheidend für die Schwierigkeit sind. Am eigentlichen Grat erleichtern zwar Sicherungsstangen die Kletterei, dennoch ist stets große Vorsicht geboten. Die obere Glocknerscharte ist eine Engstelle und sehr ausgesetzt bzw. luftig. Ohne komplette Trittsicherheit und Schwindelfreiheit riskiert man an diesem Berg Kopf und Kragen. Bei schönem Wetter werden eventuelle (Gipfel-) Freuden häufig durch Staus getrübt. Am Gipfel (aber auch an der Erzherzog-Johann-Hütte) hat man ein grandioses Panorama. Zudem besitzt der Berg Prestige bzw. Symbolkraft, wie sonst nur das Matterhorn oder der Mont Blanc.

Gefahren:  Am Großglockner sind nicht die objektiven, sondern die subjektiven Gefahren entscheidend. Bei entsprechender Ausrüstung und Erfahrung ist der Anstieg wenig riskant. Dennoch sollten die Sicherungsstangen und die Nähe zur Adlersruhe nicht darüber hinwegtäuschen, dass man an einem alpinen Berg unterwegs ist, der schon dutzende Todesopfer gefordert hat. Aufgrund der Attraktivität des Berges sind auf dem Normalweg häufig auch Menschen unterwegs, die der Situation nicht gewachsen sind. Daher muss man beispielsweise immer mit fremdverschuldetem Steinschlag rechnen. Auch zählen am Großglockner bei vielen weniger bergsteigerische Kameradschaft, als Ehrgeiz und Egoismus. Aus den unter „Charakter“ verfassten technischen Schwierigkeiten resultieren logischerweise auch Gefahren, die jedoch  -  wie bereits erwähnt  -  bei entsprechendem Können vermieden werden können.


27. August  -  28. August 2011

Zwei-Tages-Tour in die Glocknergruppe zur Stüdlhütte (2801 m.) mit Besteigung des höchsten Berges von Österreich - des Großglockners (3798 m.) - Aufstieg von der Stüdlhütte zur Erzherzog-Johann-Hütte und von dort über das Glocknerleitl und den Kleinglockner auf den Großglockner. Abstieg wie Aufstieg.

Organisiert von Bergführer Karl Hegele  (5 Teilnehmer)

[Bild: Großglockner 3798 m.  -  höchster Berg Österreichs und der Hohen Tauern]

[Bild: Auf der Gratschneide des Kleinglockners  -  mit Blick zum Hauptgipfel]

1. Tag        Lucknerhaus  -  Lucknerhütte  -  Stüdlhütte

Der Großglockner ist ein Berg der Superlative. Er ist der höchste Berg Österreichs und der Hohen Tauern. Der nächsthöhere Berg  -  die Königsspitze  - ist 175 Kilometer entfernt. Er ist der topografisch zweitselbstständigste Berg der gesamten Alpen, nur übertroffen vom Mont Blanc. Die ihn nord - / nordostseitig umgebende Pasterze ist der größte Gletscher der gesamten Ostalpen. Er ist einer der begehrtesten und bedeutendsten Gipfel der gesamten Alpen und ein großer Anziehungspunkt für Alpinisten. Er bietet eine große Vielfalt an Aufstiegsmöglichkeiten, von denen einige zu den alpinsten und großartigsten in den Ostalpen gehören. Die in 3454 Meter Höhe liegende Erzherzog-Johann-Hütte ist die höchstgelegene Schutzhütte der Ostalpen. Mit der ersten Besteigung am 28. Juli 1800 begann auch in den Ostalpen die Eroberung der hohen Gipfel. [Wer mehr über den Großglockner lesen möchte, kann sich beispielsweise den ausführlichen und sehr informativ geschriebenen Wikipedia-Artikel vornehmen]

Nachdem ich diesen Sommer bereits die Wildspitze bestiegen habe, reizt mich der Gedanke, den höchsten Berg Österreichs zu besteigen. Aber wie soll ich das schaffen? Niemand in meinem Sektions - / Freundes - / Bekannten – oder Verwandtenkreis hat Pläne, Zeit oder Lust auf solch eine anspruchsvolle und recht kurzfristige Hochtour. Ich entschließe mich, mich zum ersten Mal in meinem Leben einem Bergführer anzuvertrauen. Bei „Hauser Exkursionen“ melde ich mich für eine 2-Tages-Tour auf den Großglockner an. Erfahrung, Können und Kondition stimmen bei mir, lediglich mein Stolz ist ein bisschen angekratzt, dass ich mich an einen Bergführer wenden muss, um eine solche Hochtour zu unternehmen. Dann wiederrum sage ich mir, dass es nach etwas mehr als 3 Jahren Bergsteigen und in einem Alter von 17 Jahren keine Schande ist. Dennoch habe ich mir vorgenommen, bei der Tour möglichst selbstständig zu agieren  -  auch damit ich hinterher nicht das Gefühl habe, dass der Bergführer mich „hochgetragen“ hat.

Geplanter Ausgangs – und Treffpunkt für unsere Gruppe ist das Lucknerhaus. Dieses privat bewirtschaftete Berghotel richtet sich vornehmlich an Touristen, ältere Menschen und Familien und dient dem gemeinen Bergsteiger lediglich als Parkplatz. Den überwiegenden Teil zieht es Richtung Stüdlhütte  -  so auch uns  -  dennoch bieten sich von hier aus noch viele weitere Tourenmöglichkeiten an: Glorerhütte, Böses Weibl (3119 m.) oder sogar der lange Übergang in die Schobergruppe sind Optionen für Wanderer und Bergsteiger.

[Bild: Blick vom Lucknerhaus zum Ködnitzkees und zum wolkenverhangenen Großglockner]

Pünktlich erreichen alle Tourenteilnehmer das Lucknerhaus. Insgesamt sind wir fünf Leute  -  neben Bergführer Karl Hegele ist auch eine angehende Tourenleiterin vom DAV dabei (die schon 7x Mal über den Stüdlgrat auf den Großglockner geklettert ist!) Ich verstehe mich mit Allen sehr gut und freue mich auf die kommenden 24 Stunden. Nach einer allgemeinen Begrüßung und einer kurzen Erläuterung des heutigen Programms machen wir uns auf Richtung Stüdlhütte. Die Wettervorhersage für dieses Wochenende ist unterdessen relativ unsicher. Grundsätzlich war  Sonntag  -  Gipfeltag  - schönes Wetter vorhergesagt. Vorher soll es jedoch angeblich ein kurzes Gewitter geben  -  nun wir werden ja sehen. In jedem Fall ist vom Großglockner nicht viel zu sehen, lediglich der Rand des Ködnitzkees ist einsehbar. Oberhalb von 3000 Metern bilden sich langsam aber sicher immer düstere Wolken. Es wird bald sehr stark regnen  -  deswegen verschwenden wir keine Zeit und folgen vom Lucknerhaus einem klar vorgegebenen und ausgeschilderten Weg Richtung Lucknerhütte. Auf der rechten (östlichen) Bachseite geht es auf einem angelegten Weg zunächst relativ eben Richtung Lucknerhütte. Nach kurzer Zeit führt der Weg in offeneres Weidegelände.

[Bild: Auf dem Weg zur Lucknerhütte]

Schließlich leitet der Weg auf eine breite Fahrstraße, durch welche die Lucknerhütte beliefert wird.

[Bild: Links die für die Glocknergruppe typischen "Bratschen"  -  in diesem Fall Schieferfelsen]

Auf dieser Straße steigen wir mäßig steil in vielen Windungen zwischen begrünten Hängen aufwärts und erreichen bald die Lucknerhütte (2241 m.)  -  Wir machen jedoch nur kurz Pause, denn noch regnet es nicht und wir wollen die Stüdlhütte vor dem Schlimmsten erreichen.

[Bild: Lucknerhütte]

Von der Hütte folgen wir einem nun wieder schmaleren Weg an begrünten Berghängen Richtung Norden. Schließlich überqueren wir den Bach und passieren kurz darauf eine Wegabzweigung. Wir wählen logischerweise nicht den Johann-Stüdl-Weg Richtung Salmhütte, sondern folgen dem Weg Richtung Stüdlhütte. Von nun an zieht der Weg im Vergleich zu vorher deutlich an. Es weist zwar auch weiterhin kaum technische Schwierigkeiten auf, er nimmt jedoch an Steilheit zu und ist in jedem Fall anstrengender als das Bisherige. Das hat aber auch etwas Gutes  -  so machen wir schneller Höhenmeter  -  und das ist auch gut, denn schließlich passiert das, was alle befürchtet haben  -  das Gewitter entlädt sich.

[Bild: Auf dem Weg zur Stüdlhütte]

Während wir dem Weg in vielen Kehren über begrünte und von Felsplatten durchsetzte Berghänge Richtung Nordwesten folgen, wird aus dem Regen langsam eine Mischung aus Hagel und Schnee. Dadurch, dass zudem ein eiskalter und starker Wind weht, haben wir äußerst unangenehme Bedingungen. Von den umliegenden Bergen ist mittlerweile nichts mehr zu sehen und so hoffen wir, dass wir bald die Hütte erreichen. Neben uns sind nur wenig andere Bergsteiger unterwegs  -  die Meisten sind wohl bereits in der warmen Hütte. Nach einiger Zeit verlassen wir die begrünten Berghänge und steigen auf einem Gemisch aus Steinen, Erde, Schotter, Geröll und Schnee in einigen Kehren die letzten Höhenmeter Richtung Hütte.

[Bild: Knapp unterhalb der Stüdlhütte]

[Bild: Blick zurück auf einen Teil des Aufstiegswegs]

Wir sind alle sehr erleichtert, als wir schließlich die Stüdlhütte  -  und damit unser Tagesziel  -  erreichen.

[Bild: Der Daumen nach oben bezieht sich nicht auf das Wetter]   :)

Da wir mit einem Bergführer unterwegs sind, ist alles bereits reserviert bzw. organisiert. Den restlichen Tag verbringt Jeder auf seine Weise. Ich schaue mich ausgiebig in der großen Hütte um und unterhalte mich mit anderen Bergsteigern. Von fast Allen kriege ich die gleiche Antwort  -  der Großglockner ist das Ziel, ob nun über den Normalweg oder den Stüdlgrat.

An dieser Stelle noch ein paar Worte über die Hütte: Die Stüdlhütte (2801 m.) gehört der Sektion Oberland des DAV. Sie besitzt 2 Betten, 106 Lagerplätze, 10 Notlager sowie einen stets geöffneten Winterraum. Bereits 1868 wurde die erste Hütte errichtet. Über die Jahre hinweg gab es viele Umbauten und Erweiterungen, bis von 1993 bis 1996 schließlich die heutige moderne Hütte errichtet wurde. Namensgeber für die Hütte ist Johann Stüdl, Gründer des Kalser Bergführer Vereins und ein engagierter Erschließer der Glocknergruppe. Die Hütte ist in der Regel das Ziel von Alpinisten und ambitionierten Bergsteigern, die eine der unzähligen Routen am Großglockner im Sinn haben, aber auch Tagesgäste haben bei schönem Wetter einige Tourenmöglichkeiten (Fanatkogel 2905 m.  oder Schere 3037 m.) zur Auswahl. In jedem Fall ist die Stüdlhütte eine der wichtigsten Bergsteigerunterkünfte der Glocknergruppe und eine klassische  -  wenn auch sehr moderne  -  Schutzhütte in den Ostalpen.

Am Abend bzw. späten Nachmittag hört schließlich das Gewitter auf und ich wage mich vor die Hütte.

[Bild: Stüdlhütte]

[Bild: Blick von der Hütte Richtung Südosten  -  etwas oberhalb der Bildmitte sind die Drahtseile der Materialseilbahn der Erzherzog-Johann-Hütte erkennbar]

[Bild: Der Weg Richtung Ködnitzkees führt rechts um den Kamm der "Schere" 3037 m. herum  -  der Weg Richtung Stüdlgrat links herum]

Anders als ich gehofft hatte, ist der Großglockner von der Hütte aus verdeckt und nicht sichtbar. Dafür sind alle umliegenden Berge mit Neuschnee bedeckt und wirken dadurch noch einmal ein gutes Stück wilder und alpiner.

[Bild: Die Glocknergruppe ist tief verschneit]

Ich verbringe den Abend damit Fotos zu schießen und als es schließlich Abendessen gibt, bin ich sehr überrascht. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich in einer Berghütte Büffetauswahl. Zudem kann man sich theoretisch so viel und so oft nehmen wie man will (wobei man sich trotzdem nicht mehr als 1-2 mal Nachschlag nehmen sollte). Das Essen ist wirklich hervorragend (angeblich gibt es ja auf dieser Hütte das beste Essen in den Ostalpen)  -  wobei es nach meiner Meinung trotzdem nicht an das Abendessen im Taschachhaus herankommt.

[Bild: Die andere Seite der Stüdlhütte  -  im Hintergrund die Schere 3037 m.]

[Bild: Blick von der Hütte Richtung Westen]

Nach dem Abendessen besprechen wir den morgigen Tag. In einem Rutsch wird es morgen auf den Gipfel und dann wieder runter gehen. Natürlich wird es Pausen an der Erzherzog-Johann-Hütte geben, dennoch haben wir morgen ein strammes Programm vor uns und so gehen wir zeitig schlafen. Da anscheinend auch das Wetter mitspielen wird, freue ich mich auf den morgigen Tag und schlafe zuversichtlich ein.

[Bild: Hinter den hohen Bergen der Glocknergruppe geht die Sonne unter]

2. Tag        Stüdlhütte  -  Ködnitzkees  -  Erzherzog-Johann-Hütte [Adlersruhe]  -  Kleinglockner  -  Großglockner  -  Kleinglockner  -  Erzherzog-Johann-Hütte  -  Ködnitzkees  -  Stüdlhütte  -  Lucknerhütte  -  Lucknerhaus

Schon sehr viele Menschen kamen voller Erwartungen zum Großglockner  -  in der Hoffnung den Berg bei traumhaftem Wetter zu besteigen  -  und wurden dann bitter enttäuscht, wenn der Gipfel sich in Wolken hüllte. Und zum großen Erlebnis wird dieser Berg nur dann, wenn man auch etwas vom grandiosen Panorama hat, dass einem nicht nur vom Gipfel, sondern während einem Großteil des Aufstiegs geboten wird.

[Bild: Auf dem Weg Richtung Ködnitzkees]

Wir machen uns in absoluter Dunkelheit und bei vollkommen klarem Himmel auf Richtung Ködnitzkees und ich spüre die gewaltige Euphorie, die mich jedes Mal packt, wenn ich genau weiß, dass mir ein (beinahe) unbeschreiblicher Tag in den Bergen bevorsteht. Anders als früher üblich, führt der Normalweg Richtung Adlersruhe heutzutage nicht mehr zunächst Richtung Teischnitzkees und dann über die Schere (3037 m.) auf das Ködnitzkees, sondern östlich um diesen Kamm herum. Daher folgen wir einem mit Neuschnee bedeckten Pfad Richtung Nordosten. Um die südöstlichsten Ausläufer der Schere geht es mäßig steil aufwärts. Über ein paar kleinere Felsbarrieren geht es geradeaus Richtung Gletscher. Nun offenbart sich auch der Großglockner in seiner ganzen Pracht. Einer ebenmäßigen Pyramide gleich, erhebt sich seine etwa 600 Meter hohe Südwand aus den ihn umgebenden Gletschern.

[Bild: Während des Aufstiegs Richtung Ködnitzkees kommen wir der Großglockner Südwand immer näher]

Östlich des Bergkammes geht es über Felsblöcke, Geröll, Schnee und Eis Richtung Gletscher. Mit jedem Höhenmeter weitet sich das Panorama und ich genieße jeden Schritt in vollen Zügen. Zunehmend treten Fels und Geröll zurück und schließlich betreten wir den Gletscher. Das Ködnitzkees ist ein vergleichsweise harmloser Gletscher. Natürlich hat auch er Spalten und sollte nur mit kompletter Hochtourenausrüstung begangen werden, verglichen mit dem Taschachferner oder dem Grenzgletscher, ist die Anzahl der „Falltüren“ aber gering. Daher begehen wir auch den unteren, weniger steilen und relativ harmlosen Teil des Gletschers seilfrei.

[Bild: Auf dem unteren Teil des Ködnitzkees  -  immer im Banne der Großglockner Südwand]

In einem Bogen steigen wir unter die Südwand des Großglockners, wo wir eine etwas größere Pause machen und uns schließlich auch anseilen. Während der Pause beobachte ich einige andere Gruppen, welche beispielsweise direkt unter Südwand Richtung Stüdlgrat entlanggehen oder wie wir Richtung Adlersruhe streben.

[Bild: Von allen Seiten bietet der Großglockner einen imposanten Anblick]

In einem weiten Bogen steigen wir zunehmend steiler bergauf Richtung Osten.

[Bild: Aufstieg über den oberen Teil des Gletschers]

Teilweise überqueren wir recht tiefe und breite Spalten  -  ansonsten sind objektive Gefahren aber kaum vorhanden.

[Bild: Eines der wilden Spaltensysteme des Gletschers]

Über das Ködnitzkees steigen wir immer weiter bergauf in Richtung einer großen Firnmulde unterhalb der Randkluft. Mit einigen beherzten Schritten geht es  -  leicht ausgesetzt  -  über diese hinweg auf den Felssporn östlich des Gletschers.

[Bild: Überwindung der Randkluft]

Diesem folgen wir über eine Mischung aus gefrorenen Felsplatten und Schnee Richtung Norden. Erstmals haben wir nun auch eine freie Sicht Richtung Osten und selbst der Großvenediger im Westen wird nicht mehr verdeckt. Etwas weiter oben wird der Felssporn zunehmend schmaler.

[Bild: Aufstieg Richtung Erzherzog-Johann-Hütte]

Über teils vereiste Felsblöcke bzw. mit Hilfe von Drahtseilen geht es die letzten Höhenmeter steil nach oben.

[Bild: Drahtseile erleichtern den steilen Aufstieg zur Adlersruhe]

Schon während des Aufstiegs über den Felssporn bin ich von der Aussicht fasziniert. Doch all dies wird noch deutlich überboten, von dem gigantischen Panorama, das sich uns von der Erzherzog-Johann-Hütte (3454 m.) bietet. Die Aussicht von dieser höchsten Schutzhütte der gesamten Ostalpen ist atemberaubend und unbeschreiblich  -  man muss sie erlebt haben!

Ebenso wie bei der Stüdlhütte  -  auch hier ein paar Informationen über dieses „Wolkenschloss“: Die Erzherzog-Johann-Hütte (3454 m.) wurde im Jahr 1880 erbaut und im letzten Jahrhundert mehrmals erweitert. Heutzutage besitzt diese höchste Schutzhütte der Hohen Tauern, Österreichs und der gesamten Ostalpen 130 Schlafplätze. Neben dem Aufstieg von der Stüdlhütte über das Ködnitzkees, ist die Hütte auch von der Salmhütte über das Hohenwartkees, sowie von der Hofmannshütte über die Pasterze und das Hofmannskees erreichbar  -  wobei der letztgenannte Zustieg bedingt durch die Ausaperung nur noch selten begangen wird. Fast Alle die diese Hütte ansteuern, haben den Großglockner als Ziel. Die Erzherzog-Johann-Hütte erleichtert, entschärft und verkürzt den Aufstieg zum Gipfel erheblich und ist insbesondere für Alpinisten enorm wichtig, die den Berg über eine schwierige alpine Route (z.B. Pallavicinirinne) erklommen haben. Die Hütte hat eine Aussicht wie sonst nur wenige Hütte in den Alpen und ist mit Sicherheit eine der außergewöhnlichsten und eindrucksvollsten Schutzhütten in den Ostalpen.

[Bild: Blick von der Erzherzog-Johann-Hütte zum Großglockner]

[Bild: Tiefblick auf das Ködnitzkees]

[Bild: Die Erzherzog-Johann-Hütte bietet eine Aussicht, wie sonst nur wenige Schutzhütten in den Ostalpen]

Wir machen kurz Pause und genießen die atemberaubende Aussicht. Allzu lange halten wir uns jedoch nicht an der Hütte auf  -  der Gipfel ruft! Das Wetter ist gigantisch und so machen wir uns frühen Vormittag von der Hütte auf Richtung Gipfelaufbau. Entlang eines Felsrückens geht es über Schnee und Blockwerk zunächst in Richtung Glocknerleitl.

[Bild: Über Felsblöcke und Schnee geht es Richtung Glocknerleitl]

Diese Firnflanke vor dem Gipfelaufbau des Großglockners ist eine der kritischsten Passagen des Aufstiegs. Das Glocknerleitl ist in der Regel etwa 40-45° steil und häufig vereist. An dieser Firnflanke hat es  -  beispielsweise bei (hektischen) Überholmanövern  -  schon einige Tote gegeben [erst ein paar Tage zuvor war hier ein Bergsteiger abgestürzt und mit dem Kopf gegen einen der großen Felsblöcke am Fuß der Flanke geprallt, wobei es leider gestorben ist].

[Bild: Am Fuße des Glocknerleitls]

Auch in unserem Fall ist die Firnflanke beinhart, jedoch ermöglicht eine relativ breite Spur eine problemlose Überwindung. Oberhalb des Glocknerleitls steigen wir über Firn in Richtung der Felsen.

[Bild: Auf dem Weg Richtung Gipfelaufbau]

Bedingt durch die Ausaperung hat man am Beginn des Gipfelaufbaus nun eine ziemlich heikle Rinne zu überwinden. Hier zu sichern ist recht schwierig. Bei schlechtem Wetter oder extremer Vereisung ist diese Rinne absolut lebensgefährlich. Möglicher Steinschlag sollte hier auch in Erwägung gezogen werden.

[Bild: In der steilen Rinne]

Wir haben an diesem Tag relativ gute Bedingungen  -  dennoch bin ich froh, als wir diesen Teil des Aufstiegs bewältigt haben. Während man früher diesen Teil über mäßig steilen Firn überwand, besteht der heutige Untergrund (im Spätsommer) aus losem Kies, Steinen und Blankeis. Daher sollte man den Großglockner besser vor Mitte Juli besteigen, wenn man noch genug Schnee vorfindet. Neben uns sind an diesem Tag noch unzählige anderer Gruppen unterwegs. Ich wusste zwar, dass es an diesem Berg häufig zu „Staus“ kommt, dennoch bin ich von der großen Masse an Bergsteigern ziemlich überrascht. Auch Karl meint, dass er noch nie so viele Menschen am Großglockner gesehen hat. Mich persönlich stören die Menschen zwar nicht so sehr  -  ich nehme es ebenso hin wie es ist  -  dennoch sollte sich unser Gipfelaufstieg aufgrund der Staus um über eine Stunde (!) verlängern.

[Bild: Tiefblick auf die steile Rinne]

Nachdem wir die heikle Rinne überwunden haben, geht es über eine grobgriffige  -  aber mit Bohrhaken versehende  -  Wand auf eine Schulter des Ostgrates. Immer wieder müssen wir anhalten, um Gegenverkehr vorbeizulassen  -  mir sind diese 20-Sekunden-Pausen aber immer sehr recht, da ich so viele Fotos schießen kann. In grober Kletterei (Schwierigkeitsgrad II.) geht es über große Felsblöcke steil bergauf.

Bild: Am Gipfelaufbau des Kleinglockners]

Während des Aufstiegs kann mit Hilfe der in den Felsen verankerten Eisenstangen gesichert werden. Oben auf der Gratschneide geht es äußerst ausgesetzt über zwei heikle Scharten in Richtung Kleinglockner.

[Bild: Auf der ausgesetzten Gratschneide des Kleinglockners  -  im Hintergrund der Großglockner]

Als wir diesen erreichen, baut sich vor uns der Hauptgipfel auf. Nun trennen uns nur noch 80 Meter Luftlinie vom höchsten Punkt Österreichs.

[Bild: Unser Bergführer beim Sichern  -  hinter ihm baut sich der Großglockner auf]

Von der schmalen Schneide des Kleinglockners geht es mit Hilfe von Drahtseilen steil hinab in die Obere Glocknerscharte. Dieser kleine Sattel zwischen Groß – und Kleinglockner wird in der Literatur und im Internet häufig als schwierigste Stelle des Aufstiegs bezeichnet. Sie ist zwar ziemlich ausgesetzt, schmal und luftig, ich persönlich empfinde sie aber als nicht so problematisch  -  vielleicht aufgrund des Drahtseils? In jedem Fall sollte sich immer nur ein Bergsteiger in der Scharte befinden und die Überquerung sollte sehr vorsichtig angegangen werden, da diese Scharte häufig vereist ist.

[Bild: In der Oberen Glocknerscharte]

Berühmt ist sie aber vor allem auch, weil sie den Endpunkt der höllisch steilen Pallavicinirinne bildet. Von der Scharte bietet sich ein ziemlich eindrucksvoller Blick in diese steile Rinne. Aufgrund der sich stetig verbessernden Eisgeräte hat die Pallavicinirinne nicht mehr den unheimlichen Status von früher, aufgrund von zunehmendem Steinschlag ist sie aber in den letzten Jahren riskanter geworden  -  die durchschnittliche Steilheit von 55-60° ist geblieben.

[Bild: Pallavicinirinne]

Jenseits der Scharte geht es in grobgriffiger und recht steiler Kletterei (Schwierigkeitsgrad II/II+) bergauf.

Bild: Die letzten steilen Meter Richtung Gipfel]

Die letzten Meter steige ich wie in Trance, mir ist nicht so richtig bewusst, dass ich mich auf dem Gipfel des Großglockners befinde  -  da ist es, das Gipfelkreuz  -  3798 Meter über dem Meer  -  der höchste Berg von ganz Österreich, wir haben es geschafft!

[Bild: Auf dem Gipfel des Großglockners]

Ähnlich wie am Ortler ein Jahr zuvor bin ich absolut sprachlos. Die anderen Bergsteiger um mich herum reden über das was sie sehen, ich dagegen setze mich neben das Kreuz und schaue einfach – schaue und genieße.

[Bild: Blick auf die wilde Glocknerwand 3722 m.  -  aus den Weiten der Pasterze erhebt sich der Johannisberg 3453 m.]

[Bild: Blick zum Großvenediger 3662 m.]

Bild: Vom Gipfel des Großglockners überblickt man die gesamte Pasterze  -  rechts in der Ferne das Große Wiesbachhorn 3564 m.]

[Bild: Blick Richtung Süden in die Granatspitzgruppe]

[Bild: Blick nach Südosten  -  in der Mitte der Endpunkt der Pasterze und der Großglockner-Hochalpenstraße]

Die Aussicht vom Gipfel des Großglockners ist gigantisch  -  man überblickt einen Großteil der Pasterze bzw. des Pasterzenbodens, sowie alle den Großglockner umgebenden Gipfel: Fuscherkarkopf (3331 m.)  -  Großes Wiesbachhorn (3564 m.)  -  Bärenköpfe  -  Johannisberg (3453 m.)  -  Glocknerwand (3722 m.)  -  alle müssen sie hinter dem Großglockner zurücktreten. Neben der Granatspitzgruppe und der Schobergruppe, grüßt aus der Ferne noch der zweitmarkanteste Berg der Hohen Tauern: der Großvenediger (3662 m.)  -  Wir bleiben etwa eine Viertelstunde am Gipfel und machen uns schließlich bereits für den Abstieg. Der Weg zurück zur Stüdlhütte bzw. zum Lucknerhaus ist noch weit. Als wir vom Gipfel in die Obere Glocknerscharte abklettern (was erstaunlich leichter geht es der Aufstieg)  -  sehen wir sofort, dass wir nicht die letzten gewesen sind, die heute  -  bei diesem Kaiserwetter  -  auf den Gipfel wollen. Sehr, sehr viele Bergsteiger befinden sich auf dem Gipfelgrat des Kleinglockners und so weiß ich, dass der Abstieg (zumindest bis zum Glocknerleitl) keineswegs entspannter wird.

[Bild: Abstieg in die Obere Glocknerscharte]

Noch bevor die größte Masse die Scharte erreicht und wir uns auf einen langen Stau einstellen müssten, haben wir diese bereits wieder überwunden und mit Hilfe der Drahtseile erklimmen wir erneut den Kleinglockner.

Bild: Der Gipfelaufbau des Großglockners]

Auf der ausgesetzten Gratschneide kommt es im Folgenden  -  vor allem während der heikel ausgeaperten Zwischenscharten immer wieder zu spannenden Begegnungen. Insgesamt verläuft der Abstieg aber wesentlich entspannter als der Aufstieg  -  zumindest mir geht es fast immer so  -  wenn ich den Aufstieg (also mehr als die Hälfte) geschafft habe und den Weg kenne, fällt mir persönlich der Abstieg immer deutlich leichter. In leichter Kletterei geht es schließlich von der Gratschneide wieder steil hinab in Richtung der ausgeaperten Scharte.

[Bild: Tiefblick auf das Glocknerleitl]

Hier wird von Karl ausnahmsweise noch einmal recht aufwendig gesichert, damit diese (in meinen Augen schwierigste Stelle des Aufstiegs) sicher überwunden werden kann. Der Abstieg über das von der Sonne nun deutlich aufgetaute Glocknerleitl geht anschließend ganz schnell. Unterhalb der Firnflanke lösen wir uns aus dem Seil  -  nun haben wir es endgültig geschafft, da alle kritischen Passagen überwunden sind.

[Bild: Auf dem Weg zurück zur Adlersruhe]

Der Rest (der restliche Abstieg) ist in meinen Augen (aber auch in den von Karl) nur noch Genuss. Über Blockwerk und Schnee wandern wir entspannt zurück zur Erzherzog-Johann-Hütte, wo wir uns nun auch richtig in die Hütte setzen und eine Pause machen. Ich kaufe zwar eine Hüttennadel und ein bis zwei Postkarten, ansonsten halte ich mich jedoch nur kurz in der Hütte auf, da mich die Aussicht von der Hütte nicht loslässt und ich lieber von der Terrasse den Gipfelerfolg genieße, als bei einer Tasse Kaffee oder einem Bier.

[Bild: Erzherzog-Johann-Hütte]

Am frühen Nachmittag machen wir uns schließlich an den Abstieg Richtung Stüdlhütte.

[Bild: Großglockner]

[Bild: Abstieg in Richtung Ködnitzkees]

Von der Adlersruhe geht es mit Hilfe von Drahtseilen den Felsgrat hinab auf das Ködnitzkees, wo wir uns auch wieder anseilen.

[Bild: Blick von der Randkluft zum Großglockner]

Immer im Banne der Großglockner Südwand steigen wir über die obere Zone des Gletschers in einem Bogen in Richtung Südwesten.

[Bild: Abstieg über das Ködnitzkees]

Nachdem wir die Spaltenzone verlassen haben, machen wir eine Pause und werfen noch einmal einen Blick zurück Richtung Gipfel. Auf meine Frage hin erzählt Karl, dass er wohl noch nie bei schönerem Wetter oben war, als an diesem Tag. Das letzte richtige Stück des Gletschers gehen wir anschließend wieder seilfrei.

[Bild: Auf dem untersten Teil des Ködnitzkees]

[Bild:  Großglockner  -  links der Zackengrat der Glocknerwand 3722 m.]

Östlich des vom Südlgrat nach Süden ziehenden Bergkamms steigen wir auf einem gerölligen Steig bergab Richtung Hütte

[Bild: "Mission" erfolgreich beendet]

[Bild: Abstieg zur Stüdlhütte]

Schnee und Eis von heute Morgen sind geschmolzen und so erleben wie die Umgebung der Hütte noch auf eine andere Art. Beim abschließenden Essen auf der Terrasse der Stüdlhütte bedanken wie uns bei Karl für die zwei schönen Tage  -  und auch unser Bergführer sagt, dass es ihm viel Spaß gemacht hat, mit uns auf Österreich`s höchsten Berg zu steigen.

[Bild: Stüdlhütte]

Bei traumhaftem Augustwetter verabschieden wir uns voneinander. Karl und die angehende DAV-Tourenleiterin steigen als erste bergab Richtung Lucknerhaus. Einer der drei Teilnehmer wird auf der Stüdlhütte übernachten und erst morgen absteigen. So mache ich mich unmittelbar nach Karl und der DAV-Tourenleiterin gemeinsam mit dem anderen Teilnehmer auf den Weg ins Tal. Alle drei lassen ihre Rucksäcke mit der Materialseilbahn ins Tal tragen  -  ich dagegen möchte meine Sachen auch anständig bergab tragen  -  na ja, vielleicht ändert sich diese Einstellung noch (?). In jedem Fall geht auch dieser Abstieg über etwa 900 Höhenmeter recht schnell vonstatten. Während des Abstiegs unterhalte ich mich viel mit dem anderen Tourenteilnehmer  -  wir reden über vergangene Bergtouren, Pläne für zukünftige Unternehmungen, aber natürlich auch über den heutigen Tag. Während wir in vielen Serpentinen über begrünte Bergflanken bergab steigen, wird mir bewusst, wie schön doch dieses Tal bei gutem Wetter ist  -  am Tag zuvor war mir dies wegen des Gewitters und der düsteren Wolken gar nicht aufgefallen.

Bild: Abstieg in Richtung Lucknerhaus]

Nach kurzer Zeit erreichen wir die Lucknerhütte und damit den Beginn der Materialseilbahn. Dort treffen wir auch wieder auf die beiden anderen, die ebenfalls auf ihre Rucksäcke warten. Unten am Parkplatz des Lucknerhauses verabschieden wir uns jeder geht wieder seine Wege. Ich bedanke mich noch einmal bei Karl für die zwei grandiosen Tage. Er hat uns routiniert geführt und sicher geführt, wusste aber immer ganz genau, wo er uns selbstständig gehen und klettern lassen konnte. Zudem war bei ihm immer genug Zeit, um während kürzerer Pausen Fotos zu machen. An dieser Stelle ein großes Lob an Bergführer Karl Hegele.

[Bild: Blick zurück zum Großglockner 3798 m.]

Zum Großglockner kann ich abschließend sagen, dass der höchste Berg Österreichs und der Hohen Tauern ein wirklich grandioser Berg ist. Natürlich sind wir über den einfachsten Weg auf den Gipfel gestiegen  -  Touren wie die komplette Gratüberkletterung der Glocknerwand hin zum Großglockner haben natürlich noch einmal ein ganz anderes Profil, dennoch ist auch der klassische Aufstieg von der Stüdlhütte und über den Kleinglockner eine anspruchsvolle und eindrucksvolle Hochtour. Wer es sich von der Zeit her leisten kann, sollte außerhalb der Hochsaison kommen, dann findet man sicher mehr Bergeinsamkeit am Gipfel vor, als ich  -  ein besseres Wetter als an diesem Tag kann man sich dagegen nicht wünschen! Wie gesagt, das Gipfelpanorama am Gipfel des Großglockners ist grandios, einmalig und atemberaubend. Jeder Ostalpenbergsteiger sollte mindestens einmal in seinem Leben das höchste Gipfelkreuz Österreichs berühren  -  und ich wünsche jedem ein ähnliches Wetter, wie ich es hatte.

[Bild: Auf dem Gipfel des Großglockners]

[Bild: Am Abend bei der Stüdlhütte]

 

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