2013 – Fagstein (2164 m.) - Überschreitung  +  Rotspielscheibe (1940 m.)  +  Farrenleiten (1716 m.)  -  [winterliche Bedingungen]

stefanmitterer.de

 


Schwierigkeit:   PD-  oder  WS-   (T4+  oder  W4+)

Charakter:  Die Besteigung der Rotspielscheibe von der Königstalalm über die Farrenleiten erfolgt auf einem unbezeichneten (nur Wegspuren), sehr steilen (abschüssiges und heikles Gelände – besonders bei Nässe oder Schneelage!) und stellenweise ausgesetzten Pfad, der ausgeprägte Trittsicherheit (Kletterei maximal I, bei Schneelage ggf. auch schwieriger) und ein gewisses Maß Orientierungsfähigkeit erfordert. Vom Gipfel hat man eine großartige Aussicht in die wilde Nordwand des Fagsteins sowie Richtung Watzmann und Steinernes Meer. Der Aufstieg von der Rotspielscheibe zum Beginn des Fagstein Nordostgrates ist vollkommen weglos – er erfolgt über ein wild-zerklüftetes und von Latschen bedecktes Karstplateau (bei Schneelage extrem (!) mühsam, anstrengend und zermürbend – Schneeschuhe dürften hier nur bedingt helfen, für Skier nicht geeignet). Der Aufstieg über den Nordostgrat des Fagsteins ist ebenfalls weglos, jedoch technisch unschwierig und praktisch ungefährlich – allerdings wird aus dem gutmütigen Bergrücken bei Schneelage (wie in diesem Fall) schnell ein scharfer, ausgesetzter Firngrat (Vorsicht wegen eventueller Wechten) – der dann deutlich (!) schwieriger und anstrengender ist. Vom Gipfel des Fagsteins grandiose Rundumsicht (besonders imposant der Kahlersberg!). Beim weglosen Abstieg vom Gipfel über die Südostflanke zum Seeleinsee hin, erfordern steile, abschüssige Grasrinnen und Schrofenflanken – die einen sehr guten Blick fürs Gelände erfordern – absolute Trittsicherheit. Der Aufstieg vom Parkplatz Hinterbrand zur Königstalalm erfolgt auf breiten und vollkommen unschwierigen Wanderwegen – Achtung: die Abzweigung zur Königstalalm wird (an der entsprechenden Stelle) nur 1x ausgewiesen. Der Abstieg vom Seeleinsee über den Stiergraben zur Priesbergalm und weiter nach Hinterbrand erfolgt auf ausgeschilderten, stets markierten und einfach begehbaren Wanderwegen. Die Route Seeleinsee-Priesbergalm ist im Winter Teil der Kleinen Reibn (in der Regel gespurt und alles andere als einsam) – im Spätfrühling/Frühsommer findet man um den Seeleinsee herum jedoch häufig noch unberührte Firnhänge –, Mulden – und Grate vor. Der Fagstein wird im Winter ab und zu, im Sommer eher selten (meistens von Einheimischen) bestiegen – die Rotspielscheibe ist noch etwas einsamer, sie wird nur gelegentlich bestiegen (am häufigsten über den Moossteig von der Priesbergalm). Bei beiden Bergen wird man – anders als beim Schneibstein, der Gotzenalm oder dem Seeleinsee – in der Regel die Bergwelt des westlichen Hagengebirges für sich alleine haben. Ihre Gipfel liegen abseits der viel begangenen Wege und bieten dem erfahrenen und versierten Bergsteiger ein wahrlich außergewöhnliches Bergerlebnis, das man so westlich des überlaufenen Schneibsteins wohl nie vermuten würde. Eine spannende, kaum begangene, anspruchsvolle (9 Stunden reine Gehzeit bei perfekten Bedingungen – bei Schneelage deutlich mehr!) und alpine (besonders bei Schneelage!) Traumrunde „abseits des Trubels“ (J. Burghardt) im westlichen Hagengebirge.

Gefahren:  Bis zum Gipfel der Farrenleiten keinerlei Gefahren (lediglich die subjektiven Grundrisiken des Bergwanderns). Der Aufstieg von den Farrenleiten über die „Geißwand“ zur Rotspielscheibe ist hingegen etwas tückisch und bei Schneelage unter Umständen sogar gefährlich. Den AV-Führer zitierend: „[…] auf steilem, erdigem Steig teilweise ausgesetzt über den sehr steilen, baumbestandenen Gratrücken […] aufsteigen.“ Bei Nässe oder (wie in diesem Fall) Schneelage sind hierbei große Vorsicht und Konzentration erforderlich. Das durchweg heikel-abschüssige Absturzgelände erlaubt keinen kleinen Ausrutscher bzw. Fehler! Bei Vereisung ist zudem die leichte Kraxelei (I) sehr unangenehm. Die Querung des Karstplateaus zwischen Rotspielscheibe und Fagstein ist hingegen praktisch ungefährlich, lediglich bei Schneelage besteht die Gefahr des Einbrechens in eine der unzähligen Mulden. Beim Aufstieg über den Fagstein Nordostgrat Vorsicht wegen eventueller Wechten! Weiterhin sind die steilen Gras- und Schrofenflanken der Südostflanke teilweise abschüssig und im Abstieg mitunter unangenehm zu begehen – ohne eine gute Geländebeurteilung geht hier nichts (Orientierung im Abstieg schwieriger als im Aufstieg). Der weitere Abstieg vom Seeleinsee über den Stiergraben, die Priesbergalm und das Königsbachtal nach Hinterbrand erfolgt auf guten Bergwegen sowie Schotterstraßen und ist praktisch risikofrei. Hinweis: Bei trockenen Verhältnissen ist diese Tour deutlich einfacher und ungefährlicher!


28. Mai 2013

Ein-Tages-Tour in die Berchtesgadener Alpen (westliches Hagengebirge) mit Besteigung des Fagsteins (2164 m.)  -  der Rotspielscheibe (1940 m.) und der Farrenleiten (1716 m.) - Vom Parkplatz Hinterbrand geht es auf Weg 497 ins Königsbachtal und weiter zur Königstalalm. Von dort Aufstieg zum Gipfel der Farrenleiten. Weiter über die „Geißwand“ auf den Gipfel der Rotspielscheibe und anschließend Aufstieg in den Sattel zwischen Fagstein und Windschartenkopf (Punkt 1996 m.) - Im Folgenden Überschreitung des Fagsteins zum Seeleinsee hin (Aufstieg über Nordostgrat – Abstieg über Südostflanke) - Abstieg vom Seeleinsee über Stiergraben, Priesbergalm und Weg 497 zum Parkplatz Hinterbrand.

Privat organisierte Tour  -  alleine begangen

[Bild: Fagstein 2164 m.  -  gesehen von Norden]

Parkplatz Hinterbrand  -  Jenner Mittelstation  -  Königsbachtal  -  Königstalalm  -  Geschirrwald  -  Farrenleiten  -  Rotspielscheibe  -  Einsattelung zwischen Fagstein und Windschartenkopf  -  Nordostgrat  -  Fagstein  -  Südostflanke  -  Seeleinsee  -  Stiergraben  -  Priesbergalm  -  Königsbachtal  -  Jenner Mittelstation  -  Parkplatz Hinterbrand

Der Fagstein (2164 m.) im westlichen Hagengebirge ist einer jener Berge, die – kennt man sie nicht – nur relativ selten beachtet werden. Am häufigsten erhält er noch in der Wintersaison Besuch, wenn er (dann meistens von Einheimischen) im Rahmen der Kleinen bzw. der Großen Reibn bestiegen wird. Im (Früh-)Sommer wird er dagegen buchstäblich rechts liegen gelassen, wenn die Bergsteiger und Wanderer vom Schneibstein in Richtung Wasseralm „pilgern“ und keinen Blick haben, für die ihnen unbekannten Berge rundherum. Der Fagstein ist ein ungemein lohnenswerter Berg mit einer fantastischen Aussicht – ein absoluter Geheimtipp! – denn auch wenn der Berg zwar regelmäßig bestiegen wird, so ist es doch nach wie vor wahrscheinlich, dass man ihn ganz für sich allein hat. Ein paar nüchterne Fakten: Der oberhalb der Hohen Rossfelder gelegene Fagstein (2164 m.) ist der höchste Berg des westlichen Hagengebirges (Gotzenberge). Er bildet die markante westliche Begrenzung des Hochtals oberhalb des Seeleinkessels und fällt Richtung Norden (Rotspielscheibe – „Priesberg“) in einer imposanten Felswand ab. Die Rotspielscheibe (1940 m.) wird noch etwas seltener bestiegen als der Fagstein. Auch sie wirkt – beispielsweise vom Schneibstein aus gesehen – recht unscheinbar und nur wenige können mit ihrem Namen etwas anfangen. Wer jedoch der etwas abgelegenen Königstalalm (nicht zu verwechseln mit der viel bekannteren Königsbachalm!) bereits einmal einen Besuch abgestattet hat, dem wird sie ein Begriff sein. Der vermeintlich gutmütige Grasgipfel bricht nämlich nach Norden hin in einer gewaltigen Felswand ab, die sich auch vor Königstalwand und Fagstein Nordwand nicht zu verstecken braucht. Von Süden und Osten gesehen ist die Rotspielscheibe der obere Endpunkt (grasbewachsener Schrofengupf) eines Karstplateaus, nach Westen hin zeigt sie jedoch unübersichtliche, bewaldete und ziemlich schroffe Steilflanken („Geißwand“) – durch die einer der möglichen Anstiege auf den Gipfel führt. Dieser ziemlich anspruchsvolle Pfad beginnt bei der Königstalalm und führt zunächst in den Sattel zwischen Rotspielscheibe und Farrenleiten. Letztgenannter Gipfel (auch „Farnleiten“ oder „Kuhscheibe“ genannt) bricht ebenfalls nach Norden hin in einer wuchtigen Felswand (nomen est omen – „Farrenleitenwand“) ab. Die Farrenleiten können ohne größere Schwierigkeiten (T2 oder W2) von der Königstalalm her erwandert werden und stellen daher ein schönes Ziel für ruhesuchende Genusswanderer dar. Eines haben alle drei Gipfel gemeinsam: Sie liegen nicht nur abseits der viel begangenen Wege und bieten daher außergewöhnliche sowie ursprüngliche Bergerlebnisse – von allen drei Gipfel hat man auch jeweils eine schöne Aussicht auf die umliegenden Berge der Berchtesgadener Alpen und wer sie alle an einem Tag besteigt bzw. sie alle zu einer großen Tour kombiniert, der erlebt eine Bergtour, wie sie kontrastreicher und abwechslungsreicher kaum sein könnte.

[Bild: Rotspielscheibe 1940 m. - vom Gipfel der Farrenleiten  -  rechts im Hintergrund der Fagstein 2164 m.]

Vom 19. Mai bis 3. Juni 2013 warte ich motiviert und mit dem Kopf voller Ideen auf schönes Wetter in den Bergen – und nur an diesem 28. Mai sollte es letztlich halbwegs gut sein, das nennt man dann wohl „dumm gelaufen“! Zwar weiß ich, einen Tag vor meiner geplanten Tour, dass in den Alpen teilweise genauso viel Schnee liegt, wie im tiefsten Winter – ich bin jedoch davon überzeugt, dass wenn ich meine Gipfelziele nur knapp oberhalb der 2000-Meter-Marke ansiedele, mir der Schnee nur geringe Probleme bereiten wird – weit gefehlt! – aber das sollte sich noch zeigen. Aufgrund des wohl nur kurzen Schönwetterfensters sowie der großen Schneemengen wähle ich als erste Bergtour des Jahres den Fagstein aus – ein formschöner, aussichtsreicher und relativ einsamer Berg, der mich schon länger reizt. Da der landschaftlich schönste und interessanteste Zugang über den Gipfel der Rotspielscheibe erfolgt, ist mir sofort klar, wie die Tour ablaufen soll – der Tourenplan steht, auf geht’s nach Berchtesgaden! Beim Ausgangspunkt meiner Tour – dem Parkplatz Hinterbrand – bin bereits um kurz nach 5 Uhr vor Ort. Da mir ein langer Tag bevorsteht und ich nicht weiß, was für Verhältnisse ich antreffen werde, ist es besser, so früh wie möglich aufzubrechen. Gegen 5:30 Uhr mache ich mich von Hinterbrand (1130 m. – alternative Höhenangabe 1147 m.) schließlich auf den Weg zur Königstalalm – meinem ersten Etappenziel.

[Bild: Blick Richtung Untersberg 1973 m.]

Auf einer schottrigen Fahrstraße geht es zunächst durch einen Bergwald in südliche Richtung.

[Bild: Auf einer Schotterstraße geht es Richtung Königsbachalm]

Zwischendurch ergeben sich immer wieder schöne Ausblicke in den vom Nebel erfüllten Berchtesgadener Talkessel sowie in Richtung Untersberg. Doch besonders der im Morgenlicht leuchtende Watzmann (2713 m.) zieht die Blicke auf sich. Zusammen mit Hochkalter und Großem Hundstod bildet er ein grandioses Dreigestirn!

[Bild: Großer Hundstod 2594 m. - Watzmann 2713 m. und Hochkalter 2607 m.  -  von links nach rechts]

[Bild: Watzmann 2713 m.  -  König des Berchtesgadener Landes]

Nach kurzer Zeit leitet die breite Schotterstraße in südwestliche Richtung. Nur mäßig ansteigend geht es an der Jenner Mittelstation (1185 m.) vorbei in freieres Gelände.

[Bild: Blick über das vom Morgennebel erfüllte Berchtesgadener Land in Richtung Lattengebirge - rechts der Untersberg]

[Bild: Blick über die Jenner Mittelstation 1185 m. zum Kehlstein 1834 m.  -  links der Untersberg]

Ich folge der Schotterstraße an grasbewachsenen Hängen entlang und passiere die Abzweigung zur Wasserfallalm (mögliche – jedoch nur bedingt lohnende (durchweg Fahrstraßen) – Aufstiegsalternative zum Jenner).

[Bild: Der Weg in Richtung Königsbachtal liefert Ausblicke zum Watzmann par excellence]

Schließlich geht es in einem weiten Bogen – zwischen grasbewachsenen Hängen und Nadelwäldern – um die westlichen Ausläufer des Jenner herum. An der im Bereich einer Lichtung gelegenen Strubalm geht es links vorbei und nur mäßig ansteigend leitet die Schotterstraße schließlich oberhalb der Königsbachalm ins Königsbachtal. Dabei habe ich erstmals mein heutiges Hauptziel – den Fagstein (2164 m.) – vor Augen. Einer eisigen Mauer gleich, stellt er gegen das Königsbachtal seine wilde Nordwand zur Schau. Dass dies tatsächlich der Fagstein ist, wird mir erst beim Blick auf die Karte klar – was für ein Berg!

[Bild: Oberhalb der Königsbachalm leitet eine Schotterstraße in südöstliche Richtung  -  im Hintergrund der Fagstein 2164 m.]

Allerdings habe ich mittlerweile gewisse Bedenken aufgrund der immensen Schneemengen. Nicht nur Watzmann, Großer Hundstod und Steinernes Meer – auch die etwas niedrigeren Gipfel des Hagengebirges tragen bis auf 1500 Meter runter eine weiße Kappe. Und da ich natürlich weder Skier – noch Schneeschuhe dabei habe, dürfte es ein „interessanter“ Tag werden.

[Bild: Blick über die Weiden der Königsbachalm in Richtung Steinernes Meer, Großer Hundstod und Watzmann]

Oberhalb der Königsbachalm leitet die Schotterstraße in südöstliche Richtung und mündet schließlich auf den vielbegangenen Weg 498 zum Schneibsteinhaus. Auf einer nun etwas steiler werdenden Schotterstraße geht es bergauf – die Abzweigung zur Priesbergalm bleibt unbeachtet – Richtung Jenner/Carl-von-Stahl-Haus.

[Bild: Auf einer schottrigen Fahrstraße geht es in einem Bergwald weiter aufwärts]

In einigen Windungen steige ich durch lichten Bergwald weiter aufwärts, bis schließlich im Bereich einer grasigen Lichtung eine markante Felswand in den Fokus rückt – die sogenannte „Bärenwand“. Auf der hier ebenen Schotterstraße geht es noch ein kurzes Stück weiter, bis kurz vor der Steilwand (ca. 1360 m.) nach rechts der Weg zur Königstalalm abzweigt.

[Bild: An diesem Punkt - unterhalb der markanten Bärenwand - geht es rechts ab]

Anschließend leitet ein breiter Almenweg durch ein kleines, grasbewachsenes Tal – welches durch Bärenwand im Norden und Farrenleitenwand im Süden eingerahmt wird – in östliche Richtung.

[Bild: Auf dem Weg zur Königstalalm]

Am hinteren Talschluss geht es auf einer breiten Schotterstraße schließlich in einigen steilen Kehren durch einen Bergwald weiter aufwärts.

[Bild: Der Aufstieg zur Königstalalm ist technisch leicht und auch im Winter eine schöne Wanderoption]

Nach einiger Zeit kommen zur Linken das schneegefüllte Königstal mit dem dahinter aufragenden Hohen Brett (2340 m.) sowie zur Rechten die eindrucksvolle Nordwand der Rotspielscheibe (1940 m.) ins Blickfeld. Durch das Königstal führen einige weglose, dafür aber äußerst lohnende Aufstiegsvarianten zum Torrener Joch.

[Bild: Blick über das Königstal zum Hohen Brett 2340 m.]

Über den zuletzt schneebedeckten Almenweg erreiche ich schließlich die Königstalalm (1530 m.)

[Bild: Königstalalm 1530 m.  -  im Hintergrund Reinersberg 2171 m. (ganz links) - Windschartenkopf 2211 m. und Rotspielscheibe 1940 m.]

Diese etwas abseits der Hauptrouten gelegene Alm wird von Ende Juni bis Ende August bewirtschaftet (Brotzeit und Getränke – keine Übernachtungsmöglichkeit) und bietet eine fantastische Aussicht auf die Nordwand der Rotspielscheibe sowie in Richtung Watzmann. Für ruhesuchende Wanderer stellt die Königstalalm im Sommer eine lohnende und idyllische Alternative zu den Klassikern Gotzenalm, Priesbergalm und Königsbachalm dar. Jetzt – Ende Mai bzw. bei den Verhältnissen ist natürlich noch niemand hier.

[Bild: Von der Königstalalm hat man einen tollen Ausblick Richtung Watzmann]

Ich halte mich auch nicht lange bei den zwei Almenhütten auf, zu sehr lockt mich der – von hier aus gesehen – imposante Gipfel der Rotspielscheibe.

[Bild: Blick zur Rotspielscheibe Nordwand - links davon der Windschartenkopf 2211 m.]

Hinter der Königstalalm geht es auf einem zunächst breiten Viehsteig über einen Bach und anschließend in den sogenannten „Geschirrwald“.

[Bild: Die Rotspielscheibe 1940 m. ragt über dem Geschirrwald auf]

[Bild: Reinersberg 2171 m. - Königstalwand und Windschartenkopf 2211 m.  -  von links nach rechts]

Es heißt, dass man bei einer Wegeteilung (Große Lichtung – ca. 1570 m.) den rechten Pfad nehmen soll. Aufgrund der Schneemengen, die logischerweise alle Pfade verdecken, kann ich den Weg jedoch nicht finden.

[Bild: Im Geschirrwald - wo geht's lang?  -  links der Schneibstein 2276 m. und rechts daneben Reinersberg 2171 m. und Königstalwand]

So irre ich fast eine halbe Stunde planlos durch den Wald, versuche mich sogar an einem weglosen und direkten Aufstieg über die bewaldete und extrem steile Schrofenflanke zwischen Königstalwand und Rotspielscheibe (nicht zu empfehlen! – dennoch soll es weiter östlich laut AV-Karte einen solchen Weg geben), bis mir schlagartig bewusst wird, dass ich einfach den vollkommen unscheinbaren Grasrücken der Farrenleiten (1716 m.) nordwestlich der Rotspielscheibe anpeilen muss, welchen ich aufgrund von Orientierungsproblemen zunächst nicht identifizieren konnte. Ich fluche laut, ärgere mich über meine Blödheit und frage mich, wie mir diese „Peinlichkeit“ unterlaufen konnte. Vielleicht bin ich nach 7 Monaten ohne Bergtour etwas eingerostet.

[Bild: Steilflanke zwischen Königstalwand und Rotspielscheibe]

So bleibt mir schließlich nichts anderes übrig, als sich erneut weglos quer durch den Wald zu kämpfen (im Sommer ist die Wegfindung im Geschirrwald hinter der Königstalalm deutlich einfacher!)

[Bild: Die Durchquerung schneegefüllter und von Felsblöcken durchsetzter Mulden gestaltet sich relativ mühsam]

[Bild: Auf dem Weg in Richtung Farrenleiten Ostflanke]

Über die relativ steile und mehr oder weniger vollkommen mit Schnee bedeckte Ostflanke der Farrenleiten mühe ich mich anschließend bergauf.

[Bild: Rotspielscheibe 1940 m.]

Die unglückliche Kombination von lockerem Pulverschnee und abschüssigen Gräsern bzw. Farnen bewirkt, dass ich praktisch keinen Halt finde und einige Male auch ausrutsche. Mir bleibt dieser direkte Aufstieg über die Farrenleiten Ostflanke daher in schlechter Erinnerung – möglichweise hätten Schneeschuhe hier geholfen? – jedenfalls macht mir das Ganze nur mehr wenig Spaß. Ganz ehrlich, ich habe die Schneemengen unterschätzt.

[Bild: Aufstieg über die Farrenleiten Ostflanke]

Letztlich erreiche ich irgendwann den oberen Gipfelhang, über welchen es unschwierig hinauf zum höchsten Punkt (mit Gipfelbank) geht. 1,5 Stunden habe ich von der Königstalalm bis zum Gipfel der Farrenleiten gebraucht (ca. 200 Höhenmeter) – absolut lächerlich! – selbst wenn man die Zeit abzieht, die ich planlos im Geschirrwald verbracht habe. Na ja, es ist wie es. Dafür ist die Aussicht vom Gipfel wirklich großartig! – (Steinernes Meer, Großer Hundstod, Watzmann, Berchtesgadener Land, Lattengebirge, Untersberg, Jenner, Göll-Massiv, Schneibstein und Rotspielscheibe Nordwand). Wirklich – wer im Sommer einen einsamen und dabei relativ leicht erreichbaren Aussichtspunkt mitten im Herzen der Berchtesgadener Alpen sucht, für den stellen die Farrenleiten einen lohnenden Geheimtipp dar!

[Bild: Blick zum Seilbahnberg Jenner - links das Berchtesgadener Land  -  in der Ferne das Lattengebirge]

[Bild: Blick zum allseits präsenten Watzmann - links davon Großer Hundstod und Steinernes Meer]

[Bild: Rotspielscheibe 1940 m.  -  dahinter der Fagstein 2164 m.]

[Bild: In der Mitte der Schneibstein 2276 m. - rechts davon der Reinersberg 2171 m.]

[Bild: Blick zum langgezogenen Göll-Massiv  -  davor das Torrener Joch 1728 m.]

Ich bleibe nur ein paar Minuten auf dem höchsten Punkt der Farrenleiten (auch Farnleiten – im Frühsommer große Blaubeerfelder), nach kurzer Zeit mache ich mich auf Richtung Rotspielscheibe. Über den breiten Gipfelrücken steige ich unschwierig ein paar Meter abwärts in den Sattel (1700 m.) zwischen Farrenleiten und Rotspielscheibe (hier mündet normalerweise der „richtige“ Pfad von der Königstalalm).

[Bild: Abstieg vom Gipfel der Farrenleiten in den Sattel]

An diesem Punkt angekommen, beginnt nun der anspruchsvolle Teil der Tour („Nun weht ein alpiner Wind“ – J. Burghardt). Ein aufgrund von Spuren relativ gut erkennbarer Pfad führt über den baumbestandenen Gratrücken der „Geißwand“  geradeaus bergauf.

[Bild: Aufstieg über die Geißwand - das Gelände ist steiler, als es auf dem Bild den Anschein hat]

Das Gelände ist durchweg sehr steil, abschüssig, heikel und teilweise sogar ausgesetzt. Im Sommer bei trockenen Verhältnissen wohl harmlos, stellt mich dieser Aufstieg – bei den Schneeverhältnissen wie ich sie habe – vor eine große Herausforderung.

[Bild: Blick zum Watzmann und zum Großen Hundstod - links das Steinernes Meer]

Der Schnee ist zudem äußerst instabil, ich muss sehr vorsichtig sein, dass ich nicht ausrutsche und über eine der angrenzenden Steilflanken abstürze.

[Bild: In der steilen Geißwand der Rotspielscheibe]

Weiter oben muss ich schließlich links von einem großen Felsen aufgrund der Schneeverhältnisse sogar ein paar leichte – jedoch vereiste – Kraxelstellen (Schwierigkeit I) bewältigen.

[Bild: Ausgesetztes und ziemlich abschüssiges Gelände]

Oberhalb erreiche ich schließlich freies Gelände.

[Bild: Am oberen Endpunkt der Geißwand - rechts der Windschartenkopf 2211 m.]

Über einen linkerhand von Bäumen begrenzten Schrofenhang steige ich weiter aufwärts, schließlich geht es in Form eines kurzen Zwischenabstiegs in eine markante Scharte (1860 m. – hier mündet der einfachste Aufstieg zur Rotspielscheibe von der Priesbergalm).

[Bild: Blick über den weiteren Gratverlauf  -  unten die Scharte 1860 m.  -  rechts im Hintergrund der Windschartenkopf 2211 m.]

Zur Rechten dominiert der großartige Fagstein (2164 m.) mit seiner eisigen Nordwand die Szenerie – was für ein toller Berg!

[Bild: Fagstein 2164 m.]

Von der Scharte steige ich schließlich über einen Firnhang aufwärts bis zum Beginn eines felsigen Aufschwungs (leichte Kraxelei).

[Bild: Diese Felsstufe muss überwunden werden - aufgrund der teilweise vereisten Felsen etwas unangenehm]

Technisch leicht, aber etwas mühsam geht es über schneebedeckte Grashänge weiter – teilweise direkt neben den Nordabbrüchen – bis schließlich der Gipfel in Sicht kommt.

[Bild: Teilweise direkt rechts der wilden Nordabbrüche geht es weiter aufwärts]

Über einen letzten weiten Firnhang steige ich unschwierig bergauf zum Gipfel der Rotspielscheibe (1940 m.)

[Bild: Auf den letzten Metern vor dem Gipfel - rechts der Windschartenkopf 2211 m.]

[Bild: Auf dem Gipfel der Rotspielscheibe 1940 m. - im Hintergrund das Göll-Massiv]

Die Aussicht ist gigantisch: Im Nordosten das breite Göll-Massiv. Links davon in der Ferne Untersberg und Lattengebirge – mit dem Berchtesgadener Land davor. Im Westen der Watzmann sowie anschließend der Große Hundstod. Im Südwesten/Süden das tiefverschneite Steinerne Meer mit dem Funtenseetauern. Im Osten erkenne ich den Schneibstein, den Reinersberg sowie den Windschartenkopf.

[Bild: Nach Norden hin ist der Blick vollkommen frei  -  in der Ferne das Lattengebirge - rechts der Jenner 1874 m.]

[Bild: Links das Steinerne Meer - dann der markante Buckel des Großen Hundstodes 2594 m. - rechts der Watzmann 2713 m.]

[Bild: Windschartenkopf 2211 m. und Fagstein 2164 m.]

[Bild: Blick zum langgezogenen Schneibstein 2276 m.]

Doch ein Berg stellt alle Anderen in den Schatten: der Fagstein! Von der Rotspielscheibe aus gesehen, hat er sogar gewisse Ähnlichkeiten mit dem Mont Collon (3637 m.) in den Walliser Alpen, südlich von Arolla.

[Bild: Fagstein 2164 m.]

Nach etwa 10 Minuten auf dem Gipfel mache ich mich schließlich auf den Weg – nun ist der Fagstein (2164 m.) mein Ziel. Und wenn man einen solchen Berg so unmittelbar vor Augen hat, dann will man ihn auch besteigen. Dazu geht es zunächst über weite Schneeflächen in südöstliche Richtung. Da ich den markanten Sattel zwischen Windschartenkopf und Fagstein erreichen muss, ist die Orientierung relativ einfach. Nach einiger Zeit bietet sich mir von einer Anhöhe ein guter Ausblick über den weiteren Wegverlauf.

[Bild: Blick über das zu querende Karstplateau in Richtung Windschartenkopf 2211 m. - den Sattel zwischen den beiden Bergen gilt es zu erreichen]

Es gilt zunächst, ein zerklüftetes und teilweise mit Latschen bewachsenes Karstplateau zu durchqueren und anschließend über Firnhänge den Sattel zu gewinnen.

[Bild: Das zu durchquerende Karstplateau zwischen Fagstein, Rotspielscheibe und Windschartenkopf]

[Bild: Mein nächstes Ziel - der Fagstein 2164 m.]

Dazu steige ich über sanft geneigte Schrofenhänge (bei Schneelage Vorsicht wegen der Felsen) ein Stück bergab, bis zum Beginn des Karstplateaus. Hatte es von oben noch so ausgesehen, als ließe sich diese Strecke relativ schnell bewältigen, muss ich nun erkennen, dass dies bei weitem nicht der Realität entspricht.

[Bild: Am Beginn des Karstplateaus - im Hintergrund der Windschartenkopf 2211 m.]

Das vollkommen ungegliederte Karstplateau ist wild zerklüftet und wird von zahlreichen Mulden, Gratrippen, Löchern, Abbrüchen und Karstformationen durchzogen. In Kombination mit dem „grundlosen“ Schnee und den zahlreich vorhandenen Latschen ist ein ordentliches Vorankommen hier so gut wie unmöglich. Im Sommer mag hier mit Hilfe einiger Steinmänner eine halbwegs vernünftige Route durchführen. Bei Schneelage – noch dazu in Form von instabilem Pulverschnee – ist es schlichtweg die Hölle! Und so mühe, kämpfe und schlage ich mich buchstäblich durch den Schnee – bei jedem Schritt sinke ich mindestens bis zum Knie, häufig sogar bis zum Bauch (!) ein. Ich komme kaum voran und jeder Meter muss sehr hart erkämpft werden. Vielleicht kommt man hier mit Schneeschuhen besser durch, ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich in den Bergen noch nie so verzweifelt – nicht weil ich die Orientierung verloren habe oder die geländetechnischen Schwierigkeiten mich überfordern, sondern weil ich trotz Einsatz all meiner Kräfte kaum vorankomme und ein Rückzug praktisch ausgeschlossen ist.

[Bild: Inmitten des Karstplateaus]

[Bild: Blick zurück zur Rotspielscheibe 1940 m.]

Mehr als einmal frage ich mich laut, was zum Teufel ich hier eigentlich mache – und als ich schließlich auf eine – scheinbar von Norden aus dem Nirgendwo kommende – Spur stoße, fällt mir ein gewaltiger Stein vom Herzen.

[Bild: Endlich eine menschliche Spur!  -  im Hintergrund der Windschartenkopf 2211 m.]

Anscheinend ist hier jemand vor kurzer Zeit von der Königstalalm direkt über die Steilflanke zwischen Rotspielscheibe und Königstalwand aufgestiegen. Den Spuren folgend, geht es ein Stück direkt auf den Windschartenkopf zu, nach kurzer Zeit leiten die Spuren jedoch in südliche Richtung. Anscheinend war hier ein einheimischer Gebietskenner an der Arbeit, denn die Spur windet sich geschickt und ohne größere Schwierigkeiten durch das letzte Stück des Karstplateaus. Vielleicht wusste die Person, dass der Weg von der Rotspielscheibe aus durch das Karstplateau bei Schneelage nur extrem schwierig bzw. mühsam zu bewältigen ist. In einigem Auf und Ab geht es über schneebedeckte Karstformationen in Richtung der Ausläufer des Sattels, die größten Schwierigkeiten habe ich nun hinter mir.

[Bild: Den Spuren folgend, geht es in Richtung Sattel]

Bei den folgenden Querungen steiler und teilweise von Latschen durchsetzter Firnhänge (häufig bis zu 40° Grad) ist große Vorsicht aber weiterhin angesagt. Über eine ziemlich steile Firnflanke (kurzzeitig 45-50° Grad) erreiche ich schließlich ein kleines Plateau knapp unterhalb des Sattels.

[Bild: Über ziemlich steile Firnflanken geht es bergauf Richtung Sattel]

[Bild: Blick zurück über das Karstplateau zur Rotspielscheibe 1940 m.  -  in der Ferne das Untersberg-Massiv]

[Bild: Blick zum Sattel zwischen Windschartenkopf und Fagstein]

Von hier aus geht es nicht geradeaus weiter zum Sattel und Richtung Seeleinsee, sondern rechtshaltend über steile Firnhänge (im Sommer felsige Gras- und Schrofenflanken) weglos weiter aufwärts.

[Bild: Hier geht es nicht links weiter Richtung Seeleinsee, sondern nach rechts und weglos über mäßig steile Hänge aufwärts]

2 Stunden habe ich vom Gipfel der Rotspielscheibe bis hierhin gebraucht – unfassbar! – normalerweise benötigt man etwa 1,5 Stunden von Gipfel zu Gipfel. In jedem Fall ist der weitere Wegverlauf klar – es gilt, auf möglichst leichte Weise den Nordostgrat des Fagsteins zu gewinnen.

[Bild: Über von Felsblöcken durchsetzte Firnhänge geht es bergauf zum Nordostgrat]

[Bild: Windschartenkopf 2211 m. und Schlunghorn (2203 m. - österreichisch: Schlumkopf)  -  vom Aufstieg zum Fagstein]

Ein gewisses Auge fürs Gelände ist hier sicherlich von Vorteil, dann kommt man nämlich völlig ohne Kraxelei bergauf. Während ich über mäßig steile und von Felsblöcken durchsetzte Firnhänge bergauf steige, weitet sich mit jedem gewonnenen Höhenmeter das Panorama – nach einiger Zeit kommt neben dem wuchtigen Kahlersberg (2350 m. – zweithöchster Berg des Hagengebirges) auch der Seeleinkessel ins Blickfeld.

[Bild: Blick zum Kahlersberg 2350 m. - an seinem Fuße liegt der Seeleinsee] 

Schließlich erreiche ich über schneebedeckte Schrofenflanken den Beginn des Nordostgrates.

[Bild: Zustieg zum Nordostgrat]

[Bild: Am Beginn des Nordostgrates  -  ganz links der Gipfel]

Anders als erhofft, präsentiert er sich nicht als breiter bzw. gutmütiger Schneerücken, sondern als scharfer Firngrat. Zwar ist der weitere Weg Richtung Gipfel vorgegeben, technisch mehr oder weniger leicht, landschaftlich großartig und äußerst fotogen, dafür ist der Schnee auch hier nicht fest – immer wieder sinke ich erneut bis zum Bauch ein und aus dem (erhofften) ästhetischen Spaziergang auf des Messers Schneide wird ein Durchwühlen und Durchschlagen des ersten Sorte.

[Bild: Fagstein Nordostgrat - Ende Mai 2013]

[Bild: Was für Schneemassen! - und das zu dieser Jahreszeit]

[Bild: Blick zurück über den Nordostgrat - rechts der Windschartenkopf 2211 m.]

Durch scheinbar grundlosen Schnee kämpfe ich mich auf dem Grat immer weiter empor, bis endlich das Gipfelkreuz in Sicht kommt. Über einen letzten Firnhang geht es bergauf und schließlich erreiche ich – 8 Stunden (!) nach Aufbruch von Hinterbrand – den Gipfel des Fagsteins (2164 m.)

[Bild: Über diesen letzten Firnhang geht es hinauf zum bereits sichtbaren Gipfelkreuz  -  rechts der Watzmann 2713 m.]

Wie bereits von der Rotspielscheibe, ist auch die Aussicht vom Gipfel des Fagsteins absolut großartig – Watzmann, ein Teil des Königssees, Berchtesgadener Land, Lattengebirge, Untersberg, Hoher Göll, Schneibstein, Windschartenkopf, Hagengebirge, Kahlersberg, Seeleinkessel, Funtenseetauern, Steinernes Meer und Großer Hundstod – viele weitere Gipfel und Täler ließen sich noch benennen, doch dies sind die Bedeutendsten. Auch wenn mittlerweile relativ viele Wolken den Himmel bedecken, so ist das Panorama vom Fagstein doch äußerst beeindruckend. Aufgrund seiner zentralen Lage inmitten der Berchtesgadener Alpen bietet er einen umfassenden Überblick! Angesichts der vorangegangenen Strapazen ist es jedoch für mich weniger die Aussicht, die diesen Gipfelsieg so besonders macht – sondern vielmehr die Tatsache, dass ich nicht aufgegeben habe, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Bei solch miserablen bzw. schwierigen Verhältnissen/Tourenbedingungen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass ich den Gipfel erreicht habe. Und auch wenn mir noch ein langer Abstieg bevorsteht, so bin ich doch bereits jetzt stolz auf mich, dass ich mich durchgebissen habe!

[Bild: Blick ins Berchtesgadener Land - in der Mitte der Jenner 1874 m.  -  in der Ferne der Untersberg 1973 m.]

[Bild: Blick zum Watzmann 2713 m. - davor der Königssee]

[Bild: Blick nach Südwesten ins Steinerne Meer  -  links der Funtenseetauern 2578 m. - davor Hochgschirr-Sattel 1949 m. und Hohes Laafeld 2074 m. - ganz rechts der Große Hundstod 2594 m.]

[Bild: Blick zum beherrschenden Kahlersberg 2350 m. - rechts davon das Hohe Laafeld 2074 m.  -  in der Mitte der Seeleinkessel  -  rechts der Funtenseetauern 2578 m.]

[Bild: Blick zum einsamen, deutsch-österreichischen Grenzkamm zwischen Windschartenkopf und Kahlersberg]

[Bild: Auf dem Gipfel des Fagsteins 2164 m.  -  im Hintergrund Watzmann, Großer Hundstod und Steinernes Meer]

Da ich nicht weiß, ob und wie lange das Wetter in der Realität auch tatsächlich stabil bleiben wird, mache ich mich schon nach 5 Minuten an den Abstieg. Da ich den Weg über die Hohen Rossfelder zur Priesbergalm gehen will, folge ich dem Gratverlauf in südwestliche Richtung und halte rechterhand Ausschau nach einer Abzweigung (Zitat AVF: „Vom Fagstein, 2164 m, den Steigspuren folgend über den begrünten S-Grat absteigen, bis in einer kleinen Einschartung, 2100 m, Steigspuren nach rechts abzweigen […]“).

[Bild: Irgendwo hier soll nach rechts der Weg zu den Hohen Rossfeldern abzweigen - nur wo?  -  im Hintergrund Funtenseetauern, Steinernes Meer und Großer Hundstod]

Leider finde ich den Abstieg zu den Hohen Rossfeldern nicht (vielleicht aufgrund des Schnees?) und so bleibt mir nichts anderes übrig, als weglos über die Südostflanke zum Seeleinsee abzusteigen und einen großen Umweg in Kauf zu nehmen. Dem Gratverlauf folgend, steige ich über schneebedeckte Grashänge in südliche Richtung bergab – den Kahlersberg stets vor Augen. Schließlich wandelt sich der Südgrat zu einem breiten Schrofenrücken.

[Bild: Den Kahlersberg vor Augen, geht es über schneebedeckte Schrofenhänge abwärts]

[Bild: Abstieg über die Fagstein Südostflanke]

Über teils schneebedeckte Grashänge geht es weiter abwärts, bis zum oberen Ende einer markanten Grasrinne.

[Bild: Der Kahlersberg 2350 m. ist nach dem Großen Teufelshorn die höchste Erhebung im Hagengebirge]

Glücklicherweise ist sie schneefrei und so steige ich durch die mit Felsen durchsetzte Rinne vorsichtig bergab.

[Bild: Diese Grasrinne ermöglicht den Abtieg zum Seeleinkessel]

Weiter unten geht es über teilweise schneebedeckte Schrofenhänge abwärts.

[Bild: Abstieg in Richtung Seeleinsee]

[Bild: Blick zurück über die Schrofenflanken, die den Abstieg von der Fagstein Südostflanke ermöglichten]

Eine felsige Rippe vermittelt den Zugang zu einer schneegefüllten Mulde – nordöstlich knapp unterhalb der Bergwachthütte („Seeleinsee-Dienst-Hütte“). Anschließend steige ich über einige Felserhebungen ein Stück auf den Kahlersberg zu.

[Bild: Auf dem Weg zum Seeleinsee - der Kahlersberg 2350 m. dominiert die Szenerie]

Schließlich erreiche ich den oberen Rand der zum Seeleinkessel abbrechenden Schrofenflanken. Ich steige nicht direkt in das Hochkar ab, sondern quere zunächst ein Stück schräg nach rechts, weil ich in der Mitte des Talkessels „bodenlosen“ Schnee vermute.

[Bild: Der Kahlersberg überragt den Seeleinkessel]

Über einen mit Felsblöcken durchsetzten Schrofenhang geht es schließlich geradewegs zum Seeleinsee (1809 m.) bergab. Der auch Seelein (früher auch „Schlungsee“) genannte Bergsee liegt im zentralen Hagengebirge in einem Hochkar („Seeleinkessel“) zwischen Fagstein, Tauernwand und Kahlersberg. Er hat einen Umfang von 250 Metern, Trinkwasserqualität und friert in der Regel von Dezember bis Mitte Mai zu. Aufgrund der Tatsache, dass er auf dem Weg vom Schneibstein (Carl-von-Stahl-Haus) zur Wasseralm liegt (z.B. Große Reibn), ist er ein beliebter Rastpunkt für Wanderer und Skitourengeher. Geradezu erdrückend ist die Präsenz des unmittelbar über dem See aufragenden Kahlersberg!

[Bild: Kahlersberg 2350 m. und Seeleinsee 1809 m.]

[Bild: Seeleinsee mit Hochseeleinkopf 2109 m.]

Am Seeleinsee geht es rechts vorbei und schon nach kurzer Zeit stoße ich auf einen Wegweiser. Während es links über den Hochgschirr-Sattel (1949 m.) am Kahlersberg vorbei und weiter zur Wasseralm geht, weist mir die rechte Abzweigung den Weg zurück nach Hinterbrand. „3 Stunden“ stehen auf dem Schild geschrieben – die Tour ist also noch lange nicht vorbei. [Später erfuhr ich, dass man von dem Bereich zwischen Fagstein und Bergwachthütte ebenfalls relativ unschwierig, aber weglos (T3 oder W3) zu den Hohen Rossfelder und weiter zur Priesbergalm gelangen kann]

[Bild: Irgendwie schön wieder auf einem markierten Weg zu sein]

Während ich bei dem Schild eine kleine Pause mache, beginnt es für einen kurzen Moment leicht zu regnen. Für mich ist das das Signal, unverzüglich mit dem Abstieg zu beginnen.

[Bild: Angesichts der immer dunkler werdenden Wolken mache ich mich sofort an den Abstieg]

Von der Abzweigung geht es zunächst weglos über einen weiten Firnhang bergab. Durch Latschen- und Karrengassen steige ich abwärts in den sogenannten „Stiergraben“, welcher links (südwestlich) durch die Tauernwand begrenz wird. Im Stiergraben selbst, ist die Orientierung einfach.

[Bild: Im oberen Teil des Stiergrabens - der Weg ist (trotz der Schneemassen) vorgezeichnet]

Weiter unten wird der Schnee schließlich immer weniger und nach einiger Zeit setzt sogar die Vegetation ein.

[Bild: Abstieg durch den Stiergraben]

Auf einem guten Steig geht es schließlich in dichten Bergwald. Glücklicherweise hat auch das Wetter gehalten und sogar die Sonne scheint nun wieder. Durch den Bergwald leitet der Steig immer weiter abwärts und vollzieht dabei eine Wendung in Richtung Norden. Der Reihe nach werden zunächst der Punkt 1520 m. (Abzweigung des Mittleren Hirschenlaufs) sowie der Punkt 1451 m. (Abwärtsgraben – kein Graben, sondern ein Bach – Abzweigung des Unteren Hirschenlaufs) passiert.

[Bild: Auf dem Weg zur Priesbergalm]

Schließlich führt der Weg aus dem Wald heraus zu den freien Grashängen der Priesbergalm.

[Bild: Ein Koloss von einem Berg - der Watzmann 2713 m.]

[Bild: Die freien Wiesenflächen der Priesbergalm sind die ideale Aussichtsloge für den Watzmann]

Über herrlich freie Almflächen (grandioser Blick zum Watzmann!) leitet der Weg nahezu eben nach Norden zur nahen Priesbergalm (1460 m.)

[Bild: Priesbergalm 1460 m. - eine der am schönsten gelegenen Almen der Berchtesgadener Alpen!  -  im Hintergrund der Jenner 1874 m. und das Jägerkreuz 2182 m.  -  links in der Ferne der Untersberg 1973 m.]

Diese Hochalm (nur im Hochsommer bewirtschaftet) bietet zwar ebenfalls keine Übernachtungsmöglichkeit, dafür kommt man auch hier in den Genuss deftiger Brotzeiten und erfrischender Getränke. Da ich die Tour jedoch endlich zu einem Abschluss bringen will, mache ich keine Pause (die Alm ist sowieso noch unbewirtschaftet), sondern setzte den Abstieg nach Hinterbrand direkt fort. An der Priesbergalm geht es vorbei und schon nach kurzer Zeit beginnt die schottrige Fahrstraße zur Königsbachalm.

[Bild: Rotspielscheibe 1940 m. - Mooswand und Fagstein 2164 m.  -  von links nach rechts]

Auf ihr geht es durch lichten Bergwald ein Stück bergab zu einer großen, teilweise bewaldeten Lichtung („Priesberger Moos“ – östlich begrenzt durch die Mooswand – herrliche Landschaft!).

[Bild: Auf dem Weg zur Königsbachalm - im Hintergrund Jenner 1874 m. und Hohes Brett 2340 m.]

Den Jenner (1874 m.) und das Hohe Brett (2340 m.) vor Augen, folge ich der Schotterstraße an der Branntweinbrennhütte vorbei ins Königsbachtal. Schließlich mündet die schottrige Fahrstraße auf den Weg zur Königsbachalm. Auf ihr geht es in einigen Windungen weiter abwärts, wobei sich immer wieder tolle Ausblicke zum Watzmann ergeben.

[Bild: Das Plateau der Königsbachalm mit dem Watzmann 2713 m. dahinter]

Kurz vor der Königsbachalm zweigt schließlich rechterhand der Weg nach Hinterbrand ab.

[Bild: Auf dem Weg zurück nach Hinterbrand]

Bei mittlerweile wieder schönstem Bergwetter wandere ich vollkommen erschöpft, aber letztlich doch irgendwie glücklich und erfüllt das letzte Stück zurück zum Parkplatz – wo sich wie so häufig ein Kreis schließt.

[Bild: Letztlich ist es doch noch ein schöner Tag geworden  -  Blick zum Watzmann 2713 m. - zum Großen Hundstod 2594 m. und ins Steinerne Meer]

Egal wie unglücklich heute einiges gelaufen ist, das Entscheidende ist, dass ich alles (bis auf einen sehr starken Sonnenbrand im Gesicht – das nächste große Missgeschick dieser ersten Bergtour des Jahres) heil überstanden habe. Abgesehen davon habe ich sowohl die Rotspielscheibe, als auch den Fagstein erfolgreich – und noch dazu bei gutem Wetter – bestiegen. Aus der geplanten Bergtour im westlichen Hagengebirge wurde eine waschechte und teilweise extrem (!) anstrengende Hochtour! Übrigens: den ersten Menschen des heutigen Tages habe ich erst an der Priesbergalm getroffen – und das in den zentralen Berchtesgadener Alpen. Tja, warum wohl…?!

Beide Gipfel – sowohl der Fagstein (2164 m.) als auch die Rotspielscheibe (1940 m.) – sind bereits für sich allein äußerst lohnend. Zusammen jedoch ergeben sie eine wirklich außergewöhnliche Tour der Extraklasse! Die landschaftlichen Eindrücke und Ausblicke sind nicht nur herausragend schön, sondern auch ungewöhnlich – lernt man doch die Berchtesgadener Alpen aus einem völlig neuen Blickwinkel kennen. Diese Tour kann ich bei guten (schneefreien!) Verhältnissen jedem trittsicheren und alpin-erfahrenen Bergwanderer wärmstens empfehlen. Dennoch müssen ein paar wichtige Dinge beachtet werden: Zum einen ist die Tour relativ lang (9 Stunden reine Gehzeit bei besten Verhältnissen – ich habe insgesamt 12,5 Stunden gebraucht), zum anderen sind neben der obligatorischen Trittsicherheit auch Schwindelfreiheit, gute Orientierungsfähigkeiten und eine gewisse Ortskenntnis unbedingt erforderlich. Entscheidend sind aber (natürlich neben dem Wetter) vor allem die Verhältnisse. Bei Schneelage ist die Tour erheblich anspruchsvoller, anstrengender (!) und auch riskanter („Geißwand“ der Rotspielscheibe u.a.) – ob Schneeschuhe geholfen hätten, kann ich nicht sagen. Eines ist aber klar: Sind die Verhältnisse so wie in meinem Fall, wird aus der anspruchsvoll-einsamen Bergtour schnell eine gestandene Hochtour. In jedem Fall aber bietet diese abwechslungsreiche 3-Gipfel-Tour für jeden einsamkeitssuchenden Individualbergsteiger die ideale Möglichkeit, die vermeintlich überlaufenen Berchtesgadener Alpen mal von einer ganz neuen Seite kennenzulernen. Fagstein und Rotspielscheibe – zwei einsame und formschöne Gipfel abseits der bekannten und vielbegangenen Routen.

[Bild: Watzmann 2713 m. und Hochkalter 2607 m. am Morgen]

 

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